Waldorfschule Teil 1: Warum ich begann, an der Regelschule zu zweifeln

Okay, ich gebe es ja zu. Eigentlich hatte ich schon immer meine Zweifel an der Regelschule, schließlich habe ich auch eine besucht. Das Paradoxe: Ich bin trotzdem gerne zur Schule gegangen, weil ich wusste, dass auf diesem Weg meine Neugier befriedigt würde. Mir Neues zu erschließen, das hat mich schon immer fasziniert. Dennoch gab es so manche Dinge, die ich extrem ätzend fand. Und es gibt sie immer noch:

10 Gründe gegen die Regelschule

Adultismus in der Regelschule: gängige Praxis. #regeln #schule
Regeln in der Schule: Notwendig, sicher. Aber manchmal auch unnötig einschränkend, wenn nicht gar willkürlich oder adultistisch (Foto: Michael Mroczek, Unsplash)

1. Mobbing

Ich war in einer besonderen Klasse, nämlich der mit den Schülern, die den musischen Teil unseres Gymnasiums besuchten. Das waren wenige Menschen mit teils außergewöhnlichen Begabungen, aber auch liebenswerten Spleens. So sehe ich es heute. Die damaligen Mitschüler aber sahen das anders. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: „Oh, da sind ja wieder die aus der Spasti-Klasse“, schrie ein Junge aus der Parallelklasse uns Tischtennisspielenden entgegen.

Muss ich erwähnen, wie schwer es ist, in einem solchen Umfeld ein gesundes Selbstwertgefühl zu bewahren?

Vor allem beschränkt sich das Ganze nicht auf psychische Gewalt, sondern auch auf physischer Ebene ist es beängstigend, was allein unter Schülern ablaufen kann. Schon in der ersten Klasse der Grundschule.

Was wird getan, um dem entgegenzuwirken? Mal wird bewusst weggeschaut, mal wird eingegriffen, mal werden die Eltern verständigt. Aber das Resultat bleibt das Gleiche: Da rebellieren Kinder gegen das Schulsystem, indem sie die Mitschüler drangsalieren, weil sie nicht wissen wohin mit ihren Aggressionen.

2. Regeln

Natürlich ist es unerlässlich, dass es in einer Gesellschaft Richtlinien gibt, an denen sich andere orientieren können. Und ich habe auch gar nichts gegen Regeln, die sinnvoll sind. Aber dass Grundschüler während der Stunde kein Wasser trinken dürfen, das ist für mich keine Regel, sondern ein unzulässiger Eingriff in die Privatsphäre. Klar würde das Kind nicht verdursten. Aber es ist der erste Schritt hin zu einem Menschen, der in der Zukunft nicht mehr in der Lage sein wird, auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu hören. Ein Schritt Richtung Fremdbestimmung: Die Schulglocke sagt dem Kind, wann es Durst haben darf und wann nicht.

Auch in diese Kategorie gehören Kollektivstrafen: Einige wenige Kinder haben etwas ausgefressen. Anstatt den Fokus auf sie zu legen und zu schauen, was die Ursache dafür ist, werden einfach mal alle anderen Kinder mitbestraft. Oh, da wäre ich an ihrer Stelle auch wütend. Jede Ungerechtigkeit sorgt für mehr Unmut. Aber damit wird auch der Drang nach Freiheit immer größer. Manchmal braucht es das Gefühl, gefangen zu sein, um die Sehnsucht nach einem anderen Leben groß genug werden zu lassen … 

Kritik am Schulsystem. Schule heißt: Ständiges Tauziehen gegeneinander: Der Kampf darum, schon von klein auf der Größte, Beste, Stärkste zu sein. Die falsche Art von Ich-Zentriertheit #regelschule
Ständiges Tauziehen in der Schule: Der Kampf darum, schon von klein auf der Größte, Beste, Stärkste zu sein. Die falsche Art von Ich-Zentriertheit (Foto: Anna Samoylova, Unsplash)

