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Einfach ins kalte Wasser geworfen – Kita-„Eingewöhnung“ im Montessori-Kinderhaus in Kanada

#KigastartInternational, die Reihe von Erfahrungsberichten zur Eingewöhnung aus aller Welt. Wie lief die Eingewöhnung in Kanada nach Maria Montessori. So bedürfnisorientiert, wie man erwartet? Oder eher nicht?

Kanada. So weit weg von uns. Und doch gibt es dort viele Dinge und Konzepte, die uns bekannt vorkommen. So wie Kindergärten. Aber sind zum Beispiel Montessori-Kindergärten wirklich so, wie wir das Konzept aus Deutschland kennen? Ich freue mich, meine dritte Gastautorin begrüßen zu dürfen: Susan Höntzsch berichtet euch für #KigastartInternational von ihrer Eingewöhnung in Kanada. Vorhang auf für Susan:

Wie läuft das Leben als Expat in Kanada für Kinder? Susan Höntzsch berichtet

Kanadagänse am Detroit River, Blick auf Detroit
(Foto: S. Höntzsch)

Kanada: Neues Land, was tun?

Wenn Familien beruflich ins Ausland gehen, brauchen sie natürlich auch eine Betreuung für die Kinder. Je nach Land ist die Betreuungssituation unterschiedlich. Als meine Familie und ich nach Kanada gezogen sind, haben wir überraschend schnell einen Kita-Platz für unsere Tochter gefunden – allerdings in einer privaten Einrichtung. Plätze in öffentlichen Kindergärten werden erst ab 3,5 bis 4 Jahren vergeben. So lange wollten und konnten wir nicht warten, denn der Besuch des Kindergartens hat für die Integration der Kinder im Ausland eine große Bedeutung.

Bereits am zweiten Tag nach unserem Umzug nach Kanada besichtigten mein Mann und ich mit unserer Tochter das Montessori-Kinderhaus in Windsor. Die Lehr- und Erziehungsmethoden waren uns vertraut. Denn obwohl die deutsche Kita nicht nach dem Montessori-Prinzip operierte, waren sich beide Philosophien sehr ähnlich. Die Entscheidung fiel uns umso leichter, da sich unsere Tochter bereits beim Kennenlernen der Kita sehr wohl zu fühlen schien. Ein gutes Zeichen. Aufgrund von Platzmangel startete sie zunächst mit zwei halben Tagen pro Woche, nach den Sommerferien dann in „Vollzeit“.

Eingewöhnung in Kanada nach Montessori. Erfahrungsbericht einer Mutter für #kigastartinterntational

Die Kita in Kanada (Foto: S. Höntzsch)

Falsche bzw. andere Erwartungen

In der deutschen Kita war die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell abgelaufen: Als meine Tochter 15 Monate alt war, ging ich mit ihr das erste Mal in die Kita und blieb anfangs bei ihr. Aber von Tag zu Tag konnte ich den Raum immer länger verlassen, bis sie schließlich „allein“ in der Kita blieb. Es war eine Bilderbuch-Eingewöhnung, meine Tochter hat nie geweint, sondern sich nach und nach an die Erzieherinnen und die Prozesse der Kita gewöhnt. Ein Tränchen verdrückt habe dann eher ich, als sie das erste Mal von sich aus ihre Erzieherin umarmt hat. Spätestens da wusste ich ganz sicher, dass sie sich in der Kita wohlfühlt.

Mit dieser Erfahrung im Hinterkopf begleitete ich also am offiziellen ersten Tag meine dreijährige Tochter in den kanadischen Gruppenraum und erntete fragende Blicke der verantwortlichen Erzieherin. Denn, so erklärte sie mir, hier werden die Kinder am ersten Tag einfach abgegeben. Ob sie zufrieden sind oder traurig, spielt dabei keine Rolle. Eltern bleiben nicht im Gruppenraum. Ich war sehr verdutzt und etwas verunsichert. Schließlich waren wir gerade erst vor zwei Wochen nach Kanada gezogen und nun sollte ich einfach gehen?

Vielleicht hätte ich mir mehr Gedanken über die Eingewöhnung machen sollen, doch aus irgendeinem Grund war ich davon ausgegangen, dass es ähnlich wie in der alten Kita ablaufen würde. Ich erläuterte der Erzieherin also die mir bekannte Art der Eingewöhnung und durfte, nachdem die Kitaleiterin zugestimmt hatte, meine Tochter an diesem ersten Tag begleiten. Doch das war eine Ausnahme.

deutsche Expat-Familie in Kanada

Neue Reiseziele von Kanada aus, Susan Höntzsch mit ihrer Familie in Kuba (Foto: S. Höntzsch)

Wenn das Mutterherz bricht

Eine klassische Eingewöhnung gibt es in unserer kanadischen Kita nicht. Die Philosophie ist, dass die Kinder ohne ihre Eltern starten. Es brach mir das Herz, als ich am nächsten Tag meine Tochter allein in der Kita zurücklassen musste. Denn sie wollte mich nicht gehen lassen, klammerte sich weinend an mir fest und wurde mir schließlich von der Erzieherin sanft aus dem Arm gezogen. Die Kitaleiterin begleitete mich aus dem Raum, tröstete mich und sagte mir, sie würden mich sofort zurückholen, wenn sich meine Tochter nicht beruhigen ließe oder sie traurig sei. Ich hatte mein Telefon die nächsten Stunden permanent im Blick, doch es blieb ruhig. Als ich meine Tochter schließlich abholte, rannte sie mir fröhlich in die Arme und erzählte, wie toll es gewesen sei.

