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Rassismus in alten Kinderbüchern

Die Schätze der Kindheit

Habt ihr die Lieblingsbücher eurer Kindheit aufgehoben? Ich zähle zu den Menschen, die grundsätzlich keine Erinnerungen (in Form von großen Gegenständen) horten, aber bei Kinderbüchern habe ich eine Ausnahme gemacht. Astrid Lindgren, Agatha Christie (ja, ihre Krimis standen damals in der Kinderabteilung unserer Bücherei), Thomas Brezina oder Enid Blyton, ich hab sie alle noch.

Neulich hab ich nach all den Jahren „Geheimnis um ein verborgenes Zimmer“ gelesen. Auf Deutsch – aus Gewohnheit. Ich weiß, dass viele von Enids Büchern neu übersetzt wurden, u. a. meine geliebte Geheimnis-um-Serie. Mein neophobes Hirn könnte sich so schnell nicht an die Änderungen gewöhnen. Selbst die Eigennamen wurden geändert. Meiner Meinung nach verliert die Geschichte dadurch. Der nervige Dorfpolizist Herr Grimm wird für mich immer „Wegda“ heißen, weil er die sechs Spürnasen nie um sich haben und sie immer mit einem „Weg da!“ verscheuchen will.

Alles anders als früher

In der Neuübersetzung heißt er nun Mr. Goon alias „Clear Orf“. Ja, das ist näher am Original, aber welches deutsche Kind versteht das? Gleiches gilt z. B. für mein Lieblingskind, der in meinem alten Buch Dietrich Ingbert Carl Kronstein heißt. Und sein Spitzname lautet Dicki, nicht nur aufgrund seiner Initialen, sondern auch, weil er eben gerne ein wenig mehr isst. Auch da hat man sich in der Übersetzung nun mehr am Original orientiert und dadurch viel an Bedeutung verloren (für das deutsche Zielpublikum zumindest). Dicki heißt jetzt Fatty – und das steht für Frederick Algernon Trotteville. Was sagt das einem deutschen Kind? Selbst der süße Purzel hat seinen schönen Namen verloren und heißt jetzt Scotty. Was aus den anderen wurde, könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Dass man den Ortsnamen geändert hat, finde ich ebenfalls schade. Die Kinder wohnen jetzt in Peterswood (wie im Original) statt Peterswalde, worunter sich jedes deutsche Kind etwas vorstellen konnte.

Buchregal

 

Schwierig: Alte Ansichten und Wörter bei Kindern von heute

Trotzdem dachte ich beim Lesen der alten Übersetzung einige Male: „Autsch.“ Ich konnte verstehen, warum eine Neuübersetzung angeregt wurde. Hat Enid sicher nicht so gemeint, aber im heutigen Kontext kommt es teilweise ganz schön übel rüber, zum Beispiel, als sich eins der Kinder als „Neger“ verkleidet. Aber auch Astrid Lindgren hat einen Negerkönig und bei Otfried Preußler verkleiden sich die Kinder an Fasching auch nicht als Clowns und Sheriffs, sondern als „Negerlein, Türken und Indianer“.

Im Buch von Enid Blyton gibt es noch einen Franzosen, der von den Kindern als „komisch“ und „blöd“ empfunden wird. Und bei der kleinen Hexe gibt es drei „Holzweiber“ und noch einige Weiber mehr. Also alles kritische Themen. Wie sollten Eltern da angemessen reagieren? Die alten Ausgaben als Anlass für eine Diskussion nehmen? Die Zeitdokumente wegwerfen und sie durch neue Ausgaben ersetzen, an denen man wieder andere Dinge findet, die einen stören (siehe oben)? Oder vorlesen und abwarten, ob die Kinder von sich aus etwas dazu sagen? Viele werden sicher gar nicht merken, dass der Vorlesende etwas als seltsam oder unangemessen empfindet.

Aber ist das wirklich so schlimm?

Ich glaube nämlich, dass jeder aus jedem Text immer das herausliest, was er herauslesen möchte. Sprich: Wenn ich mich dem Kampf gegen Sexismus verschrieben habe, dann finde ich überall Dinge in Texten, über die ich mich aufregen kann (zum Beispiel in diesem hier) – und die ich selbst ganz anders schreiben würde. Fühle ich mich unwohl damit, Tiere zu essen, versuche das aber zu verdrängen, dann fallen mir in Büchern immer wieder Passagen auf, die mich regelrecht dazu zu drängen scheinen, mich mit der Thematik zu befassen.

Und nur weil die genannten Autoren entsprechende Dinge geschrieben haben, heißt das noch lange nicht, dass sie etwas gegen Franzosen, Schwarze oder Frauen haben. Es heißt eigentlich vielmehr, dass ich mich als Leser mit dem Thema beschäftige und mit einem anderen Bewusstsein herangehe als derjenige, der den Text geschrieben hat. Noch dazu in einer Zeit, in der manches sicher anders betrachtet wurde.

