Kinderbild: Friedenstauben fliegen umringt von einem Herz der Sonne entgegen, Sinnbild für das Verständnis der Autorin zu Anti-Lockdown-Demos

Anti-Lockdown-Demo: All die Bekloppten beim Gruppenkuscheln mit den Rechten – „gegen“ Corona?

Oder: Warum „ganz normale Bürger“ wie ich jetzt auf die Straße gehen …

Der Mainstream-Tenor: Nur Vollidioten, Impfgegner, weltfremde Esoteriker und Rechte gehen zu einer Anti-Lockdown-Demo

„Du weißt, dass dich der Großteil der Menschen für dumm hält, wenn du jetzt tatsächlich zu dieser Anti-Lockdown-Demo gehst?“, warnte mich die Stimme der Angst. Scheiß drauf!, dachte ich nur. Sollte mich jemand zwingen wollen, irgendwelche Parolen zu grölen, hinter denen ich nicht stand, würde ich einfach gehen, schließlich war ich ein freier Mensch.

Doch die Anti-Lockdown-Demo hatte nichts von den gewöhnlichen Demos, die man von „von früher“ her kennt. Kein Gedränge, keine lauten Rufe, sondern: In einem abgegrenzten Areal saßen friedlich dreinblickende Menschen brav in Corona-Distanz zueinander auf dem Boden. Ich suchte mir ein Plätzchen und setzte mich dazu. „Get up, stand up, get up for your rights …“, sang Bob Marley.

 

Kinderbild: Friedenstauben fliegen umringt von einem Herz der Sonne entgegen, Sinnbild für das Verständnis der Autorin zum Thema  Anti-Lockdown-Demo
Ein von Kinderhand gemaltes Herz, Sinnbild für Frieden und Freiheit

Hilfe, die Rechten kommen!

Außerhalb unseres Areals war viel los, neugierige Passanten in buntem Mix mit denjenigen, die wohl gerne noch zu uns „reingekommen“ wären, aber aufgrund der aktuellen Beschränkungen nicht „hinter die Grenze“ durften. Etwas weiter weg befand sich eine Gruppe von Menschen mit Masken. Keiner sonst auf dem Platz stand so dicht beisammen wie sie. Und dann gab es noch den Trupp mit den kurzgeschorenen Haaren, ebenfalls schön weit außerhalb. Am Rande der Gesellschaft, wie sie es gewohnt sind. Mit starren Blicken hielten sie, brav den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einhaltend, ihre antiquiert-schnörkelschriftigen Plakate hoch. „Ein Glück sind die nicht mit hier drinnen, sonst steckt man dich noch mit denen unter einen Hut“, flüsterte die Angst.

Nachrichten von Experten mal andersrum

Dann kamen die Reden und lenkten mich ab. Zum Beispiel der im Krankenhaus tätige Arzt, der von Patienten erzählte, die wegen schwerer Krebserkrankung oder akuter Atemnot eine Intensivversorgung dringend nötig gehabt hätten, aber abgewiesen wurden. Wie so viele andere. Um Platz zu machen für den Ansturm an Corona-Patienten, der nie kam. Stattdessen das Personal in Kurzarbeit, das Krankenhaus macht seit Wochen Unsummen an Verlusten. Kein Ende in Sicht.

Oder die Sache mit den Särgen, die durch Italien getragen wurden. „Ja“, sagte da einer, „es gab eine größere Anzahl von Leichen, die aus italienischen Städten herausgetragen wurden. Warum? Weil die Medien die Bestatter so verunsichert hatten, dass sie sich schlichtweg aus Angst etliche Tage weigerten, die Toten wegzutragen. Und das sind die Bilder, die dann tagelang durch die Presse geisterten.“

Nur Impfgegner auf der Anti-Lockdown-Demo? Echt jetzt?

Dann die Sache mit dem Impfzwang. Den solle es nicht geben, nein. Es sei nur so, dass all jene, die sich nicht impfen lassen wollen, einfach von bestimmten Jobs oder Teilen des öffentlichen Leben ausgeschlossen würden. Keine Reisen mehr, keine Veranstaltungsbesuche. Aber einen Impfzwang, den gebe es nicht. Und das erzählte ein Arzt, der, wie er betonte, nicht grundsätzlich gegen das Impfen sei. Was auch mitschwang, vielleicht auch gesagt wurde: Die Skepsis gegenüber einer Zulassung nicht ausreichend getesteter Impfstoffe, die sich eventuell später als gesundheitsschädlich herausstellten.

