Wenn Kinder schweigen, kann Mutismus der Grund sein. Eine Kommunikationsstörung, die unbehandelt das Leben der Betroffenen sehr schwer macht. Interview mit der Expertin für Mutismus: Anne Gauß

Mutismus: Wenn Schweigen zur Krankheit wird

Allein mal kurz zum Bäcker gehen und Brötchen holen? Das ist eine Vorstellung, die vielen Kindern Angst macht. Doch für Emil, den Jungen in der Nussschale, ist so etwas noch wesentlich schlimmer als für schüchterne Kinder, denn Emil ist krank. Er leidet unter Mutismus. Wer Latein gelernt hat, dem verrät der Wortstamm „mutus“, dass das irgendwas mit „stumm“ zu tun hat. Mutismus ist eine Kommunikationsstörung, die aus der Angst entsteht, dass etwas Schreckliches passieren könnte, wenn man mit Fremden spricht. Deshalb sprechen die Betroffenen nur mit einem ganz kleinen, ausgewählten Personenkreis. Der Rest der Welt kennt sie nur als stumme Zeitgenossen.

Ihr habt von Mutismus noch nie gehört? Ich auch nicht. Bis ich auf die sympathische Autorin Anne Gauß traf. Ich habe sie als quirlige, lebenslustige Frau kennengelernt, mit der man wirklich jeden Blödsinn machen kann. Als ich sie im Sommer im Rahmen der Buchmesse in meiner Heimatstadt Aschaffenburg traf, hatten wir eine super Mischung aus ernsten, tiefgründigen Gesprächen und unheimlich viel Spaß. Und witzigerweise habe ich damit auch genau ihren Schreibstil beschrieben.

Wenn Kinder schweigen, kann Mutismus der Grund sein. Eine Kommunikationsstörung, die unbehandelt das Leben der Betroffenen sehr schwer macht. Interview mit der Expertin für Mutismus: Anne Gauß
Foto: Kristina Flour, Unsplash

Der Junge in der Nussschale“ ist eine Mutmachgeschichte für schweigende, stotternde, schüchterne, hochsensible – oder eben mutistische Kinder. Ich lese immer wieder mal ein Augenzwinkern zwischen den ernsten Zeilen des Buchs, in dem Anne die Geschichte ihres eigenen Sohnes erzählt:

Emil fühlt sich nicht wohl. Er ist umgeben von einer Nussschale, die ihn nicht nur schützt, sondern auch behindert. Eines Tages trifft er auf eine Zauberin und hofft, dass die ihm helfen kann, seine Nussschale loszuwerden. Doch irgendwie kommt immer etwas dazwischen. Ständig muss er der Zauberin helfen – und nicht umgekehrt.

Eine wunderschöne Geschichte, mit der Anne den betroffenen Kindern und Eltern Mut machen möchte, was ihr auch wunderbar gelingt. Das Mutismus-Buch mutierte (höhö) sehr schnell zum neuen Lieblingsbuch meiner beiden Kinder. Und ich kann es auch jedem ans Herz legen.

Und weil Mutismus einfach noch sehr unbekannt ist, ich aber finde, dass sich das dringend ändern sollte, hab ich Anne kurzerhand ein paar Fragen gestellt:

Liebe Anne, gib uns doch mal bitte zur Einstimmung deinen Werdegang in Kurzfassung!

Ich bin in Frankfurt am Main geboren und wohne jetzt schon seit vielen Jahren in Neu-Isenburg, habe Japanologie studiert und bin dadurch damals über einen Studentenjob bei der Japan Airlines am Frankfurter Flughafen „gelandet“, wo ich inzwischen seit über 20 Jahren arbeite. Das Buch „Der Junge in der Nussschale“ ist eher durch Zufall aus der Therapiegeschichte meines Sohnes heraus entstanden, da es ursprünglich „nur“ als Dank für die Therapeutin geschrieben war.