Meine Tochter hatte vom ersten Tag an Freude in ihrer neuen Kita. Dennoch weinte sie zunächst jeden Morgen bei der Verabschiedung und klammerte sich fest. Irgendwann waren ihre Augen dann nur noch feucht, und ich sah an ihrem Blick, dass sie traurig war. Es dauerte etwa zwei Wochen, bis sie bei der Verabschiedung nicht mehr traurig aussah. Diese Art der „Eingewöhnung“ fiel mir nicht leicht. Doch ich wusste, dass sich meine Tochter schon nach 1 bis 2 Minuten fröhlich einem Spiel, einem Buch oder einer Zeichnung zuwenden würde. Deswegen war ich beruhigt. Die Erzieherinnen haben die traurigen Verabschiedungen gut begleitet. Wenn wir morgens ankamen, war sofort jemand an unserer Seite und hat meine Tochter in den Raum begleitet, getröstet oder auf den Arm genommen.

Kindergarten-Auszeit: Bloggerin Susan Höntzsch genießt die Kinderzeit als Expat in Kanada Ontario Detroit Suburb im Schnee

Den kanadischen Winter mit der Familie genießen (Foto: S. Höntzsch)

Geschafft. Dank guter Vorbereitung

Es war in der Anfangszeit von großem Vorteil, dass meine Tochter schon sehr gut Englisch verstand. In der deutschen Kita war sie bereits in diese Sprache eingetaucht, denn eine ihrer Erzieherinnen hatte über die gesamte Zeit hinweg ausschließlich Englisch mit allen Kindern, Erzieherinnen und Eltern gesprochen. Meine Tochter sprach zwar noch nicht viele Worte, aber sie verstand so gut wie alles. Das hat ihr den Start in der neuen Kita maßgeblich erleichtert.

Mittlerweile geht meine Tochter seit fast einem halben Jahr mit großer Freude in die neue Kita. Manchmal vergisst sie sogar, sich von mir zu verabschieden.

Susan Höntzsch ist Diplom-Psychologin, freie Autorin, Bloggerin, Fotografin und Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie in Windsor, Ontario, Kanada. Auf ihrem Blog Karrierepfade geht es um um ihr Leben als Expat in Kanada ebenso wie um das Finden der eigenen Berufung. Ihr findet Susan außerdem auf Instagram (über ihre Erfahrungen als Expat schreibt sie hier und über Karrierepfade hier), Facebook und Twitter

Liebe Susan, ganz herzlichen Dank für deinen spannenden Beitrag. Bei den Bildern bekomme ich direkt Fernweh. 🙂

Zur Erinnerung: Mit #KigastartInternational wollen wir das Bewusstsein auf die gänzlich unterschiedlichen Eingewöhnungsmöglichkeiten in aller Welt lenken und hoffen, dass wir dadurch die eine oder andere zukünftige Eingewöhnung im In- und Ausland liebevoller gestalten können. Mehr zum Projekt hier.

#KigastartInternational, die Reihe von Erfahrungsberichten zur Eingewöhnung aus aller Welt. Wie lief die Eingewöhnung in Kanada nach Maria Montessori. So bedürfnisorientiert, wie man erwartet? Oder eher nicht?

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Jetzt wüsste ich aber gerne, wie die Eingewöhnung in einem deutschen Montessori-Kinderhaus abläuft! Mein Sohn wird im September eingeschult und hat vor einigen Wochen einen Vormittag an einer Montessori-Grundschule hospitiert. Auch da musste ich ihn „einfach abgeben“ und er war dann 4 Stunden alleine dort – das hat mich ganz schön Überwindung gekostet, obwohl die Schulleitung das vorher mit mir (und ich entsprechend mit meinem Sohn) abgesprochen hatten.

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    • Interessant, oder? Dass man (also zumindest ich) ziemlich entsetzt reagiert, wenn man hört, dass Kinder einfach so „abgeschoben“ werden. Aber wenns um die Grundschule geht, macht man sich keine großen Gedanken, denn da ist das halt einfach so. Und das, obwohl es auch genug hochsensible Kinder gibt, für die eine Begleitung durch die Eltern am Anfang sowas von wichtig wäre. Aber vermutlich muss sich erst mal am Kindergarten was ändern, ehe es mit dem Umdenken in der Schule weitergehen kann.

      Deine Frage kann ich leider nicht beantworten, aber ich hoffe, es findet sich noch jemand, der dir helfen kann. In einer der FB-Erziehergruppen gibt es bestimmt die Antwort. Viel Glück!

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