Grob fahrlässiges Handeln, weil es Kohle bringt. Alles, was ich da hörte, bestätigte meine Meinung. Und da haben wir etwas für die aktuelle Debatte ganz Typisches: Jeder hört nur dann gerne hin, wenn die eigene Meinung vertreten wird. Und spiegelt die Anklagen der Gegenseite. Für diejenigen, die hinter den Maßnahmen der Regierung stehen, sind wir diejenigen, die aus verschiedensten Gründen grob fahrlässig handeln.

Du bist dumm ….  Nein, du! … Du! Nein, du! Ähm, ja …

Jede Seite unterstellt der Gegenseite Dummheit und Unkenntnis. Nur das, was ins eigene Weltbild passt, ist richtig. Und dabei – auch wieder eine Gemeinsamkeit – plappern beide Seiten nur das nach, was sie hören. Keiner weiß, wie es wirklich ist, die wenigsten waren zum Beispiel persönlich in einem Krankenhaus, weder in einem überfüllten noch in einem leeren, aber es wird das weitergegeben, was zu dem passt, was man selbst denkt. Und das wiederum ist völlig natürlich, denn der Mensch ist nun mal ein von Vorurteilen bzw. vorschnellen Urteilen getriebenes Wesen. Schön ist es, wenn man trotz automatischem Schubladendenken in der Lage ist, die Gegenseite leben zu lassen und die Schubladen gegebenenfalls neu zu sortieren. Was nicht zwangsläufig heißt, dass man die Meinung des anderen übernehmen muss.

Aber es kann passieren.

Glückskäfer als Sinnbild für Frieden, Liebe und Verbundenheit in der Welt. Für ein baldiges Ende der Notwendigkeit
Der Glückskäfer als Erinnerung daran, dass ganz bestimmt trotz all diesem momentanen Chaos da draußen alles gut werden wird

Kurzer Exkurs: Von Vorurteilen und den Spinnern der Minderheit

Wenn ich zurückdenke an Zeiten, in denen ich noch lautstark gegen verschiedene Minderheiten gewettert habe, dann war das in der Regel immer nur dann der Fall, wenn ich tief im Herzen wusste, dass was dran war an dem, was diese Minderheiten sagten. Wenn sie bei mir einen wunden Punkt trafen. Weil ich wusste, dass sie die Wahrheit sagten, aber eine Wahrheit, von der ich bitteschön überhaupt niemals mehr etwas hören wollte, denn ich wusste eins:

Würden sie nicht aufhören damit, mir all diese Dinge immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, könnte ich das Gesagte irgendwann nicht mehr verdrängen. Dann würde mein wunderschönes, altbewährtes Weltbild zusammenbrechen und ich müsste nicht nur alles neu ordnen, sondern ich müsste mich auch selbst verändern, mit ungewissem Ausgang. Und Veränderung kostet Kraft, genau wie das plötzliche Umschwenken von Mainstream-Meinung auf Minderheiten-Zugehörigkeit. Bloß nicht! Man will ja schließlich dazugehören und auf der sicheren, auf der bequemen Seite sein.

Ob das bei denen, die gerade anders denken als ich, auch so ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht …

Zurück zur Anti-Lockdown-Demo:

Windhundmischling auf Anti-Corona-Demo in Kaiserslautern. Auf dass die Anti-Lockdown-Demo bald nicht mehr notwendig sein wird
Demohund: Sitzt genauso friedlich auf der Anti-Lockdown-Demo wie alle anderen

Störenfriede Maskenträger

Es sprachen vier Menschen, ehe die Veranstaltung vorzeitig abgebrochen wurde, weil die immer wieder dazwischenschreienden Maskenträger sich im Gegensatz zu allen anderen Zuhörern weigerten, den Mindestabstand einzuhalten. Ob sie das vorzeitige Ende als Erfolg verbuchten? Was wollten sie eigentlich erreichen? Für welche Werte standen sie ein? Ein Statement habe ich nicht gehört, lediglich einen am ganzen Körper zitternden Mann mit Maske, der die letzte Rednerin informierte, dass wir uns auf die Seite der Falschen stellen würden. Ehe irgendwer noch Rückfragen hätte stellen können, war der Mann schon verschwunden.

