Klartext: Mit Kindern authentisch und ehrlich kommunizieren. Ungeschönt, ohne Notlügen und ohne verstaubte Vorschriften. Ein Gastbeitrag von Conni von Muttersprach. #klartext

Klartext: Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen

Conni von Muttersprach kennt sich aus mit Klartext. Sie schreibt auf ihrem Blog ungeschönte Texte über ihr Leben als Alleinerziehende. Manche mögen ihre Texte hart finden. Ich finde sie ehrlich. Und vor allem menschlich. Und ich liebe die Zeilen, die sie mir zum Thema Klartext als Gastbeitrag geschenkt hat. Aber lest selbst. Vorhang auf für Conni:

Kinder nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie sagen frei heraus, was sie denken. Unmissverständlich. Das ist Klartext.

Warum fällt uns Erwachsenen das oft schwer? Unterbinden wir die naturgegebene Ehrlichkeit der Kinder, weil wir uns möglicherweise angegriffen fühlen oder peinlich berührt sind?

Klartext: Ehrlicher und dadurch zuweilen auch unschöner Dialog: Laut Conni von Muttersprach der einzige Weg zu einer authentischen, ehrlichen Beziehung zwischen Eltern und Kindern. #klartext

Klartext, wie man ihn in der Kindheit lernt

Ich kann mich da sehr gut an meine eigene Kindheit zurückerinnern. Was „man“ sagt oder nicht sagt, tut oder nicht tut, spielte für meine Mutter eine wichtige Rolle. Hingegen verstand ich das überhaupt nicht. Diese unpersönlichen Aussagen wirkten irritierend. Und da ein Kind seinen Eltern grundsätzlich gefallen will, lernte ich, in gewissen Momenten still zu sein.

Wer ist eigentlich dieser „man“, der alles besser kann und weiß?

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich das, was ich damals verloren hatte, wieder zurückerobern konnte. Ich begann zu hinterfragen. Niemand hat „man“ je getroffen, doch alle geben vor, ihn zu kennen. Sie wollen wissen, dass seine Vorgaben allgemeingültig sind. Wie sollte ich diesen ominösen „man“ ernst nehmen? Das ist nichts als ein Märchen – der Osterhase der Erwachsenenwelt.

Von den Eltern lernen? Nicht!

Schlimm finde ich es, wenn diese Geschichte gedankenlos von Generation zu Generation weitergegeben wird. Was sollen die Kinder daraus lernen? Dass sie ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht klar kommunizieren dürfen, um gut dazustehen?

Wie geht es uns Erwachsenen dabei, wenn wir sagen, das Essen hat uns gut geschmeckt, obwohl es absolut scheußlich war?

Wie fühlt sich das an, wenn wir aus vermeintlichem Anstand heraus „Ja“ sagen, obwohl wir genau das Gegenteil meinen?

Die Wahrheit ist, wir fühlen uns selbst nicht gut mit solchen alltäglichen Lügen.

Und wenn man der Sache auf den Grund geht, hat das nichts mit Höflichkeit zu tun. Wir sagen „Ja“, statt „Nein“, weil wir geliebt und anerkannt werden wollen. Das haben die meisten unter uns von klein auf gelernt: Sind wir gefällig, werden wir dafür anerkannt. Wer aus der Reihe tanzt, wird bestraft. Darum wollen wir nicht unangenehm auffallen.

Seine Integrität zu unterdrücken, gilt als „normal.“ Was darüber vergessen wird: Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Und jeder hat seine eigene Sprache. Das ist Selbstausdruck. Wenn wir diesen nicht zulassen, unterdrücken wir unser eigenes Wesen.

Erwachsene, befreit euch. Und seid ehrlich wie die Kinder

Ich kenne nichts Schöneres als einen Menschen, der eindeutig sagen kann, was er will. Kinder können das so wunderbar! Wenn es ihnen nicht irgendwann genommen wird und sie wie die meisten Erwachsenen dastehen und nicht wissen, was sie wollen. Dann wird wieder geschimpft über die Generation Y … und der Hund beißt sich in den Schwanz.

Nicht selten kommt irgendwann die große Krise. Da hat man sich so bemüht, alles zu sagen und zu tun, was „man“ macht, und was bleibt am Ende übrig? Gar nichts. Das Selbst ist auf der Strecke geblieben. Eine bittere Erkenntnis. Darum finde ich es unendlich wichtig, Klartext zu reden. Und Kinder in ihrem unverfälschten Ausdruck zu bestärken.

Die Expertin in Sachen Klartext: Bloggerin Conni von Muttersprach in der Natur

Mein Sohn darf sagen, dass er von Verwandtem XY nicht umarmt werden will. Er darf sagen, dass ihm das Essen nicht schmeckt oder das Geschenk nicht gefällt. Und er darf mir auch sagen, dass ich scheiße bin. Solch ein ehrliches Feedback ist mir tausendmal lieber als irgendein heuchlerisches Geschleime.

Ich denke auch ehrlich nach über diesen Konflikt und vielleicht komme ich zu der Feststellung, dass ich in dem Moment wirklich ziemlich scheiße war. Und dafür, dass ich jemanden an meiner Seite habe, der mir das offen und ehrlich sagen kann, ohne Furcht vor Strafe und aus dem reinen Gefühl heraus, bin ich äußerst dankbar.

Wen die Angst regiert, der spricht keinen Klartext

Denn es ist leider viel zu selten, dass man eine ehrliche Meinung bekommt. Die Angst vor der Wahrheit ist so groß. Und angeblich ist es so wichtig, sich zu benehmen. Anständig zu sein.

„Scheiße sagt man nicht!“ Wenn ich das höre, möchte ich mir am liebsten ein Megafon greifen und laut „Scheiße!!!“ brüllen. Das ist wohl die größte Lüge überhaupt. Ich kenne niemanden, der nicht Scheiße sagt. Jeder sagt Scheiße! Und jetzt hört endlich auf, von euren Kindern etwas zu verlangen, das ihr selbst in 30/40 Jahren nicht hinbekommt.

Wenn ich wütend bin, verschaffe ich dem Ärger fluchend Raum. Das ist in meinen Augen nicht unanständig, sondern gelebter Selbstausdruck. Das ist meine Vorbildfunktion. Ich lebe meine Gefühle aus. Wer alles, was in ihm brodelt, ständig deckelt, wird krank. Dann darf der Psychologe ergründen, was da alles über die Jahre zurückgehalten wurde.

Glaubenssätze, die wir für unsere eigenen hielten, erweisen sich als Säcke, die wir uns von unserem Umfeld überstülpen ließen – insbesondere von Eltern und Pädagogen.

Ich finde es grundsätzlich wichtig, sich stets selbst zu reflektieren und nach eigenen Maßstäben zu leben statt nach fremden.

Der Mamablog der Alleinerziehenden Conni von Muttersprach: Dort gibt es Klartext. Ehrlich und ungeschönt

Wie reagieren Erwachsene auf Klartext?

Die eigene persönliche Sprache wiederzufinden, ist ein spannender Prozess. Ich merke manchmal, dass mein Gegenüber kaum fassen kann, dass ich ein bestimmtes Thema gerade so deutlich angesprochen habe. Ich werde angesehen nach dem Motto: „Hat die das jetzt wirklich gesagt?“ Das verursacht Verwirrung, oft gefolgt von Erleichterung. Wer kennt das nicht? Diese Erleichterung, die einen durchflutet, wenn jemand nach ewiger Rederei um den heißen Brei endlich Klartext redet? Im Grunde ist das so viel einfacher. Da weiß jeder sofort, woran er ist und was er zu erwarten hat.

Wenn keine klare Kommunikation stattfindet, wird vom anderen erwartet, zwischen den Zeilen zu lesen. Das ist der perfekte Nährboden für Missverständnisse und Streit. Aber manche mögen’s lieber kompliziert. Das ist schon in Ordnung. Dann sollten sie sich aber auch nicht beschweren.

Mein Fazit

Ich persönlich bleibe lieber bei meiner unmissverständlichen, klaren Ausdrucksweise. Ich glaube, dass wir Menschen auf der Welt sind, um unser volles Potenzial zu entfalten. Wir müssen lernen, eigenverantwortlich zu denken und zu handeln.

Wir sollten hinter uns stehen, auch wenn es niemand sonst tut. Klartext reden heißt für mich, verbal zu sich selbst zu stehen.

Herzlichen Dank, liebe Conni, für diesen wunderbaren, berührenden, authentischen Text. Du sprichst mir aus dem Herzen!

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Klartext: Mit Kindern authentisch und ehrlich kommunizieren. Ungeschönt, ohne Notlügen und ohne verstaubte Vorschriften. Ein Gastbeitrag von Conni von Muttersprach. #klartext

6 thoughts on “Klartext: Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen

  1. Antworten
    hbschusterjungewaisenkindde - 10. Januar 2018

    Eine klasse Artikel. Sehr aus meinem Herzen geschrieben. Wir versuchen “man” zu verbannen und stattdessen zu erklären. Aber wir erwischen uns immer wieder dabei. “Das macht man nicht,” ist halt schneller gesagt als: “Bitte packe deinen Penis wieder ein. Das ist beim Essen ziemlich unhygenisch.”

    1. Antworten
      Marc Witzel - 10. Januar 2018

      und nur einmal aus neugier…warum sollte ein penis denn unhygienisch sein?

      ich frage das einfach mal so provokativ, weil ich davon überzeugt bin, dass “man” tatsächlich existiert und erklärt werden sollte, was es damit auf sich hat.

      der generalisierte andere (so hat g.h. mead “man” genannt) steht uns in der gesellschaft immer wieder gegenüber. es ist eine form gesellschaftliche regeln des zusammenlebens aufrecht zu erhalten und zu transportieren. “man” ist das gegenüber, von dem man lernt, dass man als kind seinen penis beim baden nicht vor den eltern verstecken muss, das der penis im restaurant aber in der hose bleibt. und das es diese erwartungen gibt, dass diese (auch) unseren alltag regeln ist unglaublich wichtig.

      es ist auch völlig unproblematisch, wenn man sagt, dass essen versalzen war oder den eigenen geschmack nicht getroffen hat. auch im restaurant. auf die frage ob es geschmeckt habe zu antworten: “nääää, totale scheisse” ist eben unangebracht.

      “man” ernst zu nehmen bedeutet “man” nicht zu verleugnen, sondern sich mit “man” auseinanderzusetzen, zu hinterfragen…aber auch einmal selbst zurück zu stecken.

  2. Antworten
    Bianca - 10. Januar 2018

    Jaaa! Danke! Genau mein Thema gerade. Ich glaube, dass da nicht nur der “man” dahinter steckt, sondern auch die Angst, das Gegenüber könnte verletzt sein oder uns gar die Freundschaft kündigen. Doch wenn das wirklich der Fall ist, dann hat das nichts mit (der kindlichen bösen!) Ehrlichkeit zu tun sondern oft damit, dass das Gegenüber sich verletzt und ungeliebt fühlt. Weil es als Kind oft mit “das macht man nicht” manipuliert wurde und viel zu selten gezeigt bekommen hat: auch wenn du was falsch machst, du wirst trotzdem geliebt und bist gut so, genau wie du bist. wenn ich nie gelernt habe, dass ich TROTZ Kritik geliebt werde, dann tut die kindliche Ehrlichkeit manchmal ganz schön weh. Aber das ist nicht das Problem unserer Kinder, zumindest sollte es das nicht sein!

  3. Antworten
    Christina - 10. Januar 2018

    Jaaa, das spricht mir aus dem Herzen. Ich möchte dich die Wahrheit von meinen Kindern hören, wie es ihnen geht, wie sie etwas finden. Sie dürfen sagen, das es ihnen nicht schmeckt und das Oma die Suppe besser kocht. Das ist ja nicht falsch, das ist einfach ihr Empfinden. Und scheiße zu sagen verbiete ich nicht, dafür nutze ich es selbst oft genug. Ich kann nur verbieten, was ich selbst vorleben kann. Interessant wird es immer, wenn mir der vielgerühmte “man” mal wieder raus rutscht und als Gegenfrage kommt: Warum.macht man das nicht? Oft genug habe ich dann mittlerweile überlegt und bin tatsächlich nicht zu einer befriedigenden Antwort gelangt. Es war einfach ein antrainierte Reflex, ohne wirklichen Sinn in der Situation. Dinge, die ich begründen kann, die ich persönlich erläutere ohne “man, die werden akzeptiert…
    Also, ein toller Text und so so so wahr!

  4. Antworten
    sonjamarisa - 11. Januar 2018

    Ach ich bin so bei euch mal wieder. Ich bin im Ruhrpott aufgewachsen unter Menschen, für die ein ehrliches und offenes Wort zum guten Ton gehört. Und unter Menschen, die nicht allzu empfindlich sind. Später als Erwachsene in Süddeutschland bin ich damit echt oft angeeckt und am Anfang hat mich das richtig geärgert. Inzwischen mache ich mir da nicht mehr so viel draus. Denn Ehrlichkeit ist mir so wichtig, wenn Menschen da nicht mit klar kommen, dann haben sie halt Pech gehabt. Und natürlich möchte ich, dass meine Kinder da auch mit aufwachsen und ehrlich zu mir sind. Und wenn meine Kinder mich mal scheisse finden, dann sollen sie das gefälligst auch sagen dürfen. Dafür freue ich mich dann auch sehr, wenn sie mir andersrum auch sagen, wenn sie mich mal richtig lieb haben. 🙂

  5. Antworten

    […] (Ja, bei uns sagt man Scheiße. Das ist menschlich. Warum jeder Scheiße sagen sollte, das steht hier. […]

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