Waldorfschule Teil 2: Einschulung. Besser als in der Regelschule

(Werbung. Na, nicht wirklich, aber ihr wisst schon. Die momentan skurrile Kennzeichnungspflicht)

Besser?  Hui, Sandra provoziert wieder. Ja, zu Recht, denn da Maxi das erste Jahr in der Regelschule verbracht hat und Mini gerade in der Waldorfschule eingeschult wurde, habe ich den direkten Vergleich.

Eins schiebe ich jetzt gleich vorweg: Alles, was ich beobachtet habe, ist mein subjektiver Eindruck aus dem Vergleich der beiden Schulen. Ganz sicher gibt es auch Regelschulen, die es anders/besser machen. Wo? Hat mir im persönlichen Gespräch noch keiner verraten, aber ich würde mich sehr freuen, von solchen Schulen zu hören.

Und jetzt: Bühne frei für meine TOP 10, warum mir die Einschulung in der Waldorfschule so viel besser gefallen hat.

Einschulung in der Waldorfschule: Schon das Tor aus Sonnenblumen macht Lust auf Schule.
Das Blumentor: Bei der Einschulung die symbolische Eintrittspforte in die Waldorf-Schulwelt

10 Gründe für eine Einschulung in der Waldorfschule

1. Zeit

An unserer Waldorfschule fangen die Erstklässler 1,5 Wochen später an als alle anderen. So ist das erste Schuljahres-Anfangs-Chaos schon durch, die Gewöhnung hat bei den Großen und den Lehrern eingesetzt – und alle haben Zeit und auch Muße, sich intensiv um die Neulinge zu kümmern.

2. Laaaangweilig? Nicht!

Aber das war das Feedback, das ich von einer Freundin bekommen habe, deren Kind gerade die Regelschule begonnen hat: Viel zu langatmig alles –  und auch nervig für die Kinder, eine ganze Stunde einfach nur dasitzen und zuhören zu müssen, wie die Erwachsenen reden. Lange, lange reden. Über Dinge, die die Neulinge in ihrer Aufregung ohnehin kaum verstehen.

In der Waldorfschule kam keine Langeweile auf. Zuerst spielten 2 Lehrer ein Eröffnungslied auf Cello und Klavier. Dann gab es eine kurze Rede eines weiteren Lehrers, der von seinem eigenen ersten Schultag erzählte. Seine Gefühle spiegelten  – das war deutlich spürbar – die Emotionen im Raum wider, sowohl die der Eltern als auch die der Schüler. Im Anschluss kam die Begrüßung der Neulinge (dazu gleich mehr) und beim Abschlusslied waren sie dann alle schon weg, die Erstklässler. *schnief* (verstohlene Tränen überall …)

3. Wir sind Teil einer Gemeinschaft

Dieses Gefühl wurde mit dem Schullied vermittelt, das alle gemeinsam sangen. Das wunderschöne Lied wird nicht nur zu besonderen Anlässen gesungen, sondern auch in den Alltag integriert. Als Ritual wird es jede Woche, bei manchen vielleicht sogar jeden Tag angestimmt. Gemeinsames Singen stärkt bekanntlich das Gemeinschaftsgefühl und macht gute Laune.

Die Kleinen hörten das Lied zum ersten Mal, als sie sich mit ihrem Lehrer auf den Weg ins Klassenzimmer machten. Aber nicht allein.

4. Die Schulpaten: Wirklich für die Kinder da

In unserer Regelschule gab es die Paten nur auf dem Papier: Ein nettes Briefchen bekam jedes Kind am ersten Schultag – und dann ward nie wieder von ihnen gehört. Gesehen hat man sie ohnehin nie. Mein Nachhaken verlief im Sande. Niemand fühlte sich zuständig.

Das ist allerdings noch harmlos, wenn ich es mit dem vergleiche, was mir gestern jemand erzählt hat: Dort wurden Mutter und Erstklässler Zeugen, wie ein großes Kind zu einem anderen sagte: „Oh, guck mal, da ist dein Patenkind. Um das musst du dich kümmern. Wie wärs mit einer Tracht Prügel zum Start?“ Klingt erfunden, ist aber leider die Wahrheit. Das war der Auslöser für diese Mutter, sich auch nach alternativen Schulen umzusehen, denn, wie sie sagte: „In der Waldorfschule ist es völlig egal, wie ein Kind rumläuft. Oder auch, ob es irgendwie anders ist. Es spielt keine Rolle, denn es ist Teil der Gemeinschaft.“ So, wie es sein soll eben.

Wie war das bei der jetzigen Einschulung mit den Paten? Die Großen (es waren Achtklässlerinnen) nahmen die Kleinen auf dem Weg zu ihrem Klassenzimmer an der Hand und beruhigten sie. Es gab sogar Geschenke: Jedes Kind erhielt eine selbstgemachte Kerze und ein wundervolles Bild mit einem supernetten Briefchen von Patentante oder -onkel. Und wie ich von anderen Eltern weiß, sind die Großen auch wirklich dauerhaft für die Kleinen da. Nicht immer, aber oft.

Lieber Gruß von Minis Schul-Patentante

5. Der Weg ins Klassenzimmer

In der Regelschule war es: „So, jetzt gehen mal alle Erstklässler mit der Lehrerin ins Klassenzimmer – und räumen mit möglichst nur einem Elternteil ihre Sachen ein.“

Wie dort wurden die Kinder in der Waldorfschule zwar im Laufe der Feier auch alle nacheinander aufgerufen, um sich nach vorne zur Lehrkraft zu setzen, aber: Dieser Moment lief damals bei der Einschulung in der Regelschule ziemlich anonym ab. Die Kinder setzten sich, saßen dann da alle – und dann ging es gemeinsam mit Vater oder Mutter ins Klassenzimmer.

In der Waldorfschule wurde jedes Kind einzeln vom Lehrer begrüßt, gab ihm die Hand und überreichte ihm eine Blume. Der Lehrer sagte etwas Liebes zu jedem einzelnen Kind. Mini bekam ein Lächeln und hörte ein: „Du bist jetzt meine Schülerin – und ich bin dein Lehrer.“ Dann  schritt sie durch ein Blumentor – und setzte sich zu ihren Klassenkameraden.

Anschließend erzählte der übrigens selbst ganz rührend aufgeregte Klassenlehrer vor versammelter Mannschaft ein Märchen (was er übrigens komplett auswendig und wortgetreu wie im Grimmschen Original vortrug). Doch er erzählte es nicht ganz. An der spannendsten Stelle brach er ab. Und sagte: „Liebe Erstklässler, den Rest der Geschichte erzähle ich euch gleich im Klassenzimmer!“ Was für eine großartige Methode, die Kinder neugierig zu machen und sie voller positiver Erwartung ins Klassenzimmer zu führen. Diese Geschichte wird im Langzeitgedächtnis hängen bleiben. Das Einräumen des Klassenzimmers in der Regelschule? Eher nicht.

6. Das Geschenk der Zweitklässler

Sowohl in der alten Schule als auch jetzt in der Waldorfschule machen die Zweitklässler den Erstklässlern zur Einschulung ein Geschenk: Sie spielen Theater für sie.

In der Regelschule war es so, dass manche Kinder beim Theaterstück eine besondere Rolle bekamen, mehr sprechen durften und präsenter waren. Die meisten aber sagten nur ein oder zwei Sätze. Für ein paar wenige war offenbar kein Text mehr übrig: Sie durften gar nichts sagen. Wenn man es kritisch oder realistisch sieht, wird damit schon der Grundstein gelegt für die Ausgrenzung bzw. das Konkurrenzdenken, das die Kinder wahnsinnig schnell von den Erwachsenen übernehmen. Kulturelles Erbgut, sozusagen. Leider.

In der Waldorfschule hat jedes Kind eine besondere Rolle gespielt. Und wenn sie nicht sowieso im Stück vorkam, wurde sie dazuerfunden. Da ist dann ein Kind die Sonne und ein Kind der Mond. Denn ohne die geht ja gar nichts. Auch nicht bei den Bremer Stadtmusikanten. Ist klar, oder? Wie soll man sonst unterscheiden können, ob Tag oder Nacht ist? 🙂

Gesprochen haben alle zusammen. Und ich war wirklich beeindruckt über die Textlänge. Da wurde die komplette Geschichte in Gedichtform vorgetragen. Ein sehr, sehr langes Gedicht. Erstaunlicherweise konnten alle Kinder den Text komplett auswendig und trugen ihn mit Leichtigkeit vor – wenn auch nicht ganz synchron, was wiederum sehr süß war.

Wie sie das schaffen, sich solche langen Texte komplett zu merken? Ich kann es nur ahnen: Da wird beim Sprechen sehr viel gestikuliert – und weil alles, was passiert, szenisch dargestellt wird, kann man es sich auch besser merken. Natürlich helfen auch die Reime sicher mit.

7. Die Schultüte

Die Schultüte spielt in der Waldorfschule überhaupt keine Rolle. Die Kinder brauchen nicht einmal eine. Bei uns gab es sie jetzt, weil Maxi im letzten Jahr auch eine hatte. Soll ja für alle gleich sein. Aber wir wurden vorher gebeten, die Schultüten nicht zur Einschulung mitzubringen, eben weil dadurch versucht wird, keinen Grundstein für das Konkurrenzdenken zu legen. Denn sonst geht es gleich: Welche ist die größte, welche ist die dickste, welche glitzert am meisten, welche ist am buntesten, welche ist am schwersten, welche hat die tollsten Geschenke drin? Das ist bei der Einschulung in der Waldorfschule nicht wichtig. Wichtig ist, die Neulinge in die Schulgemeinschaft aufzunehmen und sie gleich von Anfang an zu integrieren.

Die Schultüte: Spielt in der Waldorfschule keine Rolle

8. Die Großen: interessiert statt teilnahmslos

Macht mal bitte kurz gedanklich einen Ausflug in eure Vergangenheit. Zurück zu euren ersten Jahren in der Grundschule. Erinnert ihr euch an irgendwelche Erstklässler, die bei euch in die Schule kamen? Ich nicht. Sie waren mir auch ziemlich egal. Irgendwann hat man sie halt mal in der Pause gesehen. Wahrscheinlich waren wir auch an ihrem ersten Tag mit dabei, aber erinnern kann ich mich daran gar nicht. Die waren halt irgendwann einfach da.

Ganz anders an unserer neuen Schule: Schon als Mini ankam, wurde sie mit neugierigen, freundlichen Blicken gemustert. Eins der großen Mädchen rief ihr oben auf einer Mauer sitzend zu: „Wie heißt du denn?“ „Mini“, sagte Mini und sah gleich darauf beschämt zu Boden. „Süüüß!“, riefen alle auf der Mauer sitzenden großen Mädchen im Chor.

Das ging sicher auch den anderen Kleinen so: Sie alle wurden mit neugieriger Vorfreude begrüßt.

Die selbstverständliche Integration ist dort immer wieder so deutlich spürbar. Zum Beispiel saß Maxi, die ja auch erst 1,5 Wochen in der Waldorfschule ist, plötzlich alleine da, als ihre Klassenkameraden das Theaterstück für die Kleinen spielten, das sie im letzten Jahr einstudiert hatten.

Sofort kam von irgendwoher ein großes Mädchen und setzte sich neben sie, damit sie nicht alleine war.

9. Die Lehrer

Ja, sicher sind sich auch viele Lehrer in der Regelschule ihrer Verantwortung bewusst. Aber was ich da spüre, ist auch immer eine gewisse Distanz zu den Schülern. Diese Distanz, diese Form des Adultismus, die gibt es bei uns in der Schule nicht. Die Kinder gehen mit den Lehrern um wie mit guten Freunden (denen man natürlich auch Respekt entgegenbringt).

Wie sehr sich die Lehrer dort verantwortlich für ihre Schüler fühlen, das konnte ich förmlich in der Luft spüren. Es ist eine ganz andere Atmosphäre. Und von Anfang an ein vertrauensvolles Wir-Gefühl.

Das ist ein Punkt, den man vielleicht schwer nachvollziehen kann, wenn man das einfach nur liest. Aber jeder, der den Unterschied einmal gesehen hat, versteht genau, was ich meine. Ich kann nur jedem, der sich aus welchem Grund auch immer mit der aktuellen Schule nicht wohlfühlt, raten, sich den anderen Umgang an einer Nicht-Regelschule mal aus nächster Nähe anzuschauen.

10. Wann kommen sie denn endlich? Die Wartezeit

In der alten Schule wurde durchgesagt: „Während die Kinder jetzt mit einem Elternteil ihre Sachen einräumen, können alle anderen sich die Zeit mit Kaffee und Kuchen vertreiben!“ Dann gab es das Standard-Programm. Ob der Kuchen vom Bäcker gekauft war oder sich aus Spenden zusammensetzte, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich sehr gut, wie die Elternsprecher vor jeder Veranstaltung voller Verzweiflung Freiwillige suchten, die sie unterstützten. Denn es kam schon vor, dass die Elternsprecher ganze Feste komplett im Alleingang stemmen mussten.