Es liegt also im Auge des Lesers, sich über bestimmte Dinge aufzuregen – oder sich die dafür benötigte Energie zu sparen und diese Bücher als das zu sehen, was sie sind: Zeitdokumente, die dennoch ganz klar an manchen Stellen einer Überarbeitung bedürfen.

Was ich mich allerdings frage: Hat z. B. Enid nicht bewusst mit dem Klischee gespielt, damit man sich mal Gedanken über die eigene Einstellung zum Thema Klischees bzw. Vorurteile machen kann?

Aufklärung: Später ja

Wie dem auch sei: Wenn meine Kinder alt genug sind, werden sie oder ich auf diese Dinge sicher wieder zu sprechen kommen, aber auf eine sachliche Weise. Momentan stimme ich mit dem überein, was gerade jemand zu mir gesagt hat: So viele Menschen machen sich zu Sklaven der Political Correctness. Dadurch wird solchen Themen im Kollektiv viel zu viel Raum gegeben. Das ist so ähnlich wie bei dem Gleichnis mit dem Schüler, der nicht loslassen kann, weil sich seine Gedanken immer wieder darum drehen, dass er sich korrekt verhalten muss, wodurch sein Denken in eine ziemlich ungesunde Richtung geht und er sich eben gerade nicht korrekt verhält. Hier könnt ihr die ganze Geschichte lesen.

Die Freiheit des Autors?

Wenn jeder Autor immer im Hinterkopf behalten muss, was die Leute denken könnten, wenn er ein bestimmtes Klischee aufgreift oder auch bricht, wie frei ist der Autor dann eigentlich noch, wenn er doch eigentlich nur eine schöne Geschichte erzählen will? Vor allem dann, wenn er nicht einen Gedanken an das verschwendet hat, was ihm hinterher vorgeworfen wird? Womit ich keinesfalls dafür plädiere, Begriffe, die heute beleidigend sind, weiterhin einzusetzen. Und auch in den alten Büchern würde ich sie ersetzen, aber ohne dass dabei unnötig der Fokus darauf gelegt wird.

Die Gender-Debatte

Und wenn wir jetzt noch das Thema Gendering nehmen: Ich verkrampfe, wenn ich jedem Autor eine Autorin hinterherschicke. Ich blockiere innerlich. Aber deshalb bin ich noch lange nicht antifeministisch unterwegs, denn es ist meine Einstellung, die zählt. Und die entspricht der des Gleichnisses: Loslassen – nicht auf Krampf an Schlechtem, was man beseitigen will, festhalten.

Astrid Lindgren: Düster?

Mir fällt jetzt gerade noch Die Brüder Löwenherz ein, mein Lieblingsbuch von Astrid Lindgren übrigens. Ich habe es schon als Kind geliebt, höre aber immer wieder, dass es die Menschen traurig macht oder in ihnen unangenehme Stimmungen hervorruft, weil es nach Meinung dieser Leser ein Aufruf an Kinder zum Selbstmord ist. Ist es nicht. Ich glaube vielmehr, dass sich Astrid am Ende ihres Lebens viel mit dem Leben nach dem Tod, ja sogar mit der Entwicklung der Seele und mit Wiedergeburt beschäftigt hat. Das Buch ist ihr Spiegel – und gleichzeitig eine Aufforderung an die Leser, sich auch mal mit dem Thema auseinanderzusetzen. Schade, wenn einen die Lektüre des Buchs mit einem unangenehmen Gefühl zurücklässt.

Bei mir war das Gegenteil der Fall: Astrid hat mir schon damals die Hoffnung gegeben, die Hoffnung darauf, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern dass es irgendwie – und vermutlich sogar besser – weitergeht. Und daran glaube ich auch heute noch. Danke, Astrid! 🙂

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin 100% bei Dir.
    Auch Kinderbücher sind Literatur und daran sollte man nicht rütteln. In Märchen wird ja auch mit Taler bezahlt und nicht mit Euro. Und Onkel Toms Hütte muss einfach das Wort Nigger benutzen, denn Afroamerikaner würde doch gar nicht in den Kontext passen.
    Diesen Eiertanz um Worte kenne ich nur zu gut.
    Bin ja Mutter einer Tochter mit Down Syndrom und mir gehen andere Eltern so auf den S… wenn sie sich aufregen wenn in einem Artikel „leidet an“ steht „Mein Kind ist glücklich und leidet nicht blablabla“ Was soll der Mist, kein normaler Mensch versteht unter diesem üblich verwendeten Wort, dass der Mensch der an etwas leidet, dahin siecht.
    Toller Beitrag, Daumen hoch

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