Wie schön, dass dich der „Zufall“ zum Schreiben gebracht hat. Ich liebe ihn. ☺

Viele Kinder sind schüchtern Fremden gegenüber – so wie der Junge in der Nussschale. Du hast das aber nicht unbedingt für schüchterne Kinder geschrieben, sondern für mutistische. Wo ist der Unterschied?

Der Unterschied ist, dass ein mutistisches Kind im Gegensatz zu einem schüchternen Kind niemals „auftauen“ wird. Auch wenn die Situation vertrauter wird, auch wenn es irgendwas gibt, was das Kind unbedingt und so gerne haben möchte oder machen würde, aber z. B. darum bitten müsste – es kann nicht. Häufig sind mutistische Kinder auch generell sehr ängstlich. Mutismus kann deshalb sehr lebenseinschränkend sein. Man kann es im Grunde mit anderen Angststörungen vergleichen: Kannst du (also nicht du 😉) mit deiner Spinnenphobie ein normales Leben führen, weil du ja weißt, dass Spinnen in unseren Breiten normalerweise harmlos sind und nicht überall lauern? Dann ist alles okay. Oder traust du dich nicht mehr aus dem Haus, weil du ständig Angst hast, dass eine Spinne auf der Fußmatte sitzt und dich beißen könnte? Dann solltest du vielleicht eine Therapie in Erwägung ziehen.

Kannst du mal skizzieren, wie der Alltag eines mutistischen Erwachsenen aussehen könnte, wenn er nicht in Therapie kommt – und im Vergleich dazu einen Erwachsenen ohne Mutismus?

Was ist Mutismus? Kinderbuchautorin Anne Gauß ist Expertin für Mutismus und eine ehemalige Betroffene. Sie erzählt eine Geschichte, um anderen Betroffenen zu helfen
Kinderbuchautorin Anne Gauß

Mutismus ist im Kleinkindalter noch sehr gut therapierbar. Je älter der Mutist wird, desto schlechter stehen die Chancen, das Schweigen zu überwinden. Ich glaube, das lässt sich ganz gut nachvollziehen. Stell dir vor, du hast jahrelang geschwiegen. Und selbst, wenn du dir nun ganz fest vornimmst zu reden, wirst du dir höchstwahrscheinlich vorher erstmal tausend Gedanken machen, oder? Was werden die anderen denken, wenn ich plötzlich spreche? Werden die mich auslachen, sich erschrecken, mich gar nicht hören? Wird meine Stimme laut genug sein? Wie geht das überhaupt, Smalltalk? Und wenn ich was Blödes sage? Dann kann ich danach nie wieder was sagen. Usw. usw. Und dann? Lasse ich es vielleicht doch besser. Und natürlich haben erwachsene Mutisten deshalb häufig Probleme mit sozialen Kontakten und mit der Jobfindung. Es braucht jede Menge Mut, um ein jahrelanges Schweigen zu durchbrechen.

Eigentlich bin ja ich die Autorin mit den Erdbeeren im Logo – und ich verstecke supergerne Erdbeeren in meinen Texten. Umso mehr musste ich schmunzeln, dass deine Geschichte auch mit Erdbeeren beginnt. Zufall – oder bist du auch ein Erdbeerjunkie?

Ich liebe Erdbeeren. Aber dass sie in der Geschichte eine Rolle spielen hat wohl eher damit zu tun, dass es tatsächlich so war: Es gab einen Erdbeerstand am Ende der Straße, in der sich die Praxis der Zauberin (Therapeutin) befand und ein Bestandteil der Therapie war es, dass die Kinder dort Erdbeeren kaufen gingen.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Kinderbuch mit einem Mut machenden Nachwort für die Eltern gesehen zu haben, insofern dachte ich, dass ich so ziemlich die Erste war, die auf die Idee kam. Nun sehe ich, dass du Jahre vor mir schon genau das gemacht hast: Ein Brief an die Eltern hängt dem Buch an, der ihnen Hoffnung geben soll. Ich habe da ja schon ganz spannende Reaktionen drauf erlebt. Mein Verlag war gleich dafür – und der Großteil der Leser auch. Aber mir wurde auch schon von einem Leser gesagt, dass das unmöglich sei und dass ich mich gefälligst entscheiden solle: Entweder schreibe ich ein Kinderbuch – oder einen Ratgeber, aber beides zusammen, das ginge gar nicht. Kennst du solche Aussagen auch? Bzw. wie haben die Leute auf dein Nachwort reagiert – oder überhaupt auf dein Buch?

