Waldorfschule Teil 4: Waldorfpädagogik – darum sind wir anders

Die Waldorfschule öffnet jedem Kind seine ganz eigene, individuelle Tür.

(Werbung, da Nennung) „Sie lachen über mich, weil ich anders bin. Ich lache über sie, denn sie sind alle gleich.“
Dieses Zitat (egal, ob es nun Kurt Cobain oder Jonathan Davis zuerst gesagt hat) begleitete mich auf dem Heimweg vom ersten Impulsvortrag meiner Waldorfschule. Es passte so gut. Dass das Bildungssystem nicht funktioniert, ist den meisten klar. Aber warum nicht? Ich fasse für euch den vor einiger Zeit gehörten Vortrag zusammen.

Tür zu hübschem Häuschen
Um sich zu entfalten, braucht jedes Kind eine ganz individuelle Tür. Die gibts maßangefertigt in der Waldorfschule (Foto: Georgia de Lotz, Unsplash)

Junge Menschen verblöden immer mehr

Laut einer Studie von 2018, die über die letzten 8 Jahre von der Uni Bonn durchgeführt wurde, können die Studierenden immer weniger. Es ist ein Katalog an Defiziten, der die Uni-Absolventen kennzeichnet. Was können sie aber denn nun gut, die Studis von heute? Auswendig gelernte Inhalte runterbeten, das geht ohne Probleme. Aber eigenständiges Denken? Fehlanzeige!

Solche polarisierenden Aussagen finde ich immer schwierig, zumal man ja für alles, was man belegen möchte, Beweise finden kann. Dennoch: Wenn man sich umhört, scheinen die Aussagen der Wissenschaftler einen Nerv zu treffen: Ich spreche öfter mal mit Regelschullehrern. Und genau das ist der Tenor, genau darüber wird immer wieder lamentiert.

Aber woher kommt diese tatsächliche oder vermutete Verblödung? Es gibt sicherlich viele Faktoren. Beim Vortrag wurde ein bestimmter Aspekt beleuchtet, und zwar: die Leistungsgesellschaft trägt die Schuld.

Ich war nie gut genug. Jetzt will ich wenigstens dafür sorgen, dass es meinen Kindern nicht auch so geht

Aus einem Mangelgefühl heraus beginnen die Erwachsenen schon bei den Allerkleinsten mit der Bildung. Was Hänschen nicht lernt … ihr wisst schon.

Und man könnte ja meinen, dass das funktioniert. Aber wenn man der Studie Glauben schenkt, ist das Gegenteil der Fall. Das angstbasierte Lernen führt zu einer Art Abwehrreaktion: Der Intellekt wäre zwar in der Lage, die Inhalte zu verinnerlichen, aber der Wille dazu fehlt.

Mädchen hat Angst, Gesicht im Profil
Funktioniert gar nicht: Angstbasiertes Lernen (Foto: Alexander Krivitskiy, Unsplash)

Steiners Ansatz: Der Intellekt ist nicht alles

Wie es besser geht? Steiner sagte: Bis zum Ende der 8. Klasse sollte das Denken zweitrangig sein. Was natürlich nicht heißt, dass die Waldorfschüler Vollidioten sind, weil man ihnen das Denken verbietet. Nein, es heißt lediglich, dass der Intellekt sich auf natürlichem Wege entwickeln kann, ohne dass er sich verbiegen muss, um sich Inhalte einzuverleiben, für die das Kind noch gar nicht bereit ist.

Vor allem impliziert das Denken ja in der Regel auch das Kategorisieren und damit das (Ver-)Urteilen. Oder aber das Sich-beeinflussen-Lassen von den Menschen, die einen im Denken schulen. Da werden dann mit dem Denken auch die entsprechenden Urteile übernommen, doch gerade das Freisein von Schubladendenken möchte Steiner so lange wie möglich erhalten. Wer urteils- und wertfrei handelt, ist offen und lebensbejahend.

Wichtiger als das Abstrahieren ist der Zugang zu den Künsten bzw. das Erleben der Welt mit allen Sinnen. Wird zum Beispiel die Welt der Musik in jungen Jahren nicht erschlossen, kann der Mensch diese Tiefe und diese Art, die Welt wahrzunehmen, nicht mehr erschließen.

Waldorfpädagogik: Den Menschen als Dreiklang wahrnehmen

Ab der 9. Klasse ändert sich der Fokus weg vom Denken dann schlagartig, aber bis dahin läuft es anders als in der Regelschule, denn die Waldorfschule sieht von Anfang an den kompletten Menschen. Sie betrachtet ihn aus ganzheitlicher Perspektive, versteht die Entwicklung des Menschen als Dreiklang, nämlich als ein Zusammenspiel aus Intellekt, Gefühl und Wille. Diese drei Komponenten werden als gleichermaßen wichtig angesehen. Somit wird schon früh die Empathiefähigkeit geschult. Nein, falsch, beibehalten, im Gegensatz zum Ansatz in der Regelschule, denn dort wird sie zuweilen, wie wir gesehen haben, vom ersten Tag an abtrainiert, um den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft zu genügen.

