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So war die FEBuB – die Konferenz für bindungsorientierte Erziehung

FEBuB: Zitat von André Stern über Kinder und Toleranz

Als ich von der FEBuB zurückfuhr, lief im Radio Irgendwas bleibt von Silbermond. Kein anderes Lied hätte die Quintessenz der ersten Familienkonferenz für Elternschaft, Bindung und Beziehung besser zusammenfassen können. Zwar ist das Lied vielleicht nicht so gemeint, aber man kann es auch als Appell verstehen: Liebe Eltern, gebt uns etwas Sicherheit in dieser Welt, die sich ständig verändert. Und wenn wir den Mut haben, in diese seltsame, undurchschaubare Welt hinauszuziehen, dann sorgt doch bitte dafür, dass wenn wir wiederkommen, alles noch so ist wie früher: dass ihr uns noch immer genauso liebt und uns genauso viel Halt und Sicherheit gebt.

Ich bin zurückgefahren umgeben von einer Wolke aus Liebe, Mitgefühl und Verständnis – diese Wolke habe ich die ganze Fahrt über eingeatmet und sie verinnerlicht. Sie ist ein Teil von mir geworden, der mich prägen wird. Ich bin so froh, dass ich dabei sein durfte. Ein herzliches Dankeschön an die Ökohipperabenmutter Kathrin und an Kira von HappyBabys-Bindung für dieses großartige, unvergessliche Event und an Olivia von Free Family Rocks für das berührende Grußwort zu Beginn der Konferenz!

Die FEBuB, Familienkonferenz für Elternschaft, Bindung und Beziehung

Lange gesucht, irgendwann auch gefunden: Der Eingang zur FEBuB

Und hier nun extra für euch meine Zusammenfassung:

Nicola Schmidt – „Entschleunigtes Familienleben – Slow Family“

Powerfrau Nicola Schmidt vom artgerecht projekt erzählte, was Stress mit Menschen anrichten kann. Menschen, diesen „Gurken mit Gefühl“, die zu 80 Prozent aus Wasser bestehen. Stress erzeugt bei besagten Gurken Angst. Und die wiederum macht krank. Abgesehen davon sind gestresste Menschen weniger empathisch, aber wer bindungsorientiert erziehen möchte, braucht gerade diese Empathie.

Um runterzukommen, gibt es folgende probate Mittel:

  • gutes Essen
  • ausreichend Schlaf
  • Pausen
  • Meditation
  • barfuß laufen, auch draußen und auch wenn es kalt ist, um sich zu erden
  • rausgehen, so oft wie möglich
  • den Mut zu haben, nicht perfekt zu sein – und sich auch so zu zeigen
  • anerkennen, dass man gut ist, so wie man ist
  • atmen
  • das Gefühl, sich geborgen und gehalten zu fühlen.

Und dieses Gefühl ist es, das die Gurken aka Menschen ihr ganzes Leben lang brauchen. Immer und immer wieder.

Statt lästige Elternaufgaben alleine zu erledigen, empfiehlt Nicola, die Kinder mit einzubeziehen, denn: „Kinder lieben es, Dinge zusammen zu machen. Und glaubt mir, wenn ihr dieses Bedürfnis nicht befriedigt, machen sie Dinge mit euch, die ihr gar nicht wollt.“

Vorsicht: Nicht in die beliebte Falle gehen, wenn das Kind gestresst ist, mit auf den Stress anzuspringen. Lieber sollen wir uns verhalten wie ein Butler: „Wenn Seine Lordschaft sich aufregt, bleiben wir ruhig.“

Ein bisschen düster ist das, was Wissenschaftler herausgefunden haben, schon, nämlich: Wenn ein Kind bereits im Mutterleib und in den allerersten Jahren der Kindheit übermäßigem Stress ausgesetzt ist, ist es darauf sozusagen konditioniert, reagiert also auch als Erwachsener viel schneller gestresst. Wer ein solches Kind hat (oder ein solcher Erwachsener ist), ist dennoch nicht verloren, sondern muss lernen, wie man mit Stress umgeht (siehe Punkte oben).

Die wichtigste Information, die man einem Kind mitgeben muss, wenn man sich gestresst und demzufolge vielleicht auch unangemessen bzw. ungerecht verhält: „Du bist nicht schuld!“

Was Kinder auch sehr gut runterholt, ist, sie in den Arm zu nehmen. Allerdings nur dann, wenn sie das möchten. Wenn nicht, genügt es zu warten und einfach da zu sein.