Ich habe sehr viele dankbare Rückmeldungen von Eltern bekommen, die sich in meinen Worten wiedergefunden haben, so dass ich mich bestätigt fühle, dass es gut war, das Buch so zu schreiben. Natürlich gibt es auch Kritiker – wobei die Kritik in diesem Fall eher die Art der Therapie angreift, und nicht mein Nachwort. Um das zu erklären, müsste ich allerdings zu sehr ins Detail gehen, glaube ich. Grob zusammengefasst denken manche Leute, dass diese Form der Therapie das Kind zu sehr unter Druck setzt – und lehnen sie deshalb ab. Da ich damals allerdings nichts anderes kannte und nichts Besseres wusste und sowieso auch keine Alternative hatte, habe ich mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Was gut war, denn es hat ja geholfen. Und der Druck … der nannte sich damals „Herausforderung“ und war von der Zauberin stets in aufmunternde Worte verpackt – und es war einfach genau richtig so.

Kinderbuch über Mutismus: Der Junge in der Nussschale. Ein Kinderbuch für schüchterne, mutistische, hochsensible, stotternde Kinder. Eine Mutmachgeschichte für Klein und Groß. Kinderbuchempfehlung Kinderbuch seltene Krankheit

Wenn ich das richtig verstanden habe, scheinst du gut vernetzt zu sein in der Mutismus-Szene. Ist die so klein, dass da wirklich jeder jeden kennt?

Ja, die ist recht klein. Leider ist Mutismus noch immer viel zu unbekannt. Der Verein der Mutismus-Selbsthilfe bemüht sich seit Jahren, dies zu ändern, indem er neben viel Info-Material wie Flyern etc. auch eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift herausbringt und jährliche stattfindende Tagungen organisiert, an denen ich sehr gerne teilnehme. Da sie offen für Jedermann sind, entstehen dort immer wieder spannende Gespräche zwischen Angehörigen von Betroffenen, Therapeuten, ehemaligen Betroffenen usw. Und natürlich gibt es auch interessante Vorträge aus allen diesen Gruppen. Die nächste Tagung findet übrigens im Juni in Rostock statt. Informationen dazu unter www.mutismus.de.

Wie geht es eigentlich deinem Sohn heute – und was sagte er zu deiner Geschichte, damals und jetzt, als Fast-Erwachsener?

Es geht ihm gut, so wie es einem ganz normalen pubertierenden Jugendlichen nun mal so geht. ☺ Er mag die Geschichte und war und ist stolz darauf, aber im Großen und Ganzen hat er keine Erinnerung daran, WIE er mal war. Wenn zu Hause ab und zu das Gespräch darauf kommt und jemand sagt, früher hättest du jetzt so und so reagiert, dann lacht er und sagt ganz erstaunt: „Echt?“ Also: DIESE Geschichte ist beendet. Sowohl im Buch als auch im richtigen Leben.

Wie gehts bei dir weiter? Dürfen wir uns bald auf Nachschub von dir freuen?

Ich gebe mir Mühe, aber möchte dazu noch nicht allzuviel sagen. Aber es sieht so aus als würde ich dem Thema annähernd treu bleiben. ☺

Wo können interessierte Leser mehr über dich bzw. deine Bücher erfahren?