Gerne würde ich wissen, was das Problem ist. Nicht nur seins, sondern auch das all der anderen Menschen, die gerade über das Thema Anti-Lockdown-Demo schimpfen. 

Stiftskirche in Kaiserslautern: Ort der Demonstration für den Frieden bzw. friedliche Sitzmeditation oder auch Coronademo oder Anti-Lockdown-Demo genannt
Die Stiftskirche in Kaiserslautern, wo sich Anfang Mai die Meditierenden aka Demonstrierenden zur Anti-Lockdown-Demo versammelten

Anti-Lockdown-Demo: Worum gehts eigentlich?

So, wie ich das verstanden habe, ging es den anderen bei der (übrigens angemeldeten und genehmigten Demo) genau wie mir darum, ein Statement zu setzen für Freiheit, Grund- und Menschenrechte. Es ging darum, nein zu sagen zu Radikalität, Unaufrichtigkeit und Schikane (egal, von welcher Seite). Und wir wollen unsere Besorgnis kundtun über als Lockerungen getarnte weitere fragwürdige Einschränkungen und die bedenklich einseitige Darstellung durch Presse, Institutionen und Politik, die zu dieser unfassbaren Welle der Angst geführt hat. Immer höher wird sie, die Welle, weil die wenigen Meldungen, die die Menschen beruhigen würden, so oft ignoriert werden, sowohl von der Presse selbst als auch von den Lesern. Denn Angst macht den Anschein zu verbinden. Und das wirkt erst mal beruhigend, schließlich ist man ja nicht allein damit, sondern Teil einer größeren Gruppe – oder in diesem speziellen Fall sogar Teil der Masse.

Wer schreit, hat Recht? Oder: Was ist mit all denen, die schweigen?

Wobei ich mich langsam frage: Die breite Masse ist mit den Eindämmungsmaßnahmen und Restriktionen einverstanden – ist das wirklich so? Hörbar ist am Anfang sicher immer der, der schreit. Aber wer schreit, ist Sklave seiner eigenen Emotionen und die speisen sich – mal wieder – aus Angst und Unsicherheit. Gibt es nicht vielleicht eine große Anzahl an Menschen, die das, was da passiert, genau wie ich von Anfang an oder spätestens seit Bekanntgabe bestimmter Maßnahmen für seltsam, übertrieben, für unangemessen hält, sich aber bisher dachte: Ach, das wird sich schon alles von selbst regeln!? 

Möglicherweise haben viele noch gar keine Meinung, da sie vor lauter Informationsflut einfach gar nicht mehr wissen, wem oder was sie glauben sollen? Eventuell finden viele aber gerade jetzt ihre Meinung – oder den Mut, ihre Stimme zu erheben und sich sichtbar zu machen. Vielleicht fanden sie es die ganze Zeit zu anstrengend oder energiezehrend, sich öffentlich gegen den vermeintlichen Mainstream zu stellen, weil sie wussten, wie der Großteil derjenigen, die gerne ihre Meinung öffentlich kundtun, darauf reagieren würden.

Ähem, aber könnte es nicht auch sein, dass … Neeiiiin! Auf gar keinen Fall!!!

Es macht keinen Spaß, zaghaft Worte des Bedenkens zu äußern, nur um dann gleich von einer Horde Andersdenkender verbal zerfleischt zu werden. Wobei ich auch diese Reaktion verstehe und von mir selbst kenne: Den Versuch, aus dem Verstand heraus Menschen von der eigenen Meinung zu überzeugen, weil man sich einfach so viel besser fühlt, wenn man sich selbst im Recht wägt. Und wenn gefühlt überall in der Presse die gleiche Meinung vertreten wird, dann ist man doch ganz sicher im Recht, oder?

Beim Blick in den Himmel erstrahlen für uns alle die gleichen Sterne, die gleiche Sonne, der gleiche Mond. Warum fällt es uns so schwer, trotz aller Differenzen die Ähnlichkeiten zwischen uns Menschen zu erkennen?
Wenn wir in den Himmel schauen, sehen wir alle dasselbe. Warum ist es so schwer, dasselbe zu sehen, wenn wir die Geschehnisse auf der Erde betrachten?