Nicola veranstaltet übrigens auch jedes Jahr ein Camp mit Eltern und Kindern, wo beide Seiten wieder lernen können, auf sich, ihre Sinne und die Natur zu vertrauen. Nicola hat auch einige tolle Elternratgeber geschrieben. Ein weiterer für den artgerechten Umgang mit Kleinkindern ist in Arbeit. Mehr Informationen dazu auf ihrer Webseite.

Susanne Mierau – „Geborgene Eltern – geborgene Kinder! Das Gleichgewicht schaffen im Familienalltag“

Susannes Vortrag baute auf dem von Nicola auf und so manche Mutter mag sich sehr bestätigt gefühlt haben, als sie hörte, dass es für eine sichere Bindung die (prompte) Erfüllung von Bedürfnissen braucht: Ein Plädoyer, den Kindern zu essen zu geben, wenn sie hungrig sind, sie nicht schreien zu lassen, wenn sie weinen, sie nicht zu bestrafen, ihnen die Möglichkeit zu geben, selbstwirksam zu sein. Klingt alles selbstverständlich, ist es aber leider noch lange nicht für alle Eltern.

So können sich die Eltern Geborgenheit schaffen. Indem sie u. a.:

  • jeden Tag mindestens eine angenehme Sache für sich selbst tun
  • Tagebuch schreiben oder Glücksmomente in einem Glas aufbewahren
  • sich morgens im Spiegel anlächeln
  • schwierige Situationen mit Humor nehmen
  • sich nicht für ihre Bedürfnisse schämen.

So kann man für das Kind Geborgenheit schaffen. Indem man

  • wirklich zuhört
  • das Kind ernst nimmt
  • nach Möglichkeit stillt/trägt und es im Familienbett schlafen lässt
  • das Kind Kind sein lässt und es annimmt, wie es ist.
  • gemeinsam lacht
  • aufrichtig und ehrlich ist
  • sich bedankt und entschuldigt, wenn es nötig bzw. angemessen ist.

Auch von Susanne gibt es einige tolle, vertiefende Bücher zu ihren Themen.

Auf dem Weg zur FEBuB: Mitten durch den Wald in Bochum

Mein Weg zur FEBuB, sehr passend: Grün, naturverbunden, mitten durch den Wald

Stefanie Stahl – „Das Kind in dir muss Heimat finden“

Die für mich wichtigste Botschaft bei Frau Stahls Vortrag war: Wenn das eigene Kind versucht, sich abzugrenzen, z. B., indem es sagt: „Mama, geht weg, du bist doof!“, dann sollte man das respektieren. Wenn nämlich die Mutter übertrieben darauf reagiert, lernt das Kind, seine Autonomiebestrebungen (denn nichts anderes ist dieser Abgrenzungsversuch) zu unterdrücken, weil es fälschlicherweise schlussfolgert, dass Autonomiebestrebungen immer damit einhergehen, dass jemand verletzt wird. (Wobei ich es schon sagen würde, wenn mich so etwas verletzt, aber ohne übertrieben zu reagieren, denn dass die Mama bei solchen Worten traurig ist, ist ein authentisches Gefühl, von dem das Kind ruhig auch wissen darf. Füge ich jetzt mal hinzu.)

Spannend war die Unterscheidung dreier Persönlichkeitsanteile, nämlich dem des erwachsenen Ichs, des Schatten- und des Sonnenkinds.

Das, was beim Schattenkind die Probleme verursacht, ist die jeweilige Wahrnehmung von Autonomie und Bindung. Es gibt Menschentypen, die sich an die Erwartungen und Wünsche des Gegenübers anpassen und ihre Sicherheit aus einem sehr starken Bindungswunsch ziehen. Demgegenüber stehen diejenigen Menschen, die ihre Sicherheit aus der Autonomie, aus dem Alleinsein ableiten. Sie müssen sich abgrenzen von ihren Mitmenschen, um sich wohlzufühlen. Wenn Menschen mit so unterschiedlichen Wahrnehmungen aufeinandertreffen, führt das zu Problemen. Und vor allem auch dazu, dass das verletzte innere Kind, das Schattenkind, viel zu oft die Führung übernimmt, nicht aber der zum rationalen Denken fähige Erwachsene.