3. Leistungsdruck

Schon von Anfang an wird Leistungsdruck aufgebaut. Wie jemand neulich zu mir sagte: „An der Regelschule ist das System ‚Friss oder stirb‘.“ Rücksichtnahme? Das wird sicher versucht, aber auch die besten Lehrerinnen können das System nicht aushebeln. Und das System sagt nun mal: Stoff eintrichtern, so schnell wie möglich. Auch nachmittags. Hausaufgaben, klar. Und natürlich muss zusätzlich noch Lesen geübt werden, auch wenn die Texte die Neugier der Kinder überhaupt nicht anspornen. Was lernt das Kind? Lesen ist langweilig. Oh, da wird die Autorin richtig wütend …

4. Zwang

Wart ihr schon mal in der Situation, dass euer Kind einfach nicht in die Schule gehen wollte? Was dann? Dann muss man dem Kind erzählen, dass es gezwungen ist, in die Schule zu gehen, ob es will oder nicht. Und wenn es dann immer noch nicht will? Schleife ich es dann an Händen und Füßen zum Unterricht? No way, denn dadurch wird die Schul-Aversion ja erst recht verstärkt.

Und dann müssen Tests geschrieben werden. Jetzt wurden schon die Noten für die Kleinen abgeschafft, aber die Tests bleiben. Und mit ihnen wird die Versagensangst geschürt. Werde ich im nächsten Diktat wieder so viele Fehler haben? Bin ich in Mathe immer noch so schlecht? Und wenn es dann tatsächlich so ist, was passiert? Im kindlichen Kopf entsteht ein neuer Glaubenssatz, nämlich: „Ich bin schlecht in Deutsch / Mathe / Whatever.“ Das wieder aus dem Unterbewusstsein zu löschen, das dauert ewig.

5. Konkurrenzkampf

Wer immer brav lesen übt, bekommt irgendwann eine Belohnung. Wer es nicht tut, wird doppelt bestraft: Er kriegt nix – und ihm wird das Gefühl vermittelt, dass er nicht gut genug ist.

Kinder sind natürlicherweise auf ein Miteinander aus, aber die Erwachsenen trainieren ihnen das systematisch ab. Der Neid auf die Familie mit dem großen Haus und dem dicken Auto spornt den Konkurrenzkampf an: Die Eltern suchen verzweifelt nach etwas, worin sie besser sind als die Nachbarn mit dem vielen Geld.

Unterstützt wird das durch wenig durchdachte Sonderaktionen in den Schulen. Da gewinnt der Schüler, dessen Luftballon beim Wettbewerb am weitesten fliegt. Dass der Wind den Gewinner ermittelt und dass der Sieg nichts mit dem Können des gewinnenden Schulkinds zu tun hat, darüber denkt offenbar keiner nach.

Oder ein Kostümwettbewerb: Das Kind, das am schönsten aussieht in seinem Kostüm, bekommt den Preis. Dass die Kinder keinen Einfluss darauf haben, ob ihre Eltern die Zeit und die Fähigkeiten haben, ein Kostüm zu nähen, ist nebensächlich. Welche Botschaft kommt bei den Kindern an, die nicht gewinnen? Mein Kostüm war nicht schön genug. Ich bin nicht schön genug. Ich muss härter kämpfen, um das nächste Mal schöner zu sein als die Mitschülerin. Spieglein, Spieglein an der Wand …

Regelschulen machen Schüler zum Teil einer konformen Masse. Einheitsbrei deluxe. Uniformierung ohne Uniform
Einheitsbrei: Zwar gibt es bei uns keine Uniformen, aber die Uniformierung erfolgt trotzdem. Auf einem unsichtbaren Weg (Foto: Phương Nguyễn, Unsplash).

6. Einheitsbrei

 Alle machen das Gleiche. Wer fertig ist mit den Hausaufgaben, darf entweder Ausmalbildchen machen – oder Computer spielen. Das schmerzt besonders dann, wenn man ein kreatives Kind hat, das, bevor es in die Schule kam, Stunden damit verbracht hat, immer neue Bilder zu malen. Und auf einmal hat es keine Lust mehr zu malen.

Okay, ab und an muss es malen – und zwar das Gleiche wie alle anderen auch. So sieht das Bild dann leider auch aus: Immer schön die Kreativität unterdrücken, bloß nicht selbst denken, sondern nur das nehmen, was vorgefertigt ist.

7. Theorie statt Praxis

Darüber brauchen wir nicht groß zu reden. Jeder, der die Schule besucht hat, weiß, wie viel Überflüssiges einem da (zwanghaft) eingetrichtert wird. Eigene Interessen oder Aversionen sind egal. Du hast den Stoff zu lernen, Kind, ob du willst oder nicht. Irgendwann wirst du das alles wieder brauchen im Leben.