Ich kenne einige, die sich diesen ganzen Wahnsinn jetzt lange geduldig, wenn auch ungläubig angeschaut und nun beschlossen haben: Es reicht! Und ich bin mir sicher: Auch dieser stille, bisher passive Widerstand kann sehr präsent werden. Aber er speist sich nicht aus vorschnellen, angstgetriebenen Aktionen, sondern hört erst auf das Herz und handelt dann. Reflektiert und so gut es geht aus der Ruhe und Liebe heraus. Daraus entsteht eine ganz andere Kraft. Und ich freue mich, weil ich fühlen kann, dass genau diese Kraft gerade stärker und irgendwann auch die Mainstream-Medien erreichen wird.

Was wirklich Angst macht: Die aktuelle Berichterstattung zum Thema Anti-Lockdown-Demo und Corona generell

Als das Ganze vor gefühlten Monaten losging, habe ich anfangs auch noch die Nachrichten verfolgt. Und schnell gemerkt, wie sehr sie mich beunruhigten. Also habe ich aufgehört mit dem Medienkonsum – man bekommt, selbst wenn man es nicht will, ohnehin noch genug mit. Ohne Nachrichten, egal ob pro oder contra, fühlte ich mich wesentlich besser, ruhiger, entspannter.

Wie ich mich fühle, das ist für mich schon lange der einzige Indikator für mein Handeln. Ich reflektiere immer: Wie geht es mir, wenn ich etwas Bestimmtes tue oder unterlasse? Geht es mir gut? Dann mache ich weiter damit, denn ich will mehr davon. Fühle ich mich verängstigt, beklemmt, unter Druck gesetzt? Dann ist der Weg für mich eine Sackgasse und ich suche mir einen, der sich besser anfühlt.

Habe ich mich auf der Anti-Lockdown-Demo irgendwann mal verängstigt oder beklemmt gefühlt? Ja, durchaus. Aber weder bei den Reden noch während der anschließenden Meditation oder den Schweigeminuten für den Frieden. Die Beklemmung hing irgendwie mit den Rechten zusammen, aber ich konnte sie nicht greifen.

Kinderbuchautorin Sandra Schindler mit Friedensblume auf Anti-Lockdown-Demo
Geschenkt: Ein kleines Mädchen schenkte meiner Tochter als Zeichen des Friedens und der Verbundenheit diese Blume – fotografiert von der anderen Tochter … 😉

Wenn du nicht meiner Meinung bist, bist du nicht mehr mein Freund!

Mal wieder waren es die (von mir täglich nur noch minutenweise frequentierten) Massen-Social-Media, die mir geholfen haben zu verstehen. Da griff nämlich gerade wieder die gleiche Strategie um sich, die schon trendy war, als das Ganze mit der AFD damals anfing: „Boah, da hat einer die ganze Zeit rechte Parolen weiterverbreitet, den hab ich jetzt einfach mal stillschweigend rausgeschmissen aus meinem Freundeskreis.“ Cool. So schnell kann man Probleme lösen, dachte ich damals, als ich in der Hinsicht noch ziemlich unreflektiert unterwegs war – und zack, verschwand, wie ich es bei meinen Vorbildern gesehen hatte, dieser eine Mensch aus meiner Freundesliste, mit dem ich zu Studizeiten in meiner Lieblingskneipe völlig unbeschwert das eine oder andere Bier getrunken hatte.

Als ich meinen Rausschmiss kundtat, wurde ich gleich von jemandem, den ich sehr schätze, ermahnt: „Mensch, Sandra, hast du da nicht bisschen kurz gedacht?“

Genau diese Begebenheit kam mir in den Sinn, als ich die letzten Tage wieder den Trend hochkommen sah, Andersdenkende aus dem virtuellen Freundeskreis zu pfeffern. Nur waren es jetzt keine Menschen mit rechter Gesinnung, sondern diejenigen, die das, was da gerade abgeht, kritisch beäugen und das vielleicht aus Übereifer zuweilen mit ebenso krassen Worten kundtun wie die Gegenseite.