Ich weiß auch noch, als ich vorschlug, man könne doch die Kinder auch für die Bio-Brotbox-Aktion anmelden. Um Gottes Willen, da hätten ja die Eltern aktiv werden müssen. In ihrer Freizeit. Nee, also das, das funktioniert ja eh nicht.

Anders in der neuen Schule: Fast alle Eltern aus der 2. Klasse haben einen Kuchen gespendet und/oder halfen gerne beim Vorbereiten oder Abbauen des liebevoll gedeckten Buffets (von dem ich natürlich mal wieder leider kein Foto gemacht habe). Positiv aufgefallen ist mir gleich die Sojamilch, die ganz selbstverständlich neben der normalen Milch stand (beides natürlich bio).

Kurz vor der Einschulung hatte man mich auch zur Elternliste der 2. Klasse hinzugefügt. Mit die erste Kuchenspende, die angekündigt wurde, war vegan. Mein Herz lachte. Natürlich ist vegan da nicht Standard, aber es ist zumindest offenbar nicht so außergewöhnlich wie anderswo. Mein Kuchen, der einzige mit Schild, war der erste, der innerhalb von Minuten fast leer war. OBWOHL auf dem Schild vegan & bio stand. Das hab ich anderswo in Schulkontexten schon ganz anders erlebt.

Neben den Kuchen gab es Brezeln und eine bunte Vielfalt an Obst. Schnell kamen wir mit den überaus offenen Tischnachbarn ins Gespräch und so ging die Wartezeit schnell rum (in der anderen Schule kam ich mir oft so vor, als würde meine Offenheit abstoßend wirken, weshalb ich mich im Laufe der Zeit immer mehr verschloss, um mich den anderen anzupassen. Wie schön, dass ich auch in diesem Kontext jetzt endlich wieder zu mir selbst finden darf).

Abends packten dann noch Freiwillige gemeinsam mit dem Lehrer (!) die Bio-Brotboxen für alle (!) Schulen der Stadt.

Fazit: Für mich war Minis Einschulung ganz anders, viel persönlicher, emotionaler, liebevoller und verbundener als die von Maxi damals. Ich wünsche mir, dass sich die Art, wie in unserer neuen Schule mit den Erstklässlern umgegangen wird, allmählich überall verbreitet. Denn wenn schon Schulpflicht, dann doch bitte wenigstens so: Respektvoll und auf Augenhöhe. Danke!

Teil 1 verpasst? Hier gibts meine 10 Gründe gegen die Regelschule.

Bleiben wir in Kontakt?
Falls du immer unter den Ersten sein magst, die Neuigkeiten aus der Branche oder von mir erfahren, dann abonnier doch einfach meinen Newsletter. 1 x pro Monat Vorschläge für einen entspannteren, ungewöhnlicheren Alltag mit Kindern inklusive.
DSGVO-konform

#Einschulung in der #Waldorfschule: Integration und soziale Kompetenz gleich vom 1. Tag an fördern. Und: Wie man Kindern Lust auf Schule macht, anstatt sie zu langweilen. #Liebe statt gelebter #Adultismus

2 thoughts on “Waldorfschule Teil 2: Einschulung. Besser als in der Regelschule

  1. Antworten
    Claudia Stursberg - 21. August 2018

    Vielen Dank, Sandra, für diese schöne Schilderung. Ja, es ist gut, wenn man den Vergleich zwischen den Schularten hat. Und wenn man dann noch so sensibel wahrnimmt und empathisch erzählt.
    Danke vor allem für das tolle Wort Adultismus, ich kannte es noch nicht, obwohl es mein großes Thema bezeichnet: Den Unwillen vieler Erwachsener, Kinder als eigene “Art”, als vollkommen andere Wesen zu betrachten, statt als unfertige Mängelwesen.
    Kleine Kinder haben uns so viel voraus. Ihre Bedürfnisse ernst nehmen und ihre Fähigkeiten wahrnehmen und schätzen – das würde uns allen weiterhelfen.
    Herzlichen Gruß!

    1. Antworten
      Sandra - 21. August 2018

      Liebe Claudia,
      hab herzlichen Dank für deine netten Worte. Ja, “Adultismus” als Ausdruck kenne ich auch noch nicht so lange. Ich glaube seit der letzten FEBUB-Konferenz mit André Stern, wo es auch um das Bildungssystem ging. Für mich ein totaler Augenöffner. Ich glaube, im nächsten Jahr gibts die nächste Konferenz, bestimmt wieder mit ganz spannenden Menschen. Freu mich schon drauf. Vielleicht sehen wir uns ja dort. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top
UA-97123068-1