Der Schlüssel ist die Selbstreflexion: Zu erkennen, dass da gerade ein automatisches, altes Muster losgetreten wird, und dann einzugreifen und es anzuhalten.

Wer sich mit dem inneren Kind beschäftigen möchte, für den können Frau Stahls Bücher ein guter Anfang sein. Eine Übersicht findet sich auf ihrer Webseite.

Nora Imlau – „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden – und auch nicht, wie wir gebären“

Nora erging es ähnlich wie mir: Ihr Umfeld (ihre Hebammen-Freundin) hat sie zum Umdenken gebracht, bis eine Hausgeburt ihr plötzlich die sicherste und sanfteste Methode erschien, um ihre Kinder auf die Welt zu bringen. Auch sie wurde geprägt von Größen wie Michel Odent und Frédérick Leboyer.

Sie umriss die Geschichte der Geburt von früher bis heute und machte deutlich, dass das Krankenhaus als sicherste Option, ein Kind zu gebären, eine relativ neue Entwicklung ist. Noch zu Zeiten unserer Großeltern waren Krankenhausgeburten eher die Ausnahmen als die Regel. Mit dieser Veränderung begann man, Schwangerschaften als Krankheiten zu sehen und Schwangere auch entsprechend zu behandeln.

Es ist traurig, dass manche Frauen so schlechte Erfahrungen mit ihren Geburten machen und diese dann als den schlimmsten Tag ihres Lebens sehen, denn: „Eine Geburt soll eine schöne Erfahrung sein, als Standard.“

Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass eine Hausgeburt nicht die einzig sanfte Möglichkeit ist, ein Kind zu bekommen. Auch ein Kaiserschnitt kann sanft und liebevoll sein, solange die Frauen und Kinder mit Respekt behandelt werden und zu jeder Zeit diejenigen sind, auf deren Entscheidung gehört wird.

Wie definiert man eine gute Geburt? Eine gute Geburt ist die, mit der es Mutter und Kind gutgeht, bei der sie sich menschlich behandelt, unterstützt, begleitet, bestärkt und respektiert fühlen, selbst bestimmen können und anerkannt werden. Ob eine Frau eine gute Geburt hatte, das kann allein die Frau selbst sagen, denn ihr obliegt die Definitionsmacht.

Bei meinen TOP-25-Büchern, die in keinem alternativen Haushalt fehlen dürfen, ist auch ein Buch von Michel Odent dabei. Ich bin sicher, hätte es Noras Geburtsbuch (geschrieben gemeinsam mit Herbert Renz-Polster) schon gegeben, als das Thema für mich aktuell war, wäre das Buch jetzt auch mit aufgeführt.

Nora möchte mit ihrem Buch übrigens niemanden in eine bestimmte Richtung lenken, sondern sie möchte aufklären, damit die werdenden Eltern eine mündige Entscheidung treffen können. Alle ihre Bücher gibt es auf einen Blick hier.

FEBuB: Zitat von André Stern über Kinder und Toleranz

André Stern – „Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben“

Es kommt selten vor, dass mich jemand derartig beeindruckt. André Sterns Vortrag war eine emotionale Achterbahnfahrt: Kaum hatte ich angefangen zu lachen, stahl sich wieder eine Träne des Mitgefühls aus meinen Augen. André und ich verfolgen das gleiche, große Ziel, nämlich: durch unsere Worte bzw. Bücher andere Menschen zu animieren, ihre Umgebung nicht durch ihre subjektive Brille, sondern durch die Augen des Gegenübers zu sehen, in der Hoffnung, die Welt dadurch ein wenig liebevoller und empathischer zu gestalten. Auch er beschäftigt sich offenbar mit der Verbundenheit der Dinge und sogar mit den gleichen Büchern. Gerade habe ich Peter Wohllebens Bücher empfohlen. Nun musste ich schmunzeln, als André genau das auch tat.