Bei Fragen zu Mutismus bin ich jederzeit über Facebook erreichbar, biete z. B. auch Lesungen im Rhein-Main-Gebiet für Kindergärten oder Grundschulen an. Und auf der Seite meines Verlags gibt es weitere spannende Bücher zu vielen ähnlichen Themen von einem breit gefächerten Autorenkreis. Schaut doch mal vorbei!

Gibt es etwas, womit dir meine Leser helfen können?

Gerne! An alle, die beruflich oder privat mit Kindern zu tun haben: Schaut doch mal genau hin. Gibt es ein Kind, das über Wochen und Monate gar nicht mit euch oder mit anderen spricht? Vielleicht auch nicht spielt und nicht isst? Keine Freunde hat? Dann lohnt sich evtl. ein Besuch auf www.mutismus.de. Dort werden die Merkmale für selektiven Mutismus sehr gut erläutert. So fällt es auch Laien leichter einzuschätzen, ob es tatsächlich Mutismus oder doch nur Schüchternheit ist. Und im Zweifelsfall gibt es dort auch ein Therapeutenverzeichnis. Lieber einmal zuviel um Hilfe gefragt!

Und zu guter Letzt: Welches Buch aus deiner Kindheit hat dich geprägt?

Auch wenn es nicht besonders originell ist, aber etwas anderes zu schreiben als „alles von Astrid Lindgren“ wäre gelogen. Ich habe die meisten ihrer Bücher immer und immer wieder gelesen und kann gar nicht sagen, welches davon mich am meisten geprägt hat. Sie sind einfach alle so toll. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann … Bullerbü. Oder Michel. Oder … nein, hat keinen Sinn.

Hab herzlichen Dank für deine spannenden Antworten. Ich freu mich sehr auf dein nächstes Buch – und wünsche dir mit all deinen tollen Ideen ganz viel Erfolg – und vor allem die Möglichkeit, die Menschen zu erreichen, die dich in dem Moment brauchen! 💚

Mutismus: krankhaftes Schweigen. Über Therapiemöglichkeiten, Kinderbücher zur Problemlösung, den Alltag und die Ängste mutistischer Kinder sprechen die pädagogisch motivierten Kinderbuchautorinnen Anne Gauß und Sandra Schindler #autoreninterview #kinderbuchvorstellung #pädagogischeskinderbuch

Weitere Buchvorstellungen bzw. Interviews mit spannenden Menschen aus der Buchbranche und darüber hinaus gibts hier. Und wer keinen weiteren Beitrag verpassen mag, darf sich gerne für meinen Newsletter anmelden.




2 thoughts on “Mutismus: Wenn Schweigen zur Krankheit wird

  1. Antworten
    Damaris Aulinger - 9. Februar 2018

    Liebe Sandra und liebe Anne,

    vielen Dank für den wundervollen Artikel und das zauberhafte Buch!

    Ich durfte das Buch ja schon vor einiger Zeit lesen…das war kurz nach meinem “Austritt” aus der Schule, in der ich arbeitete. Ich war total angetan von Annes Schreibweise und den vielen Augen öffnenden Informationen, sodass ich das Buch gleich in der Schule empfahl. Leider ohne jegliche Reaktion, vielleicht lag es aber auch daran, dass ich, mir fremde Themen, nur sehr schwer erklären kann. Dabei hatte ich sogar ein Beispielkind aus der Schule, das ALLE kannten. Ein Junge aus der Abi-Klasse meiner Tochter. Stumm, redete nur mit ca. 2 Personen, Monte sei Dank konnte er das Abi machen. Jetzt im Studium traf meine Tochter ihn wieder – er sprach sie an!! Meine Tochter war nur baff – sie hat nach Jahren das erste Mal seine Stimme gehört.

    Dein Artikel, liebe Sandra, hat mich aber nun angespornt nochmal das Gespräch dort zu suchen.

    Macht weiter so ihr beiden!

    Herzensgrüße,
    Damaris

  2. Antworten

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