Gesichtsblind: Wenn du die eigene Freundin nicht mehr erkennst

Es war mein allererster richtiger „Job“: Auf einem Waldfest verkaufte ich als kleines Mädchen für unseren Verein Getränke. Vermutlich war ich noch nicht mal in der Schule, als ich „Limo, Cola, Wasser“ schreiend über diesen Platz voller Menschen lief.

Ein Mann kaufte für seine Familie bei mir ein. Er hatte aber kein Kleingeld und drückte mir deshalb einen 50-DM-Schein in die Hand. Den sollte ich wechseln lassen und dann das Restgeld zurückbringen. Das Problem: Obwohl ich mich so sehr bemühte, mir zu merken, wie der Mann aussieht, hatte ich sein Gesicht sofort wieder vergessen. Verzweifelt und mit Tränen in den Augen irrte ich durch die Reihen voller Bierbänke und Gesichter. Ich wollte dem Mann doch nicht sein Geld klauen! Wo war er nur?

Plötzlich entdeckte ich einen Tisch, an dem ganz viele Menschen fuchtelten und winkten. Sie deuteten auf einen Mann, der drei volle Flaschen hochhielt und auf seine Geldbörse deutete. Gott sei Dank, er hatte meine Panik erkannt und richtig reagiert!

Frau läuft in der Wüste
Verloren im (Wüsten-)Meer der Gesichter: Meine erste Erinnerung an Gesichtsblindheit (Foto: Katerina Radvanska, Unsplash)

Dieser Vorfall war ein Alptraum für mich, eins der Kindheitstraumata, das mich bis heute verfolgt. Aber erst jetzt, so viele Jahre später, ist mir klar geworden, was damals schon mein Problem war:

Diagnose: Gesichtsblindheit (Prosopagnosie)

Ich bin gesichtsblind. Prosopagnostikerin, um mal das Fachwort zu nennen. „Prosop“ ist das griechische Wort für Gesicht – und „Agnosie“ ist das Nichtkennen. Ich kann mir fremde und manchmal auch bekannte Gesichter nicht zuverlässig merken.

Ehrlich gesagt habe ich mir nie so wahnsinnig viele Gedanken darüber gemacht, weil ich im Laufe der Jahre Strategien entwickelt habe, um damit klarzukommen. Ich merke mir optische Auffälligkeiten, die mir helfen, die Person zu identifizieren. Wenn meine Nachbarin eine Frau mit kurzen, wasserstoffblonden Haaren ist, die immer mit pinkem Hosenanzug herumläuft, kein Problem. Aber wehe, ich treffe diese Person in einem Bergwerk, also mit Umhang und Helm auf dem Kopf, der die blonden Haare verdeckt. Dann habe ich keine Chance, sie zu erkennen, denn ich brauche die Menschen in ihrem gewohnten Umfeld, mit ihren gewohnten Identifikationsmerkmalen. Ansonsten: Möööp.

Wie äußert sich Gesichtsblindheit?

Prosopagnosie läuft als Krankheit, für die es keine Heilung gibt. Sie ist entweder angeboren – wie bei mir – oder wird im Laufe des Lebens erworben, zum Beispiel durch einen Unfall (Schlaganfall o. Ä.). Nichts Schlimmes, man kann gut damit leben. Aber peinlich ist es natürlich schon. Immer wieder.
Wenn du zum Beispiel interviewt wirst (wie ich vor kurzem), die Interviewpartnerin erzählt, wie sie dich kennengelernt hat – und du bis dato nicht wusstest, dass du sie schon jemals in deinem Leben gesehen hast.

Was mir auch öfter passiert: Ich grüße jemanden freundlich. Kurze Zeit später grüße ich eine andere Person ebenfalls freundlich – und wundere mich, dass sie so komisch reagiert. Daran erkenne ich dann: Scheiße, das muss die gleiche Person wie vorher gewesen sein, die aus welchem Grund auch immer plötzlich noch mal aus genau der gleichen Richtung gekommen ist wie vorher.

Diese Variante ist aber noch harmlos im Vergleich zu dem, was mir manchmal, zum Glück recht selten, passiert: Manchmal, da verschwimmen die Gesichter. Ich kann es nicht anders sagen. Natürlich passiert das nicht, wenn jemand direkt vor mir steht, dass ich denjenigen plötzlich verschwommen sehe. Es passiert eher, wenn ich jemanden von fern sehe.

