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Perspektivenwechsel: Wie Blinde die Welt wahrnehmen. Ein Interview mit Lydia Zoubek

Wie Blinde den Alltag meistern. Ein Interview mit der blinden Bloggerin Lydia Zoubek über helfende Passanten, verreisen, Kinder erziehen oder das Lesen. Anders als bei uns sehenden, aber möglich. #blindeeltern

Wie ihr ja wisst, finde ich es unglaublich wichtig, die Welt nicht nur aus der eigenen, subjektiven Brille zu betrachten, sondern auch mal einen anderen, ungewöhnlichen Blickwinkel einzunehmen. Heute lade ich euch ein, die Perspektive von Lydia einzunehmen. Lydia ist blind. Und sie bloggt darüber, was ich ganz großartig finde. Ihre spannenden Artikel haben mich schon einige Tage erfolgreich vom Arbeiten abgehalten. Aber nun lest selbst:

Mein Name ist Lydia Zoubek. Ich wurde 1968 in Jordanien geboren. Im Alter von vier Jahren kam ich nach Deutschland. Ich besuchte bis zum Abitur eine Blindenschule, studierte, machte eine Ausbildung und heiratete einen ebenfalls blinden Mann. Unsere gemeinsamen Kinder sind normal sehend.

Liebe Lydia, ich finde deinen Blog deshalb so beeindruckend, weil du uns Sehenden hilfst, die Welt der Blinden zu verstehen. Seit wann bloggst du und wie kam es dazu?

Im Sommer 2016 startete ich das Blog „lydiaswelt“ mit dem Beitrag „Als blindes Kind arabischer Eltern“. Zentrale Themen sind Informationen rund um Blindheit und Sehbehinderung, blinde Eltern, aber auch Migrationshintergrund.

Eins der ersten Bilder, das ich von dir gesehen habe, ist eins, auf dem man dich am Strand sieht. Ich habe mich gefragt: Wie ist denn das, wenn ihr als Familie verreisen wollt? Wie läuft die Planung ab – und wie macht ihr das vor Ort?

Wir waren viele Jahre an der Ostsee. Hier kannten wir uns aus, und mussten nicht so viel vorab organisieren. Wenn wir jedoch an einen Ort verreisen wollen, der uns unbekannt ist, klären wir vorab die nötigen Dinge, die gebraucht werden. Als ich 2011 mit den Kindern nach Ägypten flog, machte ich mir eine Liste der benötigten Hilfestellungen, und schickte diese an das Hotel. Ich bat darum, mir zu sagen, inwieweit man mir bei Dingen wie Buffet oder Orientierung helfen könnte. Das klappte sehr gut. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten klappt, wenn man klar formulierte Wünsche äußert.

Helfende Passanten, das ist ein Thema, das dich immer wieder beschäftigt. Warum?

Blind durch den Schnee spazieren. Gar nicht so leicht wegen der Lichtverhältnisse, verrät die blinde Bloggerin Lydia Zoubek

Ein Spaziergang im Schnee: Für Lydia eine Herausforderung. Warum? Das steht hier. (Foto und Bildrechte: Lydia Zoubek)

Oft geschieht Hilfe aus der Perspektive des sehenden Passanten, der sich vorstellt, dass er besonders hilflos sein würde, wenn er die Augen zu macht. Und wenn dieser Mensch dann unüberlegt handelt, geht das an den Bedürfnissen der blinden Passanten vorbei. Wenn ich unvorbereitet irgendwohin geschoben werde, kann ich erst mal nicht einordnen, ob das Freund oder Feind ist. Denn ich sehe denjenigen nicht. Und Menschen, die sich erschrecken, reagieren auch schon mal über. Das ist bei mir nicht anders. In meinem Beitrag „Wie kann man blinden Menschen helfen“ erkläre ich das und biete Lösungen an, die jeder umsetzen kann.

In einem Artikel von dir geht es darum, dass Blinde immer wieder für Selbstverständlichkeiten bewundert werden. Kannst du kurz zusammenfassen, woran das deiner Meinung nach liegt?

Menschen ohne Behinderung sehen Menschen mit einer Behinderung als hilflose Wesen an. Gepaart mit der Tatsache, dass unser Personenkreis nicht so oft in Erscheinung tritt, werden wir schon mal für Dinge bewundert wie selbständig anziehen, essen oder schreiben können. Dabei machen sich die wenigsten bewusst, dass ich bestimmte Dinge nur anders mache. Sehende Schüler lernen mit den Augen lesen, ich mit den Fingern. Fertig.

Blinde Eltern, sehende Kinder. Ganz sicher eine Herausforderung. Was ist für euch Eltern am schwierigsten – und wie meistert ihr den Alltag?

Das kann man nicht verallgemeinern. Für mich war immer wichtig, dass meine Kinder die Behinderung ihrer Eltern nicht kompensieren müssen. Wenn ich also an meine Grenzen gestoßen bin, habe ich mir Hilfe von außen geholt, statt meine Kinder einzuspannen. Problematisch waren für mich Dinge wie mit Kleinkind auf einen nicht eingezäunten Spielplatz zu gehen, die Aushänge im Kindergarten mitzubekommen, oder meinen Kindern beim Lesenlernen zu helfen. Richtig problematisch wurde es, als meine Kinder einmal Läuse aus dem Kindergarten mitbrachten. Für solche Tätigkeiten habe ich mir dann Hilfe gesucht. Am liebsten war mir eine Hilfe, die ich für klar formulierte Aufgaben bezahlte und die sich nicht als Erziehungshilfe verstand. Denn die brauchte ich nicht.

