Bestimmte Geschenke werden mit der Zeit immer wertvoller. Tochter zu sein zum Beispiel

Was ich von meiner Mutter gelernt habe

Wenn mich jemand nach meinem Traumberuf fragt, kann ich mit voller Überzeugung antworten: Es ist genau der, den ich ausübe. Hallo, mein Name ist Anke, ich bin promovierte Agrar-Ingenieurin, Grafikerin und Texterin. Das, womit ich schon als Kind gerne Zeit verbracht habe, habe ich zu meinem Beruf gemacht. Wenn neben meinem Job und meinen zahlreichen Hobbys noch Zeit bleibt, schreibe bzw. blogge ich über mein Ü50-Leben.

Sandra und ich gehören demselben Texterinnen-Netzwerk an. Dieses Netzwerk ist nicht nur ein unverzichtbarer Teil im Leben zahlreicher Freiberuflerinnen, sondern veranstaltet einmal im Jahr ein Blogwichteln. So kam es, dass Sandra und ich kurz vor Weihnachten 2017 dazu auserkoren wurden, für die jeweils andere einen Blogbeitrag zu verfassen. Wie ich schon andeutete, bin ich ein paar unbedeutende Jährchen älter als Sandra, befinde mich also in einer ganz anderen Lebensphase. Aber genau das macht den Reiz an der Sache aus.

Foto Dr. Anke Hedfeld
Tochter und Texterin Dr. Anke Hedfeld (Foto: Susanne Kästner, Werne)

Zunächst wollte ich mir das Thema „ungewollte Kinderlosigkeit“ vorknöpfen. Gerade als ich den Gedanken daran verworfen hatte – dazu gibt es auf meinem Blog bereits einen Beitrag –, erreichte mich die WhatsApp-Nachricht meiner ältesten Freundin. Ihre Tochter hatte gerade an der Uni eine sehr schwierige Prüfung mit Bravour bestanden. Tränen schossen mir in die Augen vor Rührung. Oder schwang da noch etwas anderes mit? Meine aufgrund der Kinderlosigkeit nie ausgelebten Muttergefühle vielleicht? Oder gar Selbstmitleid? Wahrscheinlich von allem etwas. Selbst mit über 50 versetzt es mir ein ums andere Mal einen Stich, wenn mir klar wird, was nicht mehr nachgeholt werden kann. Aber darüber wollte ich, wie gesagt, gar nichts erzählen.

Auch mit Ü50 immer noch Tochter

Was liegt bei einem Blog, der sich hauptsächlich mit Kindern und Elternschaft beschäftigt, näher, als ein Thema aus Kindersicht anzugehen? Trotz meines fortgeschrittenen Alters bin ich doch selbst Tochter und habe eine Mutter, die mich sehr geprägt und mir viel mit auf den Weg gegeben hat. Dazu möchte ich nun ein paar Worte verlieren.

Meine Mutter wurde wie mein Vater in den Wirren des zweiten Weltkriegs geboren. Die beiden haben sich in den frühen 60er-Jahren kennengelernt und recht schnell geheiratet. 1962 kam erst mein Bruder, 1965 schließlich ich zur Welt. Unsere Kindheit und Jugend verbrachten wir zum größten Teil in den schrillen und boomenden 70er-Jahren. Es hat uns an nichts gefehlt, mindestens zwei Mal im Jahr fuhr unsere Familie in den Urlaub, wir haben beide das Gymnasium besucht, Abitur gemacht und studiert.

Erst heute wird mir klar, was insbesondere meine Mutter für uns Kinder geleistet hat. Zeit ihres Lebens halbtags berufstätig, hat es nicht einen Mittag gegeben, an dem sie nicht für uns drei – mein Vater aß außerhalb – ein leckeres Essen gekocht hat (die Eier in Senfsauce lasse ich mal außen vor). Für mich war es selbstverständlich, dass man eine Familie, einen Haushalt und die eigenen Interessen unter einen Hut bringen kann, denn meine Mutter lebte es mir jeden Tag vor. Im Nachhinein begreife ich, dass dieser Spagat nicht immer so easy gewesen sein kann, wie ich das als Kind wahrgenommen habe.

