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Weihnachten mit Koboldