Erziehung in der heutigen Gesellschaft: Kinder möglichst schnell zu kleinen, anpassungsfähigen Erwachsenen machen

Erziehung: Gut gemeint, aber oft Ursache für unnötiges Leid. Wie lässt sich das ändern?

Irgendwann hatte ich den Gedanken: Mensch, vor lauter Blogartikel- und Interviewschreiben kommst du ich eigentlich gar nicht mehr zum Bücherschreiben. Es wäre so toll, wenn künftig einfach ein paar mehr Gastartikel eintrudeln würden, denn davon würden beide Seiten profitieren.

Ein paar Tage später bekam ich eine Anfrage: Ob ich mir vorstellen könnte, regelmäßig Gastartikel von jemandem zu veröffentlichen, der sich gerne mit gesellschaftskritischen, ökologischen, alternativen, bindungstheoretischen Themen sowie frühkindlicher Entwicklung befasst.

Was für ein schönes Geschenk des Universums. Und da die Frau auch Sandra heißt, kann ich die Artikel einfach mit meinem eigenen Namen unterschreiben, zumal sie thematisch und inhaltlich wunderbar meine eigenen Gedanken reflektieren. Fällt gar nicht auf. Perfekt! 😀 …

Quatsch beiseite. Ich hoffe sehr, dass euch Sandras erster Text gefällt – und dass ihr genauso gern wie ich weitere Texte von ihr lest. Und zwar, solange sie noch keine eigene Webseite hat, sehr gerne bei mir. Wenn ihr Fragen an sie habt oder Themenwünsche, immer her damit. Ich leite das sehr gerne weiter.

Und hier erst mal ein paar Infos zum meiner neuen Gastautorin:

Sandra Siehl, Jahrgang 1984, ist Sozialpädagogin /Sozialarbeiterin (B. A.), staatlich anerkannte Erzieherin, SAFE-Mentorin (PD K. H. Brisch, München).
Sie begeistert sich für die gleichen Themen wie ich, nämlich u. a.: Bindungstheorie, Attachment Parenting, Entwicklung des Menschen, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit. Sandra liebt gute Bücher (auch Fachbücher) und schreibt gerne Texte.

Wenn das mal nicht perfekt passt, dann weiß ich auch nicht. So sieht Sandra übrigens aus:

Sozialpädagogin und Erzieherin Sandra Siehl, die neue Gastautorin bei Kinderbuchautorin Sandra Schindler

Und jetzt: Bühne frei für Sandra!

Wir sollten anfangen, Erziehung und Gesellschaft zusammenzudenken

Ein gesellschaftlicher Konsens besteht darin, dass Erziehung nötig ist. Die Praxis des Erziehens wird somit nicht in Frage gestellt, vielmehr stehen die unterschiedlichen Erziehungsmethoden zur Debatte.

Wir diskutieren seit vielen Jahren darüber, welcher Erziehungsstil denn der „richtige“ sei, um Kinder gesellschaftsfähig zu machen. Erziehung wird als eine Voraussetzung für ein gelingendes Leben betrachtet, denn nur wer eine gute Erziehung genossen hat, wird sich im Leben einmal zurecht finden, sich einen Platz in der Gesellschaft sichern und einen guten Job haben.

Erziehung wird häufig als etwas wahrgenommen, was isoliert stattfindet. Einfache Kausalzusammenhänge werden gebildet, wie zum Beispiel:
Wenn ich konsequent bin, dann schafft es mein Kind irgendwann gut mit Frustration umzugehen.

Gesellschaftliche, politische oder ökonomische Faktoren werden in der Erziehungspraxis wenig oder gar nicht direkt berücksichtigt.

Was ist eigentlich Erziehung?

Wenden wir uns zunächst dem Erziehungsbegriff zu. Schaut man in den Duden, werden für den Begriff Erziehung u. a. diese Synonyme vorgeschlagen: Belehrung, Drill, Formung, Prägung oder Unterweisung. Dies klingt nicht sehr positiv, sondern hat eher einen Beigeschmack von Unterdrückung und Manipulation. Erziehung ist immer mit einem Ziel gekoppelt: Wir wollen etwas erreichen.

Wir wollen zum Beispiel erreichen, dass unsere Kinder selbstständig werden, dass sie sozial kompetent werden, dass sie einen Beruf ergreifen. Unterschwellig schwingt die Angst mit, dass Kinder all das, was wir für wichtig und richtig halten, zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr lernen, frei nach dem Motto „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“.

Und genau deshalb müssen Kinder bereits im Kindergarten auf die Schule und in der Schule auf das Berufsleben vorbereitet werden.

Dürfen die Kinder überhaupt noch Kinder sein?

Dieser Gedanke, dass wir Kinder vorbereiten, ist per se nicht negativ zu bewerten. Doch wir sollten uns die Fragen stellen: Werden wir den kindlichen Bedürfnissen noch gerecht, wenn schon vierjährige Kinder über einen längeren Zeitraum stillsitzen müssen? Weshalb müssen Kinder in der Schule die meiste Zeit stillsitzen und still sein? Müssen Kinder schon mit fünf Jahren den Zahlenraum kennenlernen? Welche Ziele verfolgen wir damit und welche Ängste stecken dahinter?

Wir streben danach, unsere Kinder an eine Welt anzupassen, die im Grunde gar nicht ihren Bedürfnissen entspricht (unseren wahrscheinlich auch nicht).