Späte Reue, aber besser spät als nie …

Mir tut es inzwischen sehr leid, diesen Menschen ohne ein einziges Wort der Warnung verbannt zu haben. Ich hätte das Gespräch suchen, ihn verstehen können. Was nicht bedeutet hätte, dass ich seiner Meinung gewesen wäre, aber ich hätte versuchen können, ihm Respekt und Achtung entgegenzubringen. Stattdessen habe ich mich weiter in meine Heile-Welt-Bubble zurückgezogen, in der es keine Rechten in meiner Umgebung gibt. Und ihn habe ich weiter in seine Bubble abdriften lassen, in der die Rechten in der Mehrheit sind. So habe ich aktiv dafür gesorgt, die Fronten weiter zu verhärten und ihm die Chance genommen, von mir zu lernen. So, wie ich mir die Chance genommen habe, von ihm zu lernen.

„Echt jetzt, Sandra, dein Ernst? Was hättest du von so einem lernen wollen?“ Keine Ahnung. Dieser spezielle Zug ist unbesetzt abgefahren.

Aber ich weiß immerhin, was mich die Rechten auf der Anti-Lockdown-Demo gelehrt haben. Erstens das, was auch der Veranstalter gesagt hat: Es geht hier nicht um rechts oder links, denn das hier ist keine politische Sache im klassischen Sinne. Das hier geht uns alle an, egal, auf welcher Seite wir stehen. Unser Ziel ist es, von der Angst zurück in die Liebe zu finden, in eine vielleicht vollkommen neue Welt, in der wir uns gegenseitig auf Augenhöhe begegnen können, in Freiheit, und unabhängig von der jeweiligen Einstellung zum Thema.

Zumal es ohnehin nie ein Richtig oder Falsch gibt, sondern nur eine subjektive Meinung, für die sich ein Mensch aus irgendeinem Grund entscheidet. Die objektive Wahrheit kennt keiner. Dennoch finde ich es richtig und wichtig, dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern darf. Völlig egal, wie sie ausfällt. Und um dafür einzustehen, setze ich mich sehr gerne auf die Straße.

„Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe …“

Als die Anti-Lockdown-Demo längst vorbei war, versuchte ich, mich noch mal an einen der Männer mit kurzgeschorenem Haar und Schnörkelplakat zu erinnern und beschloss, wie ich es als Empathin manchmal mache, mich in ihn einzufühlen, um ihn besser zu verstehen.

Hinter dem kalten Blick konnte ich vor allem eins erkennen: Beklemmung, Orientierungslosigkeit, Angst – und das, was der Engländer „self-consciousness“ nennt, also das Wahrnehmen der eigenen Präsenz, aber auf eine sehr negative Weise. Da hatte er gestanden, dieser Mann, und war zur Abwechslung mal der gleichen Meinung gewesen wie so viele andere Menschen aus den verschiedensten Berufen und Gesellschaftsschichten, von verschiedenster politischer und religiöser Gesinnung. Da war seine Hoffnung, unter diesen Voraussetzungen endlich einmal dazuzugehören, aber er sah in den wenigen Momenten, in denen sein Blick nicht stur geradeaus gerichtet war, die Blicke der anderen, voller Hass, Ekel und Abscheu. Einer wie er, nein, der gehörte nicht hierhin. Mit einem wie ihm wollten sie alle nichts zu tun haben. So viel Enttäuschung konnte ich da fühlen. Er hatte diese Randgruppenpartei ja nicht umsonst gewählt, sondern engagierte sich dort in der Hoffnung, dass ihn endlich mal jemand ernst nahm, ihn respektierte, so, wie er eben war, mit all seinen schon in der frühen Kindheit kultivierten Macken, Phobien und Berührungsängsten.

Mein Wunsch: Mehr menschliches Handeln aus Liebe …

Das, was ich trotz all seiner Kälte und Härte plötzlich in ihm fühlte, war der Wunsch, den du und ich, den wir alle tief in uns tragen. Der Wunsch nach Nähe, nach Berührung, nach Liebe. Auf einmal war da diese Welle von Verständnis für diesen Mann. In einer anderen Welt, in der ich gleich von Anfang an selbst ohne Angst vor dieser Art von Mensch gewesen wäre, hätte ich die Uhr zurückgedreht, wäre auf ihn zugegangen und hätte ihn umarmt. Na, wobei, ich habe auch Respekt vor denjenigen, die diese in meinen Augen sehr heilsame Geste der Menschlichkeit und Liebe gerade am meisten fürchten, deshalb: ein von Herzen kommendes, aufrichtiges Lächeln hätte schon gereicht.