Ich würde hier am liebsten den kompletten Vortrag wiedergeben, weil ich ihn von vorne bis hinten absolut beeindruckend fand, aber ich beschränke mich auf eine Aneinanderreihung von Zitaten gespickt mit einigen kurzen Erläuterungen:

Alles ist verbunden

Dass das Konzept „Survival of the fittest“ auch in der Natur nicht existiert, sondern dass alles verbunden ist, dass große Bäume den kleinen helfen, anstatt sie zu töten,  ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen. Warum also sollten die Menschen versuchen, an dem Konzept festzuhalten? Warum sollten sie von der Nullversion aka Kleinkind über jahrelanges Abmühen zur Plusversion aka Erwachsene werden (die dann wiederum genau zu wissen scheinen, was diese Nullversionen brauchen)?

André empfiehlt, den Satz „Kinder brauchen Grenzen“ zu ersetzen durch „Frauen brauchen Grenzen“. Anhand der Reaktionen sieht man, dass schon der erste, ursprüngliche Satz niemals funktioniert hat. Wir Erwachsene sind nämlich gar nicht die Plusversion, sondern „Wir sind der Schatten dessen, was wir hätten werden können.“

Dass das innere Kind verletzt wird, geschieht schon sehr früh. Zum Beispiel durch Sätze wie: „Und, schläft er durch?“ Das nämlich setzt die Eltern unter Druck und dieser Druck wird nonverbal an die Kinder weitergetragen:

„In dem Moment, wo ich dir sage, ich hätte dich lieber, wenn du meinen Erwartungen entsprechen würdest, ist das das Ende der Kindheit.“, denn es suggeriert dem Kind: „So, wie du bist, bist du nicht in Ordnung.“

Der einzige Weg, dem entgegenzuwirken, ist, der vom Umfeld übernommenen schlechten Meinung über sich selbst etwas entgegenzusetzen, und zwar, indem man sagt: „Kind, ich hab dich lieb, weil du so bist, wie du bist.“ Der erste Teil des Satzes reicht nicht. Es muss der vollständige Satz sein.

Das Schulsystem vs. Spielen

Nach dieser bewegenden Einführung ging es ums Schulsystem. Was ist eine Prüfung? Im Prinzip ein Werkzeug des Adultismus, eine Falle, die dem Kind gestellt wird, um ihm zu zeigen, dass der Erwachsene ihm überlegen ist. Wenn das Kind die falsche, also eine schlechte Antwort auf eine Erwachsenenfrage gibt, mag es verbal oder nonverbal vermittelt bekommen: „Siehste, hast noch viel zu lernen.“ Und dadurch wird dem Kind suggeriert: Du hast eine schlechte Antwort gegeben, also bist du ein schlechter Mensch.

Wenn man ein Kind lässt, ist das Erste, was es macht: spielen. Hirnforscher sagen: „Spielen ist das beste Lernwerkzeug.“ Spielen und Lernen sind für ein Kind Synonyme. Daher ist es für ein Kind auch so verstörend, wenn es hört: „Es ist Zeit, dass du aufhörst zu spielen und anfängst, etwas zu lernen.“ Denn das ist für das Kind, als würde man ihm sagen: „Bitte atmen, ohne Luft zu holen.“

Wodurch lernt ein Kind sozusagen ganz von selbst? Es geht nicht darum, mit welchen Genen es ausgestattet wurde, sondern der Schlüssel ist seine Begeisterungsfähigkeit. Und „Begeisterung ist“, wie Gerald Hüther sagt, „Dünger fürs Gehirn.“ Je begeisterter das Kind ist (ein Kind ist alle 2 bis 3 Minuten von etwas begeistert, der Durchschnittserwachsene nur 2 bis 3 Mal pro Jahr!), desto besser lernt es, denn: „Das Gehirn entwickelt sich je nach Gebrauch wie ein Muskel.“

„Begeisterung ist die einzige grenzenlose Ressource auf Erden“, sagt André Stern.

Wie schwierig es ist, wenn man Kinder anspricht, als wären sie minderwertige Wesen, hat er an einem Beispiel verdeutlicht: Er sprach mit den Erwachsenen, wie man in der Regel mit Kindern in der Schule spricht, ungefähr so: „Und, weißt du, was das hier ist?“ „Holz.“ „Ja, Holz. Prima! Fein gemacht. Dass du das schon weißt! Hättest du das auch gewusst?“, fragte André sodann das nächste „Opfer“. Gleich darauf ging es weiter: „Und wo kommt denn eigentlich das Holz her, weißt du das auch?“ „Von Bäumen!“ „Jaaa! Von Bäumen. Super. Das weißt du schon? Toll! Hättest du das auch gewusst?“ Usw. usw.

