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Wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappen will – Tabuthema Fehlgeburt

Unter 100 Schwangerschaften sind 80 erfolgreiche und 20 Fehlgeburten. Mindestens. Offiziell. Die Dunkelziffer ist jedoch wesentlich höher, sagt Autorin Miriam Funk in ihrem Buch Tabuthema Fehlgeburt.

Frauen, die in den ersten Schwangerschaftswochen ihr Kind verlieren, wird die Erlaubnis zu trauern abgesprochen. Sie hören den Satz: „Sei froh, dass es so früh und nicht später passiert!“ (S. 14) Doch ein Verlust ist immer ein Verlust, egal zu welchem Zeitpunkt.

„Wen Menschen vermissen und betrauern, entscheidet nicht die Zeit, die sie miteinander hatten, sondern ihr Gefühl.“ (S. 8)

Ich gebe es zu: Dieses Buch war harte Kost, denn es behandelt ein Thema, mit dem sich vermutlich niemand gerne beschäftigt. Aber umso wichtiger ist die Aufklärung, damit man dazu beitragen kann, das Leid der Betroffenen zu vermindern, anstatt es durch unüberlegte Aussagen noch zu verstärken.

Sachbuchcover Elternthema

Buchcover Tabuthema Fehlgeburt

 

Ich kann mich an kein anderes Sachbuch erinnern, das mich so berührt hat und das in mir den Wunsch hervorgerufen hat, fast von jeder Seite ein Zitat zu bringen.

Schon allein die Vorarbeit, die Miriam geleistet hat, war unglaublich aufwändig: Sie hat 430 betroffene Frauen befragt und ihre Antworten in dieses informative 120-Seiten-Büchlein eingebaut.

Ich habe viel gelernt. Mir war nicht klar, wie viele Wahlmöglichkeiten betroffene Eltern haben. Aus dem Buch geht hervor, dass es nicht nur mir so geht.

Mütter haben z. B. die Wahl, zu warten und das Kind selbst zur Welt zu bringen, anstatt sich überrumpeln zu lassen und die Schwangerschaft sofort nach der schockierenden Nachricht von medizinischer Seite beenden zu lassen. Sie haben die Wahl, die schwierige Situation mit Unterstützung einer Hebamme durchzustehen, sie haben ein Recht auf Mutterschutz und Wochenbett und sie haben die Wahl, das Kind zu bestatten – und sei es auch noch so klein (die Regularien zur Bestattung sind übrigens von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich).

Wichtig ist in dem Zusammenhang das Thema Schuldgefühle. Oft wird der Mutter bewusst oder unbewusst eingeredet, Schuld an der Fehlgeburt zu haben. So gut wie alle Frauen stellen sich in so einer Situation die Frage, was sie falsch gemacht haben. Die Autorin hat tröstende Worte für sie, denn: Sie haben nichts falsch gemacht! In den meisten Fällen musste das Kind gehen, weil es in seinem Körper nicht überlebensfähig gewesen wäre – unabhängig von dem, was die Mutter getan oder auch nicht getan hat.

Was mich am meisten betroffen hat, ist der lieblose Umgang von Seiten des Fachpersonals. Ja, für einen Gynäkologen mag eine Fehlgeburt natürlich und zu erwarten sein, aber für die Frauen ist sie das nicht. Auch die zitierten Kommentare von Schwestern und anderen Krankenhausangestellten haben mir Tränen in die Augen getrieben. Die Autorin betont aber bei allem, was sie bespricht, dass es auch eine andere Seite gibt – und auch dafür gibt es immer Beispiele.

Was sollte geschehen, wenn es mehrmals hintereinander zu einer Fehlgeburt kommt? Warum kann es besser sein abzuwarten, anstatt gleich das durchzuziehen, was im Fachjargon lieblos als Ausschabung bezeichnet wird? Welche Trauerrituale können helfen? Darf man das Kind auf dem Standesamt melden? Wie geht es betroffenen Frauen, aber auch Männern, und wie kann man sie unterstützen?

Miriam Funk hat unfassbar viele Tipps für direkt und indirekt Betroffene. Auch Tipps für Ärzte gibt es. Manche gehen sogar mit einem beispielhaften Informationsflyer voran, der ebenfalls im Buch abgedruckt ist. Den Abschluss machen Zitate der befragten Frauen. Sie verraten, was sie sich von ihrem Umfeld gewünscht hätten.

Hübsche Geschäftsfrau im Anzug vor Mauer

Miriam Funk, Diplom-Übersetzerin und Chefredakteurin des Online-Magazins 9monate.de

Ein abschließendes Zitat aus dem Nachwort von der Autorin selbst (S. 109):

„Da begriff ich, wie wichtig es ist, wie alles abläuft, wenn eine Frau ein Kind verliert. Wie die Frau behandelt wird, was ihr erklärt, vorenthalten oder gezeigt wird. Das alles ist in einem solch schmerzlichen Ereignis sehr entscheidend und lässt sich danach nicht mehr ändern. Damit muss sie weiterleben. Und das funktioniert am besten, wenn es so abläuft, dass sie über ihre Möglichkeiten informiert wird, Entscheidungen treffen kann, die sie hinterher nicht bereut, keine offenen Fragen hat und die Trauer bestmöglich bewältigen kann. Und dazu gehört auch die Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber Frauen und Männern, die um ihr Kind trauern, egal wie klein es war.“

Ich gehöre übrigens zu den indirekt Betroffenen: Ich wusste von einer lieben Familie, die ein solches Schicksal erlitten hat. Mein Mitgefühl war groß, aber meine Ratlosigkeit umso größer. Ich hätte gerne geholfen, irgendetwas getan, aber ich wusste nicht wie. Daher habe ich mich damals entschieden, der Mutter einen Brief zu schreiben, denn das hat das Risiko für mich verringert, im direkten Gespräch etwas Unbeholfenes, vielleicht sogar versehentlich Verletzendes zu sagen. So hatte ich die Zeit, meine Worte mit Bedacht zu formulieren. Und die Frau hatte die Möglichkeit, nicht in einem unpassenden Moment mit meinen Worten konfrontiert zu werden. Sie konnte sich aussuchen, wann sie meine Gedanken lesen wollte – und sie hatte die Freiheit, ihre Reaktion darauf nicht zeigen zu müssen.

Einige Tage, vielleicht waren es auch Wochen später kam ein Brief zurück. Darin stand sinngemäß, dass es für diese Mutter in Ordnung ist, wenn die Menschen sie darauf ansprechen – dass es im Gegenteil sehr viel schwerer für sie war, wenn das Thema totgeschwiegen wurde. Und sie gab mir den Tipp, mich einfach natürlich zu verhalten. Und genau das habe ich dann auch getan.

Sicher kann man ihre Antwort nicht pauschalisieren. Daher mein Rat: Hört auf euer Herz, wenn ihr von einem solchen Schicksal erfahrt. Und fragt nach, was die Familie sich wünscht. Ob in Briefform oder im direkten Gespräch, das ist Typsache – und nebensächlich. Wichtig ist, dass die Familie mit ihrem Schicksal nicht allein gelassen wird.

Tabuthema Fehlgeburt finde ich uneingeschränkt empfehlenswert und eine große Stütze für alle, egal, ob sie diese schmerzliche Erfahrung machen mussten oder nicht.

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