Eingewöhnung in Mexiko: Kind abgeben und weg …

Ich hatte euch dazu aufgerufen, mir Beiträge von euren Erfahrungen mit der (bedürfnisorientierten?) Kindergarteneingewöhnung im Ausland zu schicken.

Ich freue mich sehr, euch heute die erste Gastautorin vorstellen zu können. Anke P. berichtet für euch brandaktuell von ihrem Aufenthalt mit Familie in Puebla, Mexiko:

Wir leben zurzeit in Mexiko und haben eine 3,5-jährige Tochter. Wir kamen hier in Mexiko an, als Lina gerade zwei Jahre alt geworden ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit ihr noch zu Hause, da ja alles noch neu für uns war und ich sie so jung noch nicht in eine Betreuung geben wollte.

Mexikanischer Spielekreis: Ein sanfter, vielversprechender Start

Nach ein paar Wochen wurde ich auf einen privat geführten Spielekreis aufmerksam, an dem wir dann auch drei Mal die Woche teilnahmen. Die Leiterin war eine mexikanische Erzieherin und die Treffen fanden jede Woche bei einer anderen Spielkreis-Mama zu Hause statt. Insgesamt waren es 6 Kinder. Das war eine ganz tolle Gelegenheit, dass meine Tochter Kontakt zu anderen Kindern bekam und sich in einer häuslichen und behüteten Atmosphäre aufhielt. Die anderen Kinder wurden schnell zu Freunden und auch die Mamas haben sich allesamt prima verstanden.

Kindergarteneingewöhnung: Leichter mit deutschen Erzieherinnen?

Nach gut einem Jahr – die Kinder sind alle über drei Jahre alt gewesen – begann der Kindergarten. Wir meldeten Lina in einem deutsch geführten Kindergarten an, in dem auch immer eine der beiden Erzieherinnen deutschsprachig war. Denn nach einem Jahr Mexiko-Aufenthalt verstand Lina zwar etwas Spanisch, aber sie wollte es nicht sprechen.

Frau umarmt Lama in mexikanischer Berggegend
Mama Anke mit Lama (Foto: Anke P.)

Somit dachte ich, es wäre hilfreich, wenn jemand Deutsch sprechen würde. In ihrer Gruppe waren 24 Kinder, davon 4 Deutsche, und der Rest mexikanische Kinder. Die Erzieherinnen machten alle einen tollen Eindruck, jedoch war die Eingewöhnung recht hart: Hingehen, Kind abgeben, kurz verabschieden – und dann müssen die Mamas gehen. Puh!

Es war ein Reinfall … Meine Tochter weinte so bitterlich, dass ich dachte: Das tue ich meinem Kind nicht an, gerade nicht in der ersten Woche.

Ich sprach mit der Kindergartenleiterin, die mir dann „entgegenkam“, indem sie sagte, ich könne ja ein paar Minuten dabei bleiben. Aber ich merkte, dass meiner Tochter auch das nicht reichte. Eine neue Umgebung, neue Bezugspersonen, viele lebhafte, nicht deutschsprechende Kinder, das ist ganz schön viel für ein dreijähriges Kind.

Naturgewalten unterbrechen das Drama der Eingewöhnung

Ich blieb die erste Woche dann bei ihr, aber sobald ich mich verabschieden wollte, fing sie bitterlich an zu weinen. Die Erzieherinnen sagten immer „Das wird schon, nach ein paar Minuten wird sie sich schon beruhigen!“, aber wenn ich merke, meinem Kind geht es nicht gut, dann lasse ich es nicht weinend zurück. Somit nahm ich Lina dann immer wieder mit nach Hause.

Sie war glücklich und ich merkte, dass ich in diesem Moment das Richtige für mein Kind getan hatte. Eine Zwangspause stellte sich ein, nachdem unsere Wohngegend zweimal durch heftige Erdbeben erschüttert wurde und der Kindergarten jeweils eine Woche geschlossen war. Lina war bei mir zu Hause und glücklich.

Neustart im Kindergarten. Unter besonderen Bedingungen

Ich bereitete sie in der Zeit, als wir auf die Wiedereröffnung warteten, erneut auf den Beginn des Kindergartens vor und hatte zwischenzeitlich auch erneut mit der Leiterin gesprochen, um mich zu erkundigen, ob Lina nicht in eine Gruppe mit ihrer besten Freundin könne.

Das wurde genehmigt – und siehe da, es klappte besser: Meine Tochter ging mit ihrer Freundin morgens Hand in Hand in die Gruppe und war glücklich. Der Wechsel in die andere Gruppe ist jedoch nur gestattet worden, da wir bald wieder aus Mexiko ausreisen und es Lina die letzten Wochen hier noch so schön wie möglich haben soll.

Da denke ich mir aber auch wieder: Wären wir nun länger hier, was wäre dann? Hätte sie sich dann durchquälen müssen? Falls dies der Fall gewesen wäre, hätte ich sie auf jeden Fall noch eine Weile zu Hause gelassen. Diese Form der Eingewöhnung, „Kind hinbringen, abgeben und irgendwann wird es sich schon beruhigen“, ist fernab von meiner Vorstellung, ein Kind bedürfnisorientiert einzugewöhnen.

Der erste Bericht zur internationalen Eingewöhnung für #KitastartInternational
Eingewöhnung in Mexiko: wenig bedürfnisorientiert

Noch ein Beispiel: Der Alptraum mit dem Schwimmkurs

Hier in Mexiko ist es aber normal. Da werden die Kinder vermehrt schon sehr, sehr früh in eine Betreuung gegeben. Ein anderes Beispiel ist der Schwimmkurs, den wir nachmittags besuchen wollten. Aus Deutschland kennen wir es so, dass die Kleinkinder gemeinsam mit Mama oder Papa im Wasser sind. Hier war es so: Kind hinbringen, umziehen und ab ins Wasser zu einer Schwimmlehrerin (mit 2 Jahren!) und die Mama muss draußen hinter einer Glasfront warten.

Natürlich ging das gnadenlos schief und nach 20 Minuten (ich ärgere mich so sehr über mich, dass ich sie haben so lange weinen lassen, aber ich habe mich zu sehr von den anderen Mamas beeinflussen lassen – gut, Fehler macht jeder mal …) holte ich sie aus dem Wasser.

Wir sind nie mehr dort hin, denn jedes Mal, wenn wir an der Schwimmschule nur vorbeifuhren, sagte Lina: „Mama, da will ich nicht mehr hin, da habe ich so geweint.“

Mannomann, was habe ich meinem Kind angetan? Da merkte ich, was für Spuren das hinterlassen hat. Andere Kinder kommen sicherlich schneller und besser damit zurecht, wenn man sie von der Mama trennt, aber ob das unbedingt so gut ist? Meiner Meinung nach zumindest nicht, gerade wenn sie noch so klein sind.

Mexiko ist ein tolles Land, aber Bedürfnisorientierung: Fehlanzeige

Resümierend kann ich sagen: Hier in Mexiko gibt es keine bzw. kaum bedürfnisorientierte Eingewöhnung. Vielleicht liegt es eben daran, dass die Kinder es gewohnt sind, sehr früh schon von der Mama getrennt zu sein. Es gibt keine Elternzeit, die Mamas gehen rund 4 Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten. Dann sind die Kinder entweder bei einem Familienmitglied (Omas, Tanten oder älteren Geschwistern) oder schon ganz früh in der Krippe. Und die Mamas, die nicht arbeiten gehen, haben in der Regel alle Nannys zu Hause, die sich mit dem Kind beschäftigen.

Wir deutschen Mamas schwimmen hier regelrecht gegen den Strom, da wir einfach Mamas sind und unsere Kinder zu Hause selbst erziehen. Auch auf den Spielplätzen (die, so muss ich sagen, hier alle wirklich toll sind) sieht man häufig die Nannys oder Muchachas mit den Kindern, selten die eigenen Mamas.