Warum sprechen wir mit Kindern nicht wie mit normalen Menschen? Oder anders: „Warum sollten unsere Kinder Dinge annehmen, die wir nicht tolerieren würden?“ Durch dieses adultistische Verhalten grenzen wir sie aus und vermitteln ihnen die Botschaft: „Du gehörst nicht zur Gruppe Menschen dazu, die es verdienen, dass wir mit dir normal reden.“

Kinder hingegen sind da ganz anders, denn: „Kinder zeigen uns den Weg im Umgang mit anderen, mit offenem Herzen und offenen Armen. Wir brauchen Kindern keine Toleranz beibringen, weil sie keine Intoleranz kennen.“

Für Kinder ist klar: „Verschiedenartigkeit ermöglicht die gegenseitige Bereicherung.“

André plädiert dafür, Kinder nach draußen zu schicken, damit sie die Welt erkunden können. „Da draußen gibt es einen Ozean von Wissen, aber man muss dem Ozean entgegengehen.“ Und: „Wenn die Kinder nur zu Hause bleiben, übernehmen sie die Ängste der Eltern.“

Und noch 4 wunderschöne Zitate zum Schluss:

„‚Ja, aber …‘ ist der Ehrengast, den man einlädt, um deine Träume zu vernichten.“

„Wenn ein Kind in die Welt hinausgeht, verändert das die ganze Welt.“

„Einige finden, da ist ein störendes Kind im Saal. Ich sage: Nein, da ist ein Saal voller Erwachsener, die das Kind beim Spielen stören.“

„Es wird keinen Frieden auf Erden geben, solange wir nicht im Frieden sind mit der Kindheit.“

Und so endete der Samstag auf der FEBuB.

Außen grau, innen grün: Die Ruhr-Universität Bochum am Tag der FEBuB

Die Location und das Wetter etwas grau und trist. Auf der FEBuB: alles bunt und voller Liebe

Dr. Herbert Renz Polster – „Artgerechte Erziehung – was ist das und wieso ist sie so wichtig?“

Wer mir schon länger folgt, hat schon den einen oder anderen Verweis zu Herbert Renz Polster gesehen. Der Mann ist genauso überzeugend wie seine Bücher. Diesmal ging es hauptsächlich um sein Buch Menschenkinder, das ihr neben allen anderen hier findet.

Das Problem mit uns Menschen ist, dass wir uns ständig weiterentwickeln. Im Gegensatz zur Katze, die schon seit wer weiß wie vielen Jahren das gleiche simple, unveränderbare Programm abspult, passiert bei uns ständig etwas Neues. Dadurch wissen wir Eltern nicht mehr, wie wir unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten können, denn kaum hat man sie auf eine Sache vorbereitet, ist die schon wieder veraltet. Deshalb müssen sich die Kinder von heute sozusagen eine Landkarte von der Welt erstellen, während sie sie erforschen.

Während Menschenkinder den Drang haben, in die Welt hinauszuziehen, ja sogar neue Kulturräume zu erobern, sind sie gleichzeitig ihr ganzes Leben lang bindungs- und beziehungsbedürftig. Nicht wie das Schimpansenbaby, das gestillt werden kann, während die Mama von Ast zu Ast springt.

Diesen Gegensatz zu vereinen, einerseits dafür zu sorgen, dass das Kind Wurzeln schlägt und andererseits, dass es mit seinen Flügeln davonfliegt, das ist unser artgerechter Auftrag, und zwar nicht nur in den ersten Jahren als Eltern, sondern das ganze Leben lang. Dabei müssen sich die zwei Gegensätze Nähe und Wirksamkeit (= Selbstständigkeit) austarieren.

„Freiheit und Bindung liegen im gleichen Paket.“ Und: „Kinder brauchen Gelegenheit zur Selbstbewährung und das Gefühl, sie sind bedeutsam.“

Es ist sehr gut, ein Kind zu stillen, es zu tragen und weiter, aber auch ein Flaschenkind kann eine starke, gute Beziehung zu seinen Eltern haben. Die Hauptsache ist, dass man sich um diese Bindung bemüht. Dass das manchmal nicht klappt, ist menschlich. „Der Rahmen, den wir setzen, kann einiges verzeihen, solange wir ihn setzen“.