Wir stellen uns zu oft die Frage: Welche Methoden sind hilfreich, damit sich ein Kind besser konzentrieren oder besser lernen kann? Wir stellen uns aber weniger die Frage: Was muss sich im Umfeld, ja sogar in der Gesellschaft ändern? Zum Beispiel: Sind Hausaufgaben überhaupt noch sinnvoll oder eine bereits überholte Praxis? Wir sind darauf bedacht uns – und somit auch unsere Kinder – an äußere Gegebenheiten anzupassen und versuchen so etwa die Hausaufgabenpraxis mit all unseren (Macht-)Mitteln durchzusetzen.

Aus Kindern schnellstmöglich kleine Erwachsene machen. Erstrebenswert?

Erwachsene haben im Gegensatz zu Kindern andere Fähigkeiten, mit Situationen umzugehen bzw. sie sind schon so sehr abgestumpft, dass sie ein Unbehagen gar nicht mehr spüren. Viele haben sich mit den äußeren Gegebenheiten arrangiert, sodass diese Welt, wie wir sie erleben, selten in Frage gestellt wird.

Es geht in erster Linie um Anpassung und nicht um Veränderung der Rahmenbedingungen. Und damit unsere Kinder lernen, mit dieser Welt klarzukommen (die wir scheinbar nicht verändern können), sollen sie ebenfalls daran angepasst werden. Unsere Schlussfolgerung lautet: Je früher Kinder die Welt erfahren, so wie sie ist, desto besser kommen sie später mit und in ihr klar.

Dass sich Kinder auf diese Weise gesund entwickeln können, ist ein großer Irrglaube. Der Preis ist, dass bei allen Beteiligten Leid produziert wird. Die Kinder leiden, weil sie durch die ständige Anpassungsleistung ihre ureigenen Bedürfnisse (z. B. nach Bewegung oder Spiel) verschieben bzw. unterdrücken müssen. Und Erwachsene leiden, weil sie sehr viel Energie und Kraft aufbringen, um Kinder zu motivieren, bestimmte Dinge zu tun, die nicht ihrer Natur entsprechen. Man denke hier nur an die Kämpfe bei den Hausaufgaben.

Erziehung in der heutigen Gesellschaft: Kinder möglichst schnell zu kleinen, anpassungsfähigen Erwachsenen machen
Erziehung: Höher, schneller, weiter, um die romantische Vorstellung einer nicht existenten Gesellschaft zu erfüllen. Foto: Baim Hanif, Unsplash

Bedürfnisorientierte Erziehung und Begleitung der Entwicklung statt Adultismus

Ich möchte hier ein Plädoyer für Kinder und die Kindheit aussprechen. Dafür, dass Kinder ein Recht auf eine Erziehung im Sinne von Begleiten und Orientieren haben. Dafür, dass Kinder ein Recht darauf haben, sich gemäß ihrer eigenen, individuellen Geschwindigkeit zu entwickeln. Und dafür, dass Kinder ein Recht auf eigene Bedürfnisse haben. Wir müssen Kinder nicht erst gesellschaftsfähig machen. Wir müssen sie nicht an unsere Welt anpassen. Wir müssen ihnen nicht beibringen, schon mit vier Jahren stillzusitzen oder ihnen die Welt der Mathematik näherbringen.

Stattdessen sollten wir Kinder so sehen und nehmen, wie sie eben sind. Nämlich als Menschen, die ein starkes Bedürfnis nach liebevollen Beziehungen haben. Menschen, die neugierig die Welt entdecken und sie mit all ihren Sinnen erfahren wollen. Menschen, die große Lust an Bewegung haben. Menschen, die nach Sicherheit und Orientierung suchen. Menschen, die eine unbändige Freude am Spielen haben. Und nicht zuletzt Menschen, die in ihrem Wesen so angenommen werden wollen, wie sie sind.

Ein Bewusstsein zu entwickeln, ist der erste Schritt zur Veränderung

Was hat all das mit der Erziehung zu tun? Es hat damit zu tun, dass wir uns dessen, was um uns passiert, bewusst werden. Wir brauchen ein Bewusstsein darüber, in welcher Welt wir leben, was Erziehung für uns bedeutet und welche Ziele wir verfolgen möchten. Wollen wir Menschen, die sich gesellschaftlich besonders gut anpassen können und die möglichst wenig kritisch hinterfragen? Oder wollen wir Menschen, die kreativ sind, die eigene Gedankengänge haben und die geltende Normen nicht einfach so hinnehmen, sondern diese nach ihrer Sinnhaftigkeit oder Bedeutung in Frage stellen?

Wenn wir Letzteres bevorzugen – und kreative Menschen werden in Zukunft immer mehr gefragt sein –, dann sollten wir anfangen, nicht an den Kindern herumzudoktern, sondern gesellschaftliche Bedingungen nach ihrem Sinn zu hinterfragen und diese zu verändern …

Warum die gängige Erziehung häufig Leid verursacht und Kinder nicht in Richtung gesellschaftliche Anpassung, sondern zum eigenständigen Denken erzogen werden sollten. Gastbeitrag der bedürfnisorientierten Sozialpädagogin Sandra Siehl. #unerzogen #bedürfnisorientiert #achtsammitkindern #liebestattangst

Danke, Sandra, für diesen wunderbaren Beitrag. Ich freue mich sehr auf weitere spannende, inspirierende Gedanken aus deiner virtuellen Feder. 🙂

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