Es ist eine andere Welt hier, an die ich mich (was die Kindererziehung und -Betreuung betrifft) nur wenig angepasst habe. Lina geht die letzten Wochen, die wir hier noch verbringen, nur in den Kindergarten, wenn sie es wirklich möchte. Ansonsten bleibt sie zu Hause.

Grünland vor verschneitem Berg unter blaumem Himmel in Mexiko
Berglandschaft in Mexiko (Foto: Anke P.)

Im November sind wir wieder zurück in Deutschland und ich bin sehr gespannt, wie wir mit dem „Berliner Eingewöhnungsmodell“ zurechtkommen. Alles in allem ist Mexiko aber ein fantastisches Land, wir als Familie möchten keine Sekunde hier missen! Wir würden hier jederzeit wieder herkommen!

Tipps für Expats mit Kindergartenkindern in Mexiko

Ich habe Anke gefragt, wie sie sich insgesamt in Mexiko gefühlt hat, ob sie etwas über ihr Umfeld erzählen möchte und ob es etwas gibt, was sie anderen Familien, die nach Mexiko auswandern möchten, empfehlen kann. Hier kommt ihre Antwort:

Wir leben seit April 2016 hier und gehen im November in diesem Jahr wieder zurück nach Deutschland. Wir waren somit 1,5 Jahre hier! Neben dem ganzen Hin und Her mit dem Kindergarten ist Mexiko ein wahnsinnig kinderfreundliches Land – deutlich kinderfreundlicher als Deutschland. In fast allen Restaurants gibt es Kinderspielecken, es gibt unzählige Spielplätze, die Menschen sind niemals gestresst vom Kinderlärm oder wenn das Kind beim Einkaufen – sei es im Supermarkt oder in einem Modegeschäft – das Regal ausräumt. Wenn so etwas passiert, kommt ein freundliches und vor allem ehrliches Lächeln und es folgen beruhigende Worte, die übersetzt so etwas bedeuten wie: „Kein Problem, ich kümmere mich später darum, schauen Sie in Ruhe weiter!“

Mexiko ist ein serviceorientiertes Land, in dem die Kinder an erster Stelle stehen.

Wir leben in Puebla, einer Großstadt mit knapp 2 Mio. Einwohnern. Als Tipp für Familien, die nach Mexiko gehen oder es in Erwägung ziehen, hierher zu kommen, kann ich nur sagen: Es wird die richtige Entscheidung sein! Lediglich bei der Auswahl des Kindergartens würde ich es anders machen und Lina in einen Montessori-Kindergarten bringen. Die gibt es hier auch, nur wurde dieser (der bei uns in der Nähe ist) leider zu spät eröffnet.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Anke P. für diesen unglaublich spannenden Bericht – und alles Gute für die Kindergarteneingewöhnung in Deutschland.

Liebe Anke, bitte lass dir eins gesagt sein: Du hast keinen Grund, dir Vorwürfe zu machen. Du hast in jedem Moment das Richtige getan – für genau diesen Moment. Ich bin mir sicher, wenn du es schaffst, unbefangen an das Thema Schwimmen heranzugehen, dann wird auch deine Tochter das Schwimmen lieben lernen. Und ganz davon abgesehen: Lina liebt dich von Herzen. Du bist für sie da. Mit deinen Stärken und deinen Schwächen, denn du bist ein Mensch. Ein toller Mensch, der seinen eigenen, bedürfnisorientierten Weg geht. Hand in Hand, in Liebe, gemeinsam mit deiner Tochter. Ich bin sicher, Lina gibt dir keine Schuld, sie hat es vermutlich nie getan. Jetzt ist es nur noch an dir, dir selbst zu vergeben!

Alles Liebe für euch und ein gutes Wiederankkommen in Deutschland.

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