Es gab einige spannende Exkurse, die ich jetzt hier ausklammere, einzig einen möchte ich noch anfügen, da er so gut zum Thema Kindergarten passt, das mich ja momentan auch nicht mehr loslässt. Herbert Renz-Polster plädiert für gemischtaltrige Kindergartengruppen, denn: „Im gemischtaltrigen Kindergarten läuft der soziale Quirl.“ Sprich: Die Kinder haben die Gelegenheit, sich in verschiedenen Rollen auszuprobieren. Wenn sie die Eingewöhnung hinter sich haben, sind sie vielleicht in der Gamma-Rolle. Dann steigen sie in die Beta-Rolle auf, bis sie schließlich zu den Alpha-Kindern werden, nur um dann in der Schule wieder eine ganz neue Rolle einzunehmen.

Zum Schluss des Vortrags ging es durch die gestellten Fragen in eine nicht ganz so optimistische Richtung: „Wir schaffen uns Umwelten, die vielleicht gar nicht taugen werden.“ Was wir da aber dagegen tun können, wollte jemand aus dem Publikum wissen. Herr Renz-Polster sagt: Aktiv werden. Einen bedürfnisorientierten Kindergarten oder eine bedürfnisorientierte Schule gründen zum Beispiel, denn „Macht hat, wer etwas macht!“ Also ran an die Veränderung. Und wenn sie auch noch so klein ist, jeder Schritt wird letztendlich etwas bewegen.

Aida S. de Rodriguez – „Strafen schaden! Beziehungsorientierte Handlungsalternativen“

Dass Strafen nach der Auge-um-Auge-Mentalität längst nicht mehr zeitgemäß ist, das ist bekannt. Nur fehlt vielen Eltern die Orientierung. Wie sollen sie sich denn verhalten, um beim Nachwuchs das gewünschte Verhalten zu erwirken? Darum ging es in Aidas Vortrag.

Aber erst einmal: Warum wirkt Strafe nicht so, wie sie gedacht ist? Eigentlich soll sie Orientierung geben, durch konsequentes Verhalten Vertrauen schaffen, einen Lerneffekt haben, abschrecken, eine Person zu einem anderen/besseren Menschen machen. Aber was passiert wirklich?

Strafe ist Willkür. Sie hat nichts Kausales. Sie ist ein (adultistischer) Machtmissbrauch, mit dem dem Kind unmissverständlich klargemacht werden soll, wer stärker ist. Das Kind soll leiden (womit wir wieder beim Auge-um-Auge-Konzept sind). Das Verhalten soll mit Hilfe von Angst manipuliert werden. Leider verlieren Strafen ihre Wirkung, weshalb sie immer mehr gesteigert werden müssen. Das Kind wird zum Objekt degradiert und ihm wird vermittelt, dass es nicht in Ordnung ist, so wie es ist.

Was das Kind wirklich braucht, statt bestraft zu werden, ist Halt, Liebe. Es signalisiert, dass es den Erwachsenen braucht, schreit um Hilfe, aber es wird mit seinem Frust allein gelassen.

Die Autorin Helen Keller sagte, so überliefert es Aida: „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.“

Was passiert beim Kind, wenn es bestraft wird? Es fühlt sich ungeliebt und ungerecht behandelt, je nach Temperament sagt es sich selbst entweder: „Die werden schon sehen, was sie davon haben.“ oder aber: „Ich muss ein schlechter Mensch sein und habe es ganz sicher verdient.“

Während das Kind sich allein gelassen fühlt in seiner Not, denkt der Erwachsene: „Mein Wille ist wichtiger und um diesen durchzusetzen, ist es legitim, meine Macht einzusetzen.“ Dadurch landet die Familie ganz schnell in einem sich verstärkenden Teufelskreis aus Kämpfen, Resignation und Flucht.

Kinder, die bestraft werden, verlieren das Vertrauen in ihre Eltern, ihre Gefühle, darin, geliebt zu werden – und in sich selbst.

Daher ist der bessere Weg, eine Beziehung auf Basis von Vertrauen und Liebe aufzubauen anstatt auf Angst und Kontrolle. Eine Beziehung, die auf Liebe, Respekt, Gewaltfreiheit und Gleichwürdigkeit basiert.

Aida wird aufgrund ihrer Haltung oft Realitätsferne bzw. Konfliktscheue vorgeworfen. Sie sagt dazu: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass das Leben ohne Konflikt geht.“ Die Frage ist nur immer: Wie gehe ich mit dem Konflikt um? Gebe ich mich als die dominante Person, die das Kind unterwirft und seinen Willen bricht – oder bringe ich dem Kind bei, wie man respektvoll und gleichwürdig miteinander umgeht?

Dass es keine Strafen gibt, heißt übrigens nicht, dass es keine Regeln gibt. Aber nur wer die Regeln verstehen kann, vielleicht sogar mitgeholfen hat, sie aufzustellen, befolgt sie auch gern. „Das Leben besteht aus Regeln und Konfliktlösungen.“

„Eltern setzen keine Grenzen, Grenzen sind da. In dem Moment, wo ich Grenzen setze, ist das Willkür.“

Klingt unlogisch? Aida nannte das Beispiel, dass jeder von uns auf den Stühlen fürs Publikum Platz genommen hatte. Keiner von uns drängte sich zu ihr auf die Bühne. Eine unsichtbare Grenze eben.

Die spannende Frage ist jetzt aber: Was ist denn nun die Alternative zur Strafe? Aida selbst hat in diesem Artikel 14 Alternativen aufgezeigt.

Carmen Hercegfi von Vegane Familien referiert auf der FEBuBüber Ernährung

Carmen Hercegfi vor ihrem Vortrag

Carmen Hercegfi – „Was Bindung mit Essen und Ernährung zu tun hat“

Am Suppenkaspar und anderen Geschichten aus der Zeit der schwarzen Pädagogik merken wir, dass bestimmte Themen die Menschheit schon lange beschäftigt haben. Früher hat man mit der Angst oder dem schlechten Gewissen gearbeitet, heute orientieren sich immer mehr Menschen an der Liebe, setzen also den unsicheren Bindungsstilen eine sichere Bindung entgegen. Unsichere Bindung ist aus der Ernährngsperspektive schon allein deshalb problematisch, weil eine unsichere Bindung Stress erzeugt, der wiederum durch hochkalorisches Essen kompensiert wird, was später zu Essstörungen führen kann.

Kinder schmecken übrigens viel intensiver als Erwachsene, weil sie viel mehr Geschmacksnerven haben (hochsensible Kinder ganz besonders, sie fühlen nicht nur mehr, sondern sie schmecken auch intensiver).

Wer sich Gedanken darüber macht, dass sein Kind „nichts“ isst, der kann beruhigt sein, denn die Kinder haben biologische Schutzprogramme, die dazu führen, dass zwar mal einige Wochen oder auch Monate immer und immer wieder das Gleiche gegessen wird, aber irgendwann sagt der Körper: „Jetzt ist gut. Jetzt hab ich genug von diesen Närhstoffen, gib mir was anderes!“ Einiges, was Carmen erzählt hat, deckt sich mit dem Buch von Herbert Renz-Polster, über das ich hier geschrieben habe, daher spare ich das jetzt aus.

Ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass ungesundes Essen eher mit positiven Ereignissen verknüpft wird, zum Beispiel die Pommes gibts im Schwimmbad oder das Eis beim Ausflug zum Freizeitpark. Und dann kommt der Rosenkohl in der heimischen Atmosphäre, der oft auch noch ein Zwang anhaftet, nämlich der, dass das Kind zum Probieren animiert (oder gar gezwungen) wird.

Problematisch ist besonders der Satz: „Probier das mal, das ist lecker!“ Das Kind hat nämlich schon öfter auf diese Worte vertraut, nur um dann festzustellen, dass ihm das vermeintlich leckere Essen doch nicht schmeckt. Es hat also das Gefühl, von den Bezugspersonen belogen zu werden. Daher ist es besser, eine authentische Geschichte mit subjektivem Empfinden zu verknüpfen, das heißt zum Beispiel: „Ich liebe Brokkoli. Der erinnert mich an die Zeit, als ich deinen Papa kennengelernt habe. Da hat er mir den immer gekocht. Vielleicht finde ich ihn deshalb so lecker. Mich würde total interessieren, ob du ihn auch so lecker findest.“ Unter der Prämisse probiert das Kind viel eher.