Ja, sicher. Und zwar, damit ich weiß, was ich den eigenen Kindern ersparen möchte.

Regelschule und Freiheit passen in den seltensten Fällen zusammen. Eine solche Lagerfeueratmosphäre in der Schule zu erleben, das wäre wunderbar.
Die Freiheit, die dieses Bild suggeriert, ist der komplette Gegensatz von dem, was die meisten Kinder in der Schule erleben (Foto: Anna Samoylova)

8. Essen

Die Esskultur ist an vielen Schulen beängstigend. Eltern, die sich noch nie mit Ernährung beschäftigt haben, sehen auch nicht den Sinn darin, dafür zu sorgen, dass die Kinder etwas Anständiges zu essen bekommen. Bioessen ist ja schließlich auch grundsätzlich teurer. Aber nicht besser. Hat die Nachbarin gesagt. Die es von ihrer Nachbarin gehört hat. Sich selber zu informieren und eigene Vorurteile abzubauen, das kostet Zeit. Und Zeit hat man nicht. Der billigste Caterer wirds schon richten. Dass es Förderprogramme gibt – und Unterstützung für Eltern, die wirklich nicht viel Geld haben, das will keiner hören. Und dass die Kinder darunter leiden, weil man mit schlechtem Essen weniger leisten kann, weil Allergien oder Krankheiten die Folge sind, das kehren wir besser komplett unter den Tisch.

9. Enge

 Wann haben die Schulkinder die Möglichkeit, sich zurückzuziehen? Eine Mutter erzählte mir, wie sie mal eine Freundin ihrer Tochter aus der Schule abholen musste: „Da ging es zu wie auf einem Bahnhof. Die Kinder saßen beim Essen wie die Hühner auf der Stange nebeneinander. Und einige von ihnen hatten noch nicht mal Platz am Tisch. Die standen dann im Gang und aßen im Stehen. Es war laut und einige Kinder liefen durcheinander. Ein Riesenchaos. Wie sollen die Kinder denn da die Möglichkeit haben, mal runterzukommen?“

10. Sitzen

Dass Sitzen für Erwachsene ungesund ist, weiß mittlerweile jeder. Wie ungesund muss es dann erst für Kinder sein mit ihrem unermüdlichen Bewegungsdrang? Wie viel Zeit haben die Kinder noch, Kinder sein zu dürfen und ihren eigenen Impulsen zu folgen?

Was tun bei Unzufriedenheit mit der Schule?

Man kann sein Kind in der Regelschule lassen und versuchen, die beunruhigenden Impulse, die man wahrnimmt, zu Hause aufzufangen und wieder in etwas Positives zu verwandeln. Je nach Schule oder Klassensituation wird das auf Dauer ganz schön anstrengend.

Das Schulsystem ist verstaubt und muss dringend erneuert werden. Wie das geht? Leider weiß das keiner so genau. Aber es ist deutlich, dass wir in einer Phase des Wandels sind. Immer mehr Lehrer/-innen und Direktor/-innen von Regelschulen bemühen sich, die Dinge anders zu handhaben – nicht, indem sie ihre eigenen Schulen gründen, sondern indem sie Änderungen in ihren Regelschulen durchführen, weil sie die Missstände erkannt haben und etwas dagegen tun möchten. Wunderbar, wenn man eine solch engagierte Schule mit vielen tollen Projekten, Ideen und einem motivierten Lehrerteam erwischt hat. 🙂

Wer sich da gerne einklinken möchte, um vielleicht die eigene Schule auf diese Art voranzutreiben, dem empfehle ich, mal auf der Seite Schule im Aufbruch zu stöbern.

Manche Eltern entscheiden sich dafür, ins Ausland zu gehen, um dem Schulzwang zu entkommen und Home-Schooling zu machen.

Wieder andere schicken ihre Kinder an alternative Schulen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Menschen in die Welt zu entlassen, die noch im Einklang mit sich selbst sind, die ihren Impulsen folgen und ihre Talente ausleben dürfen. Ohne dass Bildung dabei zu kurz kommt.

Ein Verzeichnis aller alternativen Schulen gibt es auf der Seite Lernumgebung.