Bestimmte Geschenke werden mit der Zeit immer wertvoller. Tochter zu sein zum Beispiel

Meine Mutmacherin

Rückblickend kann ich sagen, dass meine Mutter mein erstes Role-Model war. Als in den 80er-Jahren vor allem alternative Parteien und politische Gruppierungen neben Umweltschutz und Abrüstung verstärkt Frauenthemen diskutierten, war für mich klar, dass ich in meinem Leben Benachteiligungen aufgrund von Geschlechtsunterschieden niemals akzeptieren würde. Vielleicht habe ich mich auch deswegen später entschlossen, einen in den 80ern noch eher typischen Männerberuf zu ergreifen und Agrarwissenschaften zu studieren. Ich wollte immer beides: einen Beruf erfolgreich ausüben und Kinder haben. Letzteres hat dann leider nicht funktioniert.

Den Blick für das Schöne geöffnet

Neben diesem Rollenverständnis hat mir meine Mutter aber noch viel mehr wunderbare Eigenschaften mitgegeben. Willenskraft zum Beispiel. Aber auch die Vorstellung davon, wie man sein Leben qualitäts- und anspruchsvoll gestaltet. Der Wunsch oder die Fähigkeit, eine Situation zu verbessern, zu verschönern oder angenehmer zu machen, hat mir in den vergangenen Jahren über zahlreiche Krisen hinweggeholfen. Und natürlich der Humor. Meine Vorliebe für sehr flache Witze stammt eindeutig von meiner Mutter. Mein Gott, was haben wir uns in den 80ern über die „Plattenküche“ oder Dieter Hallervorden beömmelt.

Von ihr habe ich auch einen Sinn für Ästhetik übernommen, wobei sie mir in diesem Punkt weit voraus ist. Ich kenne niemanden, der mit einfachen Mitteln und geradezu beiläufig so umwerfende Dekorationen zaubern kann. Was unseren Kleidungsgeschmack betrifft, sind wir immer wieder überrascht, dass wir unabhängig voneinander ähnliche Kleider gekauft haben. Ach ja, bleiben noch die Musik, die darstellenden Künste und das Reisen.

Ich behaupte, dass mir vor allem meine Mutter den Spaß und die Freude an diesen Dingen vermittelt hat. Wir sind beide häufig zusammen verreist, haben glücklicherweise die gleichen Vorlieben, das gleiche Tempo und den gleichen Appetit mittags um zwölf. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen wir uns ein wenig voneinander entfernt hatten. Heute aber verstehen wir uns gut, können uns auf Augenhöhe begegnen und wissen, was wir aneinander haben. Für dieses Geschenk sage ich einmal laut „Danke“. Ich hoffe, wir können noch oft miteinander verreisen.

Und ich (Sandra Schindler) sage: Danke dir, liebe Anke für diesen wunderschönen, berührenden Gastbeitrag, ein Geschenk, mit dem du mir ebenfalls eine große Freude bereitet hast. ☺

Meinen Beitrag für Anke, der utopische Blick auf mein Leben, wenn ich mal 64 bin, gibts übrigens hier auf Ankes Blog.

Mutterliebe erkennt man manchmal spät. Über das Muttersein und Tochtersein aus der Perspektive einer weisen Frau Ü50, die sagt: Bestimmte Geschenke werden mit der Zeit immer wertvoller. Tochter zu sein zum Beispiel. Mutter-Tochter-Beziehung. Schwierigkeiten zwischen Mutter und Tochter. Mütter als Role-Models, Mutmacherinnen, Helferinnen, Freundinnen und Reisepartnerinnen. Blogwichtelbeitrag des Netzwerks Texttreff von Anke Hedfeld

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1 thought on “Was ich von meiner Mutter gelernt habe

  1. Antworten

    […] habe ich es endlich geschafft, mich zu revanchieren. Seit heute ist mein Beitrag auf Sandras Blog online. “Was ich von meiner Mutter gelernt habe” ist der Titel. Worum es geht? Um meine […]

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