Bedenklich auch der Satz: „Na komm schon, einen Happen schaffst du auch noch!“, denn der übergeht das natürliche Sättigungsgefühl des Kindes, was später wiederum Gewichtsprobleme begünstigen kann.

Wenn Kinder in der Ich-esse-nur-Brot-Phase sind, empfiehlt meine liebe Verlagskollegin, die Kinder mit Bioroggensauerteigvollkornbrot zu versorgen (ein Wort, über das sich meine englischen Freunde sofort lustig machen würden …).

Untersuchungen zum baby-led weaning haben übrigens ergeben: „Schon die Kleinsten haben Sachen liegen lassen, wo man später rausfindet, dass sie dagegen allergisch sind.“

Wie sieht denn aber nun gutes Essen aus? Einerseits gibt es die Richtlinien der DGE. Andererseits auch Carmens Webseite.

Mathias Voelchert – „Ich geh aber nicht mit zum Wandern“

Mit dem Inhalt dieses Vortrags gehe ich nur teilweise konform, denn an manchen Stellen hat mir hier der Fokus auf Bindungsorientierung gefehlt. Und an anderen Stellen wurde das wiederholt, was vorher von anderen Referenten bereits gesagt worden ist, weshalb ich das nun nicht noch einmal wiederholen möchte.

Gefallen hat mir besonders der Satz: „Nichts raubt Kindern so gründlich das Selbstvertrauen wie ständig besorgte Eltern.“

Aber auch das Beispiel von Herrn Voelchert, das er uns erzählt hat, war beeindruckend: Er bekam Besuch von einem Kind und hatte gerade einen riesigen Graben ausgehoben, durch den Regenwasser abfließen sollte. Da erwischte er das Kind, wie es den in 3 Tagen Schweißarbeit ausgehobenen Graben wieder mit Erde füllte. Seine natürliche bzw. gewohnte Reaktion wäre eine Standpauke gewesen, aber er entschied sich dagegen und animierte das Kind, mit ihm gemeinsam einen weiteren Teil des Grabens auszuheben. Nach eineinhalb Stunden harter Arbeit sagte das Kind: „Das ist ganz schön schwere Arbeit. Erwachsenenarbeit!“ Kurz darauf gingen die beiden wieder zum mit Erde aufgefüllten Graben, da erkannte das Kind: „Ist ganz schön blöd, wenn man einen Graben macht und jemaand kommt und schmeißt was rein.“ Zusammen kümmerten sie sich darum, den entstandenen Schaden zu beseitigen.

Mehr als der ganze Votrag hat mich Herrn Voelcherts Reaktion beeindruckt, als ein vor Schmerz brüllendes Baby aus dem Raum getragen wurde. Er sagte: „Wie es einem ans Herz geht, wenn ein Kind so weint – und wie gut es einem tut zu wissen, es ist jemand da, der sich um mich kümmert. Das ist Erziehung.“ Genau so.

Katja Seide, Lienhard Valentin und wie es weitergeht

Am Konferenzsonntag liefen einige Vorträge parallel, weshalb ich leider Katja Seides Vortrag über Trotzphasen sowie Lienhard Valentins Vortrag zur gelassenen Erziehung verpasst habe. Katja hat zusammen mit ihrer Kollegin Danielle Graf ein sehr erfolgreiches Buch zu ihrem Thema geschrieben, von dem ich nur Gutes gehört habe, weshalb ich es euch an dieser Stelle empfehlen will: „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen

Auch Lienhard Valentin ist ein Autorenkollege. Hier geht es zu seinen Büchern.

Nächstes Jahr wird es keine FEBuB geben, dafür aber 2019. Ich freu mich schon drauf.

Und für diejenigen, die nicht dabei waren, aber jetzt neugierig geworden sind, habe ich die Information von Kira und Katrin: Ihr möget euch doch bitte für den Newsletter anmelden (das geht auf dieser Seite ganz unten), dann erfahrt ihr, wenn bzw. sobald die Vorträge auch für Nicht-Teilnehmer zum Download bereitstehen.

Danke für ein großartiges, inspirierendes, unvergessliches Wochenende!

Verlagskolleginnen Carmen Hercegfi und Sandra Schindler auf der FEBuB

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