Drei Affen: nicht hören, nicht sehen, nichts sprechen
Das da in der Mitte, das bin ich (Foto: Joao Tzanno, Unsplash)

Gesichtsblindheit: In der Light-Variante harmlos, aber peinlich

Eine peinliche Situation im Urlaub: Ich sehe einen alten Mann im Radler-Outfit das Frauenklo betreten und weise ihn freundlich darauf hin, dass das das Damen-WC ist, weil ich denke, er hat sich in der Tür geirrt. Dann beginnt die Person zu reden. Mit einer Frauenstimme. Ich schaue erneut hin und sehe: Natürlich ist das eine Frau, ist doch nicht zu übersehen. Aber da ich sie vorher nur verschwommen gesehen habe, hat mein Gehirn für mich die fehlenden, also die verschwommenen Teile ergänzt – und ist dabei leider zu einem falschen Schluss gekommen. Jetzt könnte man natürlich sagen: Sowas passiert allen mal. Ich kenne es ja auch aus eigener Erfahrung, denn als Kind hatte ich selbst kurze Haare und wurde öfter mal als „hübscher Bu“ betitelt. Passiert also auch anderen. Das mag sein. Aber sicher nicht die verschärfte Variante:

Ich lief ins Treppenhaus unserer Schule, um meine Tochter abzuholen. Aus dem Augenwinkel sah ich in einiger Entfernung eine alte Frau. Sie grüßte mich. Automatisch grüßte ich zurück – und merkte, wie die Person stutzte. Ich sah erneut hin, das Verschwommene war plötzlich weg, und ich erkannte, dass es keinesfalls eine alte Frau war, sondern eine junge, ausgesprochen hübsche Frau, nämlich eine Freundin von mir.

Das Verschwimmen, das habe ich zum Glück sehr selten, aber es gibt Gesichtsblinde, denen das öfter passiert.

Und was, wenn dir jemand was antut?

Als ich meinem Mann davon erzählt habe, dass jetzt für mich so vieles plötzlich viel mehr Sinn hat, jetzt, da ich weiß, was mein Problem ist, meinte er: „Das ist ja eigentlich verdammt gefährlich. Wenn dir jetzt jemand was antut, dann kannst du denjenigen hinterher gar nicht mehr zuverlässig erkennen!“

Dazu muss ich sagen: Doch, zum Glück kann ich das. Ich erinnere mich an eine sehr heftige Situation, in der das deutlich wurde: Als ich gerade frisch am Gymnasium war, hielt mir eines Tages plötzlich jemand auf dem Schulweg ein Messer an den Hals. Seitdem weiß ich, was Todesangst ist

Mehr als fünfundzwanzig Jahre später habe ich die Person durch „Zufall“ wiedergesehen. Ich hätte sie immer und überall wiedererkannt. Warum? Vielleicht, weil das Gehirn plötzlich anders funktioniert, wenn es auf den Lebensgefahr-Modus umschaltet? Vielleicht – und das ist meine Vermutung – hat es auch etwas mit Seelenverwandtschaft zu tun. Ich habe dazu ein Video gedreht:

Darin erkläre ich neben dem Verdacht mit der Seelenverwandtschaft noch ein bisschen mehr als hier im Artikel, wie ich die Welt sehe – und wen ich erkenne und wen nicht.

Warum ich so etwas Privates verrate?

Erst vor ein paar Tagen, nach dem Vorfall mit dem Interview, habe ich das Ganze gegoogelt. Ich hatte das vorher immer lässig als „Gesichts-Legasthenie“ abgetan, als schrulligen, blöden Charakterzug von mir. Dass das ein anerkanntes Krankheitsbild ist, wusste ich nicht.

Es erleichtert vieles. Schon allein, dass ich jetzt weiß, warum mir manchmal solche komischen Sachen passieren, das ist eine enorme Erleichterung. Im Netz findet man nur wenig über diese Krankheit, dabei sind je nachdem, wo man schaut, 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung allein von der angeborenen Variante betroffen.

Ich gehe damit an die Öffentlichkeit, nicht nur, weil es für mich leichter wird, wenn die Menschen wissen, womit sie es zu tun haben. Sondern auch, um aufzuklären, um den Menschen da draußen zu sagen: Das nächste Mal, wenn ihr denkt, dass euch jemand ignoriert, dann hakt nach. Vielleicht sieht er euch tatsächlich nicht, weil er auch gesichtsblind ist.