Blumenmandala auf Frühlingswiese als Sinnbild für den Frieden für das baldige Ende der Notwendigkeit von Demos
Die Welt aus Kinderaugen betrachtet – und als Kunst zum Ausdruck gebracht: friedlich und liebevoll. Ein wunderbares Vorbild für uns Erwachsene

Nicht nur auf der Anti-Lockdown-Demo notwendig: Sich an die Liebe erinnern

Ich glaube, wenn mehr von uns nicht nur in Gedanken, sondern auch in der Realität zu solchen Gesten der Liebe in der Lage wären, dann gäbe es überhaupt keine extremen Gruppierungen – sie hätten keinen Grund mehr zu sein. Und es gäbe auch diese Spaltung in der Gesellschaft nicht, die einem Teil von mir gerade ziemliche Sorgen bereitet, während der andere zuversichtlich ist, dass sich dieses Chaos sehr bald sortieren wird.

Wir haben die Welt, wie wir sie kannten, in Schutt und Asche gelegt. Aus dem Schutt lässt sich ganz bestimmt etwas Neues bauen, keine pompöse Festung vielleicht, aber dafür eine hübsche, naturnahe Hütte, mit echter Solidarität, Zuversicht und Liebe als Bausteinen. Und Asche ist fruchtbar. Warum nicht gemeinsam die Samen säen für gegenseitiges Verständnis, Respekt und Achtung für alle Lebewesen, in dem tiefen Wissen, dass wir alle, trotz manchmal unüberwindlich erscheinender Differenzen, miteinander verbunden sind? Denn wir sind alle eins: Kinder dieser Erde. Sie sowie einander zu schützen, zu achten, zu respektieren und sich gegenseitig liebevoll zu begegnen, ist das, was jetzt zählt.

Anti-Lockdown-Demos: Warum es wichtig ist, auf die Straße zu gehen und sich sichtbar zu machen für Freiheit, Toleranz, Menschenrechte und Demokratie

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3 thoughts on “Anti-Lockdown-Demo: All die Bekloppten beim Gruppenkuscheln mit den Rechten – „gegen“ Corona?

  1. Antworten
    Daniel - 18. Mai 2020

    Liebe Sandra,

    danke für Deinen Beitrag. Ich bin der gleichen Meinung, nur fehlt mir der Mut, das öffentlich anzusprechen. Zu schnell wird man als Verschwörungstheoretiker betitelt oder als Aluhutträger verspottet. Anfangs dachte ich mir auch, “Das können sie doch nicht ernst meinen, das wird nächste Woche wieder erlaubt.”, doch es kam schlimmer. Ich hoffe, dass wir trotzdem eine Gesellschaft aufbauen, wie du sie beschreibst.

    Liebe Grüße

    Daniel

    1. Antworten
      Sandra - 19. Mai 2020

      Lieber Daniel,

      ich habe in der Tat auch sehr lange überlegt, ob ich mich wirklich öffentlich und dann auch noch kritisch gegen die vermeintliche Massenmeinung äußern soll, denn es ist genau so, wie du sagst: Es erfordert sehr viel Mut. Und genau diesen Mut hast du ebenfalls aufgebracht, indem du diesen mich bestärkenden, Mut machenden Kommentar abgegeben hast, wofür ich dir ganz herzlich danken möchte.

      Und ja, wir teilen offenbar nicht nur die Meinung zum Thema Corona, sondern auch die Hoffnung zum Thema Gesellschaftswandel. Lass uns lieber wünschen statt hoffen, denn ich glaube daran, dass aus der Liebe heraus geäußerte Wünsche früher oder später immer wahr werden. 🙂

      Alles Liebe

      Sandra

  2. Antworten
    Richard - 1. Juni 2020

    Ich stimme dir voll und ganz zu. WIr als Gesellschaft müssen endlich Teil des großen Ganzen werden und zusammenhalten um zu wachsen. Anders funktioniert es nicht und wir kommen aus solchen Strukturen nie raus. Vielen Dank für deinen tollen Artikel!
    Beste Grüße an dich! Du leistest einen echten Mehrwert!

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