Bedürfnisorientiert erziehen ist was für Angsthasen?

Wie ist das mit dem Willen? In unserer antiautoritären Welt, in der wir gerade leben, neigen wir dazu, die Kinder zu überfordern, dadurch, dass wir ihnen zu viele Freiheiten lassen. Es ist okay zu fragen, ob das Kind ein Schokoeis oder ein Erdbeereis will, aber dass wir überhaupt in die Eisdiele gehen, das sollte der Erwachsene entscheiden. Und zwar nicht mit Hilfe einer gewaltgeprägten Autorität, sondern mit Hilfe einer liebevoll-entschlossenen, einer Autorität, die den Kindern sagt: So, da gehts lang!

In dem Moment, als der Mann das sagte, habe ich förmlich den Aufschrei aus der Welt der bedürfnisorientierten Erziehung gehört. Aber ich kann nachvollziehen, wie es gemeint ist: Liebevoll zu führen, heißt nicht zu zwingen, sondern die Richtung zu weisen. Die sich dann später ändern kann, wenn das Ganze auf Augenhöhe gemeinsam beschlossen wird.

Drei Rosen
Drei Komponenten werden in der Waldorfschule gleichermaßen gefördert: Intellekt, Wille und Gefühl (Foto: Jess Watters, Unsplash)

Die Kinder wünschen sich Strenge

Ich hatte hier schon öfter den Fall, dass Mini und Maxi etwas Bestimmtes wirklich nicht machen wollten. Zum Beispiel innerhalb von 2 Tagen die Tube einer kompletten Zahnpasta verschwinden zu lassen. Sie wollten es nicht tun, aber es war so verlockend, den Inhalt da rauszudrücken und wohin auch immer hineinzustopfen. Und ich mit meiner anti-adultistischen Haltung habe sie mit meinem Vertrauen in sie komplett überfordert. Immer wieder stellte ich ihnen hoffnungsvoll eine neue Tube hin und immer wieder war sie in kürzester Zeit leer.

Meine Mädels wollten dieses Vertrauen in sie gar nicht, sondern sagten mir: „Mama, du musst die Zahnpasta verstecken und darfst uns nicht sagen, wo sie ist!“ Mit anderen Worten: „Mama, du musst auf eine liebevolle Weise streng zu uns sein, um uns und damit auch dir selber Halt zu geben.“

Rate ich jetzt plötzlich von einer bedürfnisorientierten Erziehung ab? Nein, aber ich stimme mit dem Referenten in Folgendem überein: Ich rate davon ab, diese Art von Erziehung vorzuschieben, aus Angst davor, selbst Entscheidungen zu treffen. Die Kinder brauchen jemanden, der ihnen Halt gibt.

Aber Halt bekommt man nicht dadurch, dass man zu früh zu viel Freiheit spüren darf, dann voller Tatendrang und gleichzeitig randvoll mit Unsicherheit auf den nächstbesten Felsen klettert und schließlich abstürzt. Den Kindern Halt zu geben heißt, mit ihnen gemeinsam klettern zu gehen. Wenn das Kind nicht mitmachen will, okay, kein Problem. Es kommt der Tag, an dem es dazu bereit sein wird.

Wenn es aber klettern möchte, heißt Halt geben, da zu sein. Traut sich das Kind auf den Felsen, steht der Erwachsene mit einer liebevollen, fast unsichtbaren Sicherung im Hintergrund. Bei einer solchen Basis ist auch ein kurzer Absturz kein Problem, denn das Seil, die sichere Bindung, hält.

Auch mal wieder: Handeln aus Liebe statt aus Angst

Ich verstehe sehr gut, wie sie gemeint ist, diese etwas andere Erziehung in der Waldorfschule. An der Regelschule wird Lernen erzwungen durch das Schüren von Angst („Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, schreibst du schlechte Noten. Und mit schlechten Noten kann nichts aus dir werden.“), den Einsatz von Strafen („Wenn du das noch einmal machst, dann …“) und das Fördern von Ehrgeiz („Nimm dir mal ein Beispiel an deinem Vorgänger. Er ist viel schneller gerannt als du. Hör auf, die Blumen neben dem Sportfeld zu betrachten, und beweg deinen Hintern, sonst bleibst du immer der Schlechteste im Sport!“).

In der Waldorfschule hingegen wird das Lernen ermutigt durch Liebe.
Natürlich kommt auch dort mal das Thema auf, wer der Größte, der Beste oder der Tollste ist. Wie der Lehrer darauf geantwortet hat, wenn sich seine Schüler darüber den Kopf zerbrachen? „Ich glaube nicht, dass es einen Besten hier gibt. Der eine kann dies gut, der andere das. Aber einen Besten gibt es nicht. Außer vielleicht denjenigen, der seinen Mitschülern mit dem größten Maß an Liebe begegnet. Das wäre in meinen Augen der Beste, wenn ihr denn unbedingt einen braucht.“

Nach der Waldorfschule: Verlorene Kinder ohne Sinn für Realität?

Ja, kommen denn die Kinder dann da aus der Waldorfschule raus, sind völlig weltfremd und schweben auf einer Wolke aus Liebe, die in der wahren Welt nicht existiert? Das ist eins der häufigsten Vorurteile, das ich im Bezug auf die Waldorfschule höre.

Die Wahrheit ist, dass die Kinder sehr wohl wissen, wie es in der Welt zugeht. Sie sind sich bewusst, dass da draußen ganz viel mit dem Einsatz der Ellbogen erreicht wird. Doch sie selbst machen es anders. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil sie es nicht nötig haben, denn sie haben liebevolle Führung gelernt, wie sie sie im Optimalfall jahrelang erlebt und später auch selbst erprobt haben. Das ist auch der Grund, weshalb Führungskräfte mit Waldorfabschluss so beliebt sind.

Wütender, angriffslustiger Otter
Auch Waldorflehrer sind mal wütend oder frustriert und reagieren dann nicht angemessen (Foto: Jason Hafso, Unsplash)

Niemals ein lautes Wort in der Waldorfschule?

Ja, und wie ist das denn mit Strafen und Schimpfen? Gibts das auf der Waldorfschule nicht? Doch, das gibts, denn: „Sie werden immer wieder sehen, dass sich Lehrkräfte nicht korrekt verhalten, denn das sind auch nur Menschen, die in jedem Moment das Beste geben, was sie geben können. Manchmal sind sie überfordert und machen Fehler. Aber wichtig ist es, das Konzept und die Einstellung dahinter zu verstehen: Alles, was wir Lehrer wollen, ist, aus Liebe zu handeln, denn nur ein junger Mensch, der Liebe erfährt, kann in seinem ganzen Licht strahlen.“ Okay, ganz so hat er es nicht gesagt, der Referent, aber das war das, was ich zwischen den Zeilen gehört habe.

Wichtig war ihm auch, eins immer wieder zu betonen, was mir ebenfalls wichtig ist: Es geht hier nicht darum, die Menschen hinter der Regelschule zu verurteilen, sondern es geht darum, das System zu verändern, zu zeigen: Schaut, Leute, so kann man es auch machen. So kann man erziehen und gleichzeitig die Persönlichkeit stärken und die Seele wachsen lassen. Nehmt es als Anreiz zu schauen, was davon ihr übernehmen könnt und was davon euch inspiriert, manches anders zu machen als vorher, sofern es in eurer Macht steht. Im Sinne der Kinder. Und im Sinne eines allumfassenden Miteinanders.

Fazit: Nicht das Kind, sondern die Tür muss passen

Der Lehrer hat den Unterschied zwischen Waldorfschule und Regelschule mit einem wunderschönen Bild zusammengefasst: In der Regelschule gibt es eine Tür. Alle müssen durch die gleiche Tür, unabhängig davon, wie groß sie sind. Zu groß? Dann muss man sich halt ein bisschen verbiegen, um hindurchzupassen!
In der Waldorfschule hingegen wird Maß genommen vom Menschen – und dann anhand seiner Größe für ihn ganz allein eine individuelle Tür gefertigt.

Hast du die ersten 3 Teile meiner Reihe schon gelesen? Hier geht es darum, weshalb ich Waldorfschulen für besser als Regelschulen halte, hier zeigt sich das anhand der Einschulung und an dieser Stelle kannst du lesen, welche Beobachtungen ich vor dem Wechsel in die Waldorfschule gemacht habe.

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Pin Meister und Schülerin lernen im Sand

1 thought on “Waldorfschule Teil 4: Waldorfpädagogik – darum sind wir anders

  1. Antworten
    Petra - 7. November 2018

    Genau meine Art der Erziehung. Allerdings habe ich auch Regelschulen gefunden, wo das funktioniert … für eins meiner Kinder passt die Mittelschule (früher: Hauptschule) perfekt. Möge jede Familie Schulen mit passenden Türen finden und möge eure Waldorfschule so toll bleiben!

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