Ich habe deinen Artikel über Hypnose gelesen. Und ich kenne einige Menschen, die Rückführungen anbieten. Jetzt bin ich gerade auf eine Notiz gestoßen, dass ein Rückführungsleiter den Fokus auf blinde Menschen legt, weil er festgestellt hat, dass diese bei der Rückführung in ein altes Leben plötzlich die Inhalte des alten Lebens ganz genau vor ihrem inneren Auge sehen können, was für sie eine ganz neuartige Erfahrung ist. Würde dich sowas auch interessieren?

Mit dem Thema habe ich mich noch nie befasst. Ich habe gelernt, dass Hypnose nicht ausschließlich visuell funktioniert. Daher glaube ich nicht, dass das bei blinden Klienten besser funktioniert als bei Sehenden.

Blinde am Steuer. Kein Traum mehr? Der erfolgreichste Artikel der blinden Bloggerin Lydia Zoubek

Lydia am Steuer ihres Smarts. Sieht das nicht authentisch aus? Dieses Bild stammt aus Lydias erfolgreichstem Artikel (Foto und Bildrechte: Lydia Zoubek)

Themawechsel: Ich bin zum ersten Mal auf dich aufmerksam geworden, als ich deinen Artikel über Blinde am Steuer gelesen habe. Superklasse, die Aktion. Rein interessehalber: War das dein erfolgreichster Artikel?

Ja, dieser Aprilscherz war bisher mein mit Abstand erfolgreichster Artikel, gefolgt von „Blind heißt nicht gleich Rollstuhl“, der von meinen Erlebnissen als blinder Fluggast berichtet.

Gibt es etwas, womit dir meine Leser helfen könnten?

Ja, es gibt mehrere Möglichkeiten, um mich zu unterstützen. Ich freue mich, wenn Leser meinen Blog abonnieren. Das ist völlig kostenlos und hilft dabei, dass ich leichter von Suchmaschinen gefunden werde. Bloggen selbst kostet mich Geld, die ich für sehende Hilfe ausgebe. Ich kann keine Fotos machen oder an die richtige Stelle setzen. Und manche Einstellungen auf dem Blog kann ich auch nur mit sehender Hilfe bewerkstelligen. Es gibt die Möglichkeit, mich mit einer einmaligen PayPal-Zahlung zu unterstützen oder monatlich mit einem kleinen Betrag. Die entsprechenden Infos findet man unter dem Punkt „Unterstützung für dieses Blog“.

Wir teilen die Vorliebe für Enid Blyton und dein Bericht darüber, wie sich das Lesen für dich im Laufe der Jahre und dem Wandel der Technik verändert hat, ist total spannend. Magst du uns zum Abschluss noch dein Lieblingsbuch aus der Kindheit verraten?

Ich hatte in meiner Kindheit keine eigenen Bücher in Braille. Das wäre zu kostspielig gewesen. Meine Bücher bezog ich immer aus der Schulbücherei. Leider gab es hier nichts von Enid Blyton. Ich kannte nur die diversen Hörspiele und natürlich die Bücher, die uns von Lehrern oder Erzieherinnen vorgelesen wurden. Und später lernte ich Hörbücher aus einer Hörbücherei für blinde Hörer kennen. Diese Bücher begleiten mich noch heute.

Ich danke dir ganz herzlich für dieses unglaublich spannende Interview und wünsche dir weiterhin ganz viel Freude und Erfolg beim Bloggen!

Wie Blinde den Alltag meistern. Ein Interview mit der blinden Bloggerin Lydia Zoubek über helfende Passanten, verreisen, Kinder erziehen oder das Lesen. Anders als bei uns sehenden, aber möglich. #blindeeltern

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich lese Lydia schon, weil wir in einer gemeinsamen BloggerGruppe bei facebook sind. Und jetzt wo ich das Interview lese denke ich: „Mensch, ich wollte doch meine Bilder künftig besser beschreiben, gerade weil mein Blog so bildlastig ist, es dann zwar ein bisschen mehr arbeit, als hätte ich nur ein Bild schön zu beschreiben in den „geheimen“ Daten hinter dem Bild, doch gerade Inklusion ist doch mein Thema, menno, mein schlechtes gewissen klopft an.
    LG
    Martina

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    • Liebe Martina,

      schlag dem schlechten Gewissen die Tür vor der Nase zu. Jetzt ist jetzt – das ist alles, was zählt. Und jetzt hast du erkannt, dass du etwas ändern möchtest. Ich finde es super, dass du das ab sofort machen wirst – und danke dir für den Reminder, denn auch ich werde versuchen, das künftig etwas stärker im Hinterkopf zu behalten.

      Herzliche Grüße

      Sandra

      Antworten

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