Welche der Möglichkeiten die beste ist? Lässt sich pauschal nicht sagen, denn jede Schule und jede Familie ist anders. Vielleicht habt ihr Glück und einige, möglicherweise alle der von mir genannten Punkte gibt es an der Schule eurer Kinder gar nicht. Vielleicht kommt euer Kind klar – oder ihr glaubt, es kommt klar, weil es gelernt hat, die kleinen Verletzungen im Alltag ganz tief in sich zu verstecken (siehe oben Beispiel Spasti-Klasse).

Vielleicht habt ihr aber auch beunruhigende Anzeichen an eurem Schulkind festgestellt. In dem Fall kann ich nur empfehlen, euch mit den Waldorfschulen, den freien Schulen oder den Montessori-Schulen in eurer Umgebung in Verbindung zu setzen oder beim Tag der offenen Tür einfach mal reinzuschnuppern.

Schulgarten bzw. Schulgelände einer #Waldorfschule. Dort herrscht eine ganz andere Energie als an der Regelschule. #Gleichwertigkeit statt #Adultismus
Waldorfschule: So kann ein Pausenhof bzw. ein Schulgelände auch aussehen. Ein Ort zum Aufatmen voller Liebe (Foto: Sandra Schindler)

Wir haben schon lange mit einer alternativen Schule geliebäugelt, das aber bisher verworfen, weil der Fahrtweg zur nächsten alternativen Schule relativ lang ist und wir dachten: „Die Kinder kommen schon irgendwie klar. Besser der kurze Fahrtweg – und dann, wenn die Kinder zu Hause sind, versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben.

Das hat auf Dauer aber doch extrem viel Energie aller Beteiligten gezogen – und abgesehen davon haben wir die alternative Schule in unserer Umgebung, eine Waldorfschule, besucht und uns schockverliebt. Warum? Das verrate ich euch in Teil 2 meiner Mini-Serie. 🙂

Die Waldorfschulen werden übrigens nächstes Jahr schon 100 Jahre alt. Es gibt einen wunderschönen Kurzfilm über ihr Konzept. Er hat mich immer und immer wieder zu Tränen gerührt. Vielleicht geht es euch auch so? Hier könnt ihr ihn euch anschauen.

Wie es weiterging? Hier gehts zu Teil 2 meiner Reihe.

10 Gründe gegen die Regelschule. Mit Links für die Suche nach alternativen Schulen wie z. B. Waldorfschulen. Freiheit, Selbstbestimmtheit, Selbstbewusstes Handeln, all das wird in alternativen Schulen gefördert statt zerstört

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Übrigens: Mit diesem Text bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018. Es geht dieses Jahr um Veränderungen in der Erziehung und Bildung. Darüber kann es nie genug Texte geben. 🙂

2 thoughts on “Waldorfschule Teil 1: Warum ich begann, an der Regelschule zu zweifeln

  1. Antworten
    Moritz - 21. August 2018

    Liebe Sandra,

    dein Bild von einer Waldorfschule ist merkwürdig, du scheinst nicht zu verstehen, wie menschlicher Umgang ist. Es ist schade, dass deine Einschulung herzlos war, meine war es nicht.

    Ich wurde auch auf einer Regelschule eingeschult und kann mich an meinen ersten Schultag noch gut erinnern. Eines ist mir in Erinnerung geblieben, die 1. und 2. Klasse hat mich unterfordert.

    Lesen konnte ich schon, Schreiben war mir zu langsam.

    Nun ein paar Worte zur Waldorfschule, hier habe ich gelernt, dass es auf die Nächstenliebe ankommt, denn nur durch mein Tun, kann Gutes entstehen.

    Ich wünsche Dir viel Glück neues im Leben zu entdecken und vorallem die Anthroposophie lieben zu lernen.

    1. Antworten
      Sandra - 21. August 2018

      Lieber Moritz,
      hm, welchen Artikel hast du gelesen? In meinem steht nichts von meiner lieblosen Einschulung. Sowas gab es nämlich nie. Sie war nicht emotional und berührend wie in einer Waldorfschule, aber bestimmt aufregend.
      Über mein Bild von Waldorfschulen steht in dem Artikel auch nichts. Aber danke jedenfalls für deine guten Wünsche. Der Einblick in deine Welt ist sehr spannend. 🙂

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