Es hat nichts damit zu tun, dass wir jemanden uninteressant finden!

Was für Nicht-Betroffene auf jeden Fall wichtig ist zu wissen: Wenn wir euch nicht erkennen, hat das nichts damit zu tun, dass wir euch bei der vorherigen Begegnung uninteressant, hässlich oder auf sonst eine Weise als unwichtig eingestuft haben. Nein. Überhaupt nicht. Bei meinen Erfahrungen ist tatsächlich oft eher das Gegenteil der Fall: Menschen, die ich als besonders schön wahrnehme, diejenigen, mit denen ich mich gut unterhalten habe oder solche, in deren Gegenwart ich mich extrem wohlgefühlt habe, das sind gerade die, die ich nicht wiedererkenne. Und es tut mir immer so leid, weil ich sehe, was passiert: Ich sehe, wie sehr das die Menschen kränkt, was schlimm für mich ist, schließlich ist das absolut nicht meine Absicht. Ich weiß, wie es dann oft gedeutet wird: als Arroganz. Sandra steht ja jetzt in der Öffentlichkeit, da will sie mit unsereins nichts mehr zu tun haben. Das macht mich wiederum sehr traurig. Damit sind dann beide Seiten verletzt. Und so schließt sich der Kreis.

Frau, der jemand die Hände vor die Augen hält
Gesichtsblind: Harmlos, aber peinlich (Foto: Ryoji Iwata, Unsplash)

Ihr wurdet von jemandem nicht erkannt? Was tun?

Daher mein Appell an Nicht-Betroffene: Ihr Lieben, wenn ihr mich oder jemand anderen, trefft und merkt: Der verhält sich irgendwie komisch, so als würde er euch gar nicht kennen, dann macht einen Schritt auf ihn zu und helft ihm, euch einzuordnen. Wir sind euch sehr dankbar dafür.

Ihr seid selbst gesichtsblind? Eine Bitte!

Und mein Appell an andere Gesichtsblinde: Bitte, bitte, zeigt euch. Erzählt eure Geschichte, erzählt von euren peinlichen Momenten – oder von euren Krisensituationen, die ihr trotz Gesichtsblindheit gut gemeistert habt, denn dadurch macht ihr anderen Betroffenen Mut.

Nutzt dafür gerne den Hashtag #gesichtsblind. Einfach, damit wir sichtbarer werden. Damit mehr Menschen uns verstehen, anstatt uns durch Worte oder Gesten klarzumachen, wie peinlich wir sind. Wir sind nicht peinlich, nur anders. Besonders eben. So wie jeder andere auch.
Ich danke euch!

Nachtrag,12.9.18: Ein Arzt packt aus. 😀

Ich bin unglaublich berührt von all den Kommentaren und Nachrichten, die mich über die Social Media erreicht haben. Mit dem Thema hab ich offenbar einen Nerv getroffen. Von „Endlich sprichts mal jemand an!“ in Kombination mit unterhaltsamen eigenen Anekdoten über „Oh Gott, ich glaube, ich könnte das auch haben, danke für den Anstoß, da mal nachzurecherchieren“ bis hin zu Geständnissen über eigene  ich nenne es mal: soziale Einschränkungen   war alles dabei.

Sehr erstaunt hat mich auch das Geständnis eines Mannes, den ich mal beim Netzwerken kennengelernt habe. Und dieser Mann, Christof Heun-Letsch, ist zufällig Arzt und hat deshalb auch ein paar spannende Side-Infos zur Gesichtsblindheit parat. Ich darf sie euch an dieser Stelle stellvertretend für ihn verraten:

„Als Betroffener und Arzt und Psychosomatiker könnte ich euch, wenn ihr wollt, vielleicht einige Informationen geben, so z. B. die Darstellung, dass den 1% schwer Betroffenen auch 1% “Hyperrecognizer” gegenüberstehen, und den 4% leicht und mittel Betroffenen auch 4 % gute Gesichtserkenner, und dass 90% aller Menschen weder Prosopagnostiker noch Hyperrecognizer sind. Man spricht von einem “normal verteilten, dimensionalen und skalierbaren Merkmal”….. Es gibt also keine klare Schwelle von “normal” oder “gesund” zu krank. Es gibt Leute, die können es sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht und ganz schlecht …“

Und:

„Das mit dem “Verschwimmen” kann ich dir erklären: Das Gehirn sieht nie das, was das Auge sieht, es macht sich ein “Pattern” ein Muster, und die Details werden da nur drangehängt. Das Gehirn sieht immer nur einen Teil, auch beim Erkennen, und dann wird nicht das “gesehen”, was die Netzhaut abbildet, sondern das, was das Gehirn dazu abruft. Wir kenne das alle, spazieren im Dunkeln, dann sehen wir ein wildes Tier, einen Geist, sonstwas. Wir sehen das. Dann leuchten wir mit der Taschenlampe drauf: Es ist nur ein Ast! Und wenn wir die Lampe ausmachen, können wir das Tier nicht wieder sehen, weil das Gehirn den Pattern korrigiert hat.

Du siehst jemand aus den Augenwinkeln, und das Gehirn hängt an irgendeine Detailinformation ein falsches Pattern: eine alte Frau, ein männliches Gesicht …. Du meinst, du siehst das. Aber das Hirn sieht nie die Netzhautinformation, es sieht immer nur getriggerte Patterns. Immer. Und bei den Leuten mit den schlechten Pattern-Maschinen kommt es eben vor, dass nicht “kein Pattern möglich” erscheint, sondern auch ein falsches Pattern angehängt wird. Das ist also eigentlich das Gleiche wie das Nicht-Erkennen ….“

Spannend, oder?

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Pin: Frau hält sich die Augen zu. Synonym zu Gesichtsblindheit #gesichtsblind

3 thoughts on “Gesichtsblind: Wenn du die eigene Freundin nicht mehr erkennst

  1. Antworten
    Barbara J. Schönfeld - 11. September 2018

    Liebe Sandra,

    danke für diesen Artikel. Ich wusste ja garnicht, dass es so etwas öfter gibt. Meine Tochter hat so etwas auch. Sie nimmt es auch einfach so hin. Es ist halt so. Sie kann sich nicht an Gesichter erinnern und kommuniziert das auch so. Inzwischen sehr selbstbewusst.

    Herzliche Grüße
    Barbara

  2. Antworten
    Sonja - 11. September 2018

    Liebe Sandra, du hast mich wirklich berührt mit deinem Artikel. Vielleicht bin ich ja doch Gesichtsblind und will es mir nur nicht eingestehen. Aber gerade in deinen Kindheitsituationen habe ich mich gut wiedererkannt. Ich war oft mit meinen Eltern auf Veranstaltungen wo sehr viele Leute waren, die mich kannten und ich hatte immer große Schwierigkeiten damit, mir die Leute zu merken. Und ich kenne das sehr gut mit den Merkmalen, die man sich einprägt. Meine Schulfreundinnen habe ich immer an ihren Schultaschen und Jacken erkannt und bei Saisonwechsel war das immer recht schwer. 😀 (Damals weigerte ich mich aber zusätzlich eine Brille zu tragen und war also auch noch mittelschwer kurzssichtig.)
    Die Situation, wenn man jemanden trifft, wo man ihn überhaupt nicht erwartet und den dann nicht zu erkennen, kann ich mir sehr gut vorstellen und ich weiß auch nie, wen ich schon gegrüßt habe und wen nicht. 😀
    Danke für deine Offenheit hier. Dein Artikel hat mir gezeigt, dass es da noch Anteile von mir bzw. meiner Kindheit gibt, mit denen ich mich definitiv versöhnen muss, anstatt mich deswegen fertig zu machen und zu schämen. (Nach dem Motto ich müsste doch in der Lage sein, die Leute besser unterscheiden zu können.)
    Liebe Grüße, Sonja

    1. Antworten
      Sandra - 12. September 2018

      Liebe Sonja,
      auch dir danke ich ganz herzlich für deine Offenheit. Es ist so schön zu hören, dass ich nicht allein bin – und dass sich so viele Menschen in den Social-Media aufgrund dieses Artikels geoutet haben. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

      Das mit den Anteilen ist eine spannende Geschichte. Ich glaube, diesen Part habe ich die letzten Tage hinter mich gebracht. Und wünsche dir jetzt ganz viel Erfolg dabei, deine eigenen Anteile zu integrieren und weiter zu forschen, was die Prosopagnosie angeht. Es lebt sich so viel leichter, wenn man Dinge einordnen kann. Vor allem, wenn es um einen selbst geht und man so lange an sich gezweifelt hat, dann aber erkennt: Hey, ist alles “normal” – im Rahmen dieser Krankheit eben. 🙂

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