Waldorfschule Teil 3: Die lernen ja gar nix, die spielen nur!

(Werbung, unbezahlt)  

Wie gehts eigentlich zu in einer Waldorfschule? Ich kenne nur diese eine, von der ich glaube, dass Steiner begeistert wäre, weil sie dem entspricht, was er als Vorstellung einer guten Schule im Herzen trug. Für euch habe ich meine allerersten Eindrücke von der Schule festgehalten.

8 Beobachtungen vor dem Wechsel auf eine Waldorfschule. Was ist ähnlich, was ist anders?

„Wenn du zum ersten Mal in eine Waldorfschule kommst, scheint dir das alles so unwirklich. Alles ist fast schon zu schön, um wahr zu sein. Man muss den Verstand erst daran gewöhnen, dass das alles kein Traum ist.“

Punkt 1: (Fast) aus der Vogelperspektive. Mein erster Eindruck vom Außengelände

Die Worte meiner Freundin hallten in meinem Kopf, als wir uns zum ersten Mal auf den Weg zur Waldorfschule unseres Vertrauens machten. Dort war gerade Frühlingsfest. Ein riesiger Garten, in dem alles blühte, lag vor uns. Zwischendrin ein paar Spielgeräte. Das sollte der Pausenhof einer Schule sein? Fühlte sich eher an wie Ankommen im Urlaub!

Das Schulgebäude hatte ich vorher nur von der Straßenseite aus gesehen. Von dort sah es nicht gerade einladend aus. Nun kam ich von hinten und es haute mich um. Ein farbenfrohes Haus, das mich ein wenig an eine mediterrane Villa erinnerte. Ein ehemaliges Weingut, wie ich heute weiß.

Waldorfschule mit Blumenbogen am Schuleingang
Der Eingang zur Schule am Tag von Minis Einschulung

Überall wurde vorbereitet: Es gab Stände mit Selbstgebasteltem, mit handgeschöpften Seifen und Bio-Olivenöl, gegenüber eine Kinderschminkstation, Kaffee, Kuchen, Waffeln, einen Barfußpfad und einige Bastelstände: Origami, eine Ytong-Steinbearbeitungsstation – und eine dritte, an der man Ketten aus Holz anfertigen konnte.

Punkt 2: Herangezoomt. Der Blick ins Klassenzimmer

Unsere Schule ist klein, von daher sind auch die Klassenzimmer klein und schnuckelig, teilweise mit kuscheligem Teppichboden ausgelegt, mit kunstvollen Gemälden an der Tafel – und überhaupt: gemütlich eingerichtet. Sie erinnern mit all den liebevollen Details eher an ein Wohnzimmer als an ein Klassenzimmer.

Punkt 3: Die Lehrer. Handeln auf Augenhöhe statt Adultismus

Dass die Lehrer den Schülern ebenso wie den Eltern auf Augenhöhe begegnen, ist unverkennbar. Da scheint auch privat viel Austausch stattzufinden. Die regelschulübliche Abgrenzung zwischen Beruflichem und Privatem ist nicht erkennbar. Abgesehen davon „schweben“ viele der Lehrer. Anders kann ich es nicht sagen. Auch nach einem Arbeitstag haftet ihnen eine Leichtigkeit und eine positive Energie an, die hochgradig ansteckend ist: Man merkt den Kindern an, dass sie sich wohlfühlen in der Schule und gern dort hingehen.

Außerdem sind die Lehrer aufmerksam. Sie merken sofort, wenn jemand neu da ist. Oft ist es unangenehm, irgendwo neu zu sein, weil man das Gefühl hat, als störender Eindringling wahrgenommen zu werden. Nicht dort.

Einmal wartete ich gerade darauf, dass der Probeunterricht meiner Tochter zu Ende ging. Ein Lehrer, der mich nicht kannte, sprach mich an, wer ich denn sei und was ich da mache. Erstaunlich, diese nette Begrüßung. Schon allein das suggeriert Respekt und Achtung für jeden Menschen.

Punkt 4: Die Schüler. Sehen die Lehrer als Freunde

Ich beobachtete einen Lehrer, der sich mit einer Mutter unterhielt. Plötzlich kamen drei ältere Mädchen und zogen den Lehrer sanft, aber mit viel Gekicher von der Frau weg. Er machte eine entschuldigende Geste in ihre Richtung – und ließ sich mitziehen. Wieder ein Zeichen für die Begegnungen auf Augenhöhe.

Erstaunlich oft sah ich auch Lehrer(innen), die Schülerinnen an der Hand hielten, und Kinder, die auf ihren Lehrern herumkletterten. Ganz natürlich, auf freundschaftlicher Ebene. Sicherheitsabstand kennt man dort nicht.

Aus den Gesichtern der meisten Kinder, die ich dort gesehen habe, las ich Zufriedenheit und verspielte Neugier, ebenso freundlichen Respekt und Achtung für alle anderen, egal, ob Kinder oder Erwachsene.

Auch auffällig: Die Hilfsbereitschaft. Als ich mit einer Mutter über den Schulweg sprach, mischte sich sofort die Tochter ins Gespräch und bot an, meine Kleinen zu begleiten, bis sie sich sicher fühlen. Wenn das hieße, sie müsse länger in der Schule bleiben, sei das gar kein Problem.

Zwei Mädchen lesen und umarmen sich bei Sonnenuntergang
Normal, nicht nur unter Klassenkameradinnen, sondern auch zwischen Lehrern und Schülern: freundschaftliche Umarmungen (Foto: Ben White, Unsplash)

Punkt 5: Die Eltern. Kulturschock? Nein, endlich zu Hause

Ich kannte Elternzusammenkünfte bisher nur so, dass man notgedrungen nebeneinanderherexistierte. Mit der eigenen Gruppe wird gegluckt, klar, aber aktiv auf andere zugehen, die nicht der Gruppe angehören, das machen die wenigsten. Und grüßen? Joah, manchmal schon. Meistens aus Pflichtbewusstsein, manchmal auch nur, wenn es nicht anders geht. Wo war die Offenheit, die ich aus Studientagen kannte? Oder lag es an der Gegend, von der tatsächlich jeder Einheimische sagt, es sei für Neulinge ein extrem schweres Pflaster? Ich weiß es nicht, weiß nur, wie unwohl ich mich bei jeder Zusammenkunft fühlte, bis ich sie irgendwann ganz mied, wenn ich nur konnte.

Bei dem Waldorf-Fest hingegen war ich regelrecht positiv schockiert. Da wurde mir die Offenheit gespiegelt, mit der ich all die Jahre zuvor angeeckt war. Hier war sie nicht nur erwünscht, sondern normal. Jeder Erwachsene grüßte mich neugierig und nicht mit aufgesetzter, sondern echter Freundlichkeit und echtem Interesse. Mit vielen ergab sich spontan ein Gespräch und ähnlich wie bei den Kindern auch wurde uns von sehr vielen Erwachsenen sofort und spontan Hilfe für die „Eingewöhnung“ (und darüberhinaus) zugesagt.

Punkt 6: Die Schuluntersuchung. Angstbesetzt. Kam mir bekannt vor

Die Schuluntersuchung war das Einzige, was mich an die Regelschule erinnerte. Hier wurde offenbar Dienst nach Vorschrift gemacht. Es galt, einen Fragenkatalog abzuarbeiten. Was ich sehr schade fand, denn das hat immer so etwas von Bahnhofsmentalität. Da würde ich mir wünschen, dass die Ärzte mehr auf die Kinder eingehen, versuchen, sie aus der Reserve zu locken, ihre Interessen kennenzulernen und sie ernster zu nehmen. Schließlich geht es um die Kinder und nicht die Eltern, die dabei sind. Das lässt sich sicher trotz Fragenkatalog so regeln, dass sich das Kind bei der Untersuchung wohlfühlt.

Dennoch muss ich sagen, dass das Kind bei der Untersuchung dort immerhin etwas ernster genommen wurde als in der Regelschule. Damals durfte Maxi nicht mal in Ruhe überlegen, sondern musste schnell, schnell einfach ihre Aufgaben machen, man habe ja schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Und dann wurde ich sowohl von der Assistentin als auch von der Ärztin selbst angegangen wegen der Impferei. Wer nicht einfach blind und pauschal alle Impfungen vornehmen lässt, die die Pharmaindustrie sich ausgedacht hat, der wird als böse und unverantwortlich eingestuft. Da ist die gesellschaftliche Angst mal wieder extrem deutlich zu spüren. Ärgerlich für Eltern, die sich monatelang mit dem Thema beschäftigt haben und sich dann diesen ganzen Quatsch anhören müssen. Eine solche Diskussion blieb mir dieses Mal glücklicherweise erspart. Ob ich gegen das Impfen bin? Nö. Ich bin lediglich für durchdachte Entscheidungen, die aufgrund von Informiertheit getroffen werden, aber eben nicht aufgrund von Panikmache.

Stethoskop
Schuluntersuchungen: Sollten generell lockerer und entspannter werden. Und wenn man nur aus einem Stethoskop eine Brezel formt und damit herumkaspert … (Foto: Hush Naidoo, Unsplash)

Punkt 7: Der Probeunterricht. Genau richtig

Einfach mal so die Schule wechseln und auf die Waldorfschule gehen, das ist nicht. Da wird schon genau hingeschaut, denn es soll ja für alle Seiten passen. Und dieses Schulkonzept passt nicht zu jedem Kind. Um besser beurteilen zu können, ob es passt, gibt es an unserer Schule für neue Erstklässler einen Probetag. Für Kinder, die die Schule später wechseln, sogar eine ganze Probewoche.

Minis Probetag

Mini war diejenige, bei der die Frage war, ob sie gleich von Anfang an mit der Waldorfschule startet. Voller Aufregung betrat sie die Schule für ihre Probestunde. Die Art, wie die Verantwortliche (die mich sowohl optisch als auch von der Aura her an Jane Goodall erinnerte) meine Tochter dazu brachte, mit ihr zu gehen, hat mich sehr beeindruckt. Man merkte: Diese Frau wusste genau, was sie tat.

Leider müssen die Eltern draußen bleiben. Da saß ich also – und habe nur ab und an durchs Fenster die Lehrerin durch den Raum schweben sehen. Einmal kamen mir fast die Tränen vor Rührung, weil ich so deutlich die Liebe fühlen konnte, die von dieser Frau ausging, die offenbar gerade drinnen ein Gedicht aufsagte und dazu den Körper entsprechend dem Inhalt bewegte (ich sah sie gemütlich mit den Armen „flattern“).

Inhaltlich war ich dann aber doch verwundert, denn alles, was ich gefragt hätte, wenn ich an Stelle der Lehrerin gewesen wäre, wurde nicht gefragt. Kurz wurde gezählt, gemalt und der eigene Name geschrieben, aber ansonsten schien es überwiegend um sportliche Dinge zu gehen. Und das in unserer Familie, die sich mit allem beschäftigt – nur nicht mit Sport. Vom Trampolin, Fangenspielen und solchen Sachen mal abgesehen.

Demzufolge klappten manche Sachen natürlich nicht so gut. Balancieren? Ja, haben wir gemacht, aber Mini hielt immer meine Hand. Da musste sie das plötzlich ohne Hand machen, war aufgeregt und stürzte wohl immer wieder ab. Ein normaler Lehrer hätte an dieser Stelle vielleicht abgebrochen, aber „Jane“ sagte: „Mini, komm, versuch es noch ein letztes Mal. Ich weiß, dass du es schaffen kannst!“ Und sie schaffte es und war ganz stolz. 😀

Maxis Probewoche

Maxi hatte ja schon fast die komplette erste Klasse in der Regelschule hinter sich gebracht. Deshalb musste die Probewoche erst mal bewilligt werden. Das ging kurz vor knapp und die Begeisterung der Schulleitung hielt sich in Grenzen, was wohl öfter vorkommt. Verbieten kann die Regelschule es allerdings trotz allem Unmut nicht.

Maxi war von Anfang an sehr angetan von der Waldorfschule. Das Einzige, was sie verunsicherte, war das Wissen, dass sie ihre ganzen Schulfreunde zurücklassen musste. Und dann noch alleine in die neue Schule gehen, ohne zu wissen, ob es da jemanden geben würde, der sich um einen kümmert? Das ist ganz schön beunruhigend.

Maxis Waldorflehrerin schaffte es aber super, ihr die Ängste zu nehmen. Sanft, aber bestimmt regte sie die anderen Kinder dazu an, Maxi zu integrieren, was auch problemlos funktionierte. Schon am ersten Tag kam sie heim und sagte:

„Mama, ich hab mich schon entschieden. Ich möchte in diese Schule.“ Das mit den alten Freunden war schnell zweitrangig, zumal sie bereits zwei neue Freundinnen gefunden hatte.

Wie sie den Unterricht empfand? „Mama, die lernen gar nicht. Die spielen den ganzen Tag nur!“ Wenn das Lernen so spielerisch vonstatten geht, dass es die Kinder noch nicht mal merken, wie toll ist das denn? Ich habe übrigens den Unterricht teilweise beobachtet, sofern sich die Lehrer entschieden, ihn draußen zu machen. Da war z. B. die Französischlehrerin, die aufgrund eines Krankheitsfalls plötzlich zwei Klassen zusammennehmen musste, die logischerweise einen ganz anderen Wissensstand haben. Das, was sie selber später als improvisierten Unterricht bezeichnete, nahm ich wahr wie ein lange geprobtes Theaterstück: Alles lief rund, die Kinder hatten Spaß und sangen und spielten auf Französisch, während sie sich draußen an der frischen Luft bewegten.

Mein Gefühl deckte sich glücklicherweise von Anfang an mit dem meines Kindes. Aber ich fand es auch wichtig, Maxi zu versichern, dass das Ganze nicht allein die Entscheidung von uns Eltern war. Ich sagte ihr, ihre Meinung am Ende der Probewoche sei auch wichtig,  schon lange vor ihr ahnend, wie sie ausfallen würde. Nach dem letzten Probetag kam sie raus und sagte: „Mama, mir kommt es vor, als würde ich schon auf die neue Schule gehen. Ist das gut oder schlecht?“ Und damit war das Ganze von Seiten der gesamten Familie entschieden.

Es dauerte noch ein paar Tage, bis sich auch das Schulgremium mit dem Thema Aufnahme beschäftigen konnte und wir das Okay für beide Kinder bekamen.

Kinder im Unterricht in der Regelschule in Afrika
So nicht erlebt: Stillsitzen während der Probezeit in der Waldorfschule. Nein, die Kinder sind ganz oft in Bewegung (Foto: Doug Linstedt, Unsplash)

Punkt 8: Der erste Elternabend. Emotional und bedeutungsschwanger

Da mein Babysitter im letzten Moment abgesprungen war, hatte ich die Kinder beim ersten Elternabend dabei. Was aber offenbar niemanden störte. Zumindest hat niemand etwas gesagt.

Beeindruckt hat mich die Rede von einem der Lehrer aus dem Kollegium, denn darin klang die Tiefe, Intelligenz und Weitsicht durch, mit der ich mich sofort verbinden kann. Mein Gefühl, genau die richtige Schule gefunden zu haben, intensivierte sich. Das da waren hochgebildete, empathische Lehrer, die mit ganzem Herzen darauf aus waren, sanft, aber bestimmt das Beste aus jedem Kind herauszuholen.

Um mit dem Bild des besagten Lehrers zu sprechen: Wir alle, Eltern wie Schüler, sind Teil eines großen Orchesters, das die nächsten Jahre eng zusammenarbeiten wird, um gemeinsam etwas ganz Großes auf die Beine zu stellen, nämlich eigenständige, selbstbewusste, gebildete Kinder zu stärken, die ihre Empathie nie verstecken und das Hören auf ihre Intuition nie verlernen mussten.

Du hast die ersten beiden Teile verpasst? Kein Problem. Hier kannst du nachlesen, warum ich begann, an der Regelschule zu zweifeln, und hier habe ich schon mal vorgegriffen und berichte von der Einschulung auf der Waldorfschule.

Bleiben wir in Kontakt?
Falls du immer unter den Ersten sein magst, die Neuigkeiten aus der Branche oder von mir erfahren, dann abonnier doch einfach meinen Newsletter. 1 x pro Monat Vorschläge für einen entspannteren, ungewöhnlicheren Alltag mit Kindern inklusive.
DSGVO-konform

Pin Wechsel von der Regelschule zur Waldorfschule mit kleinem Jungen auf dem Schulweg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Scroll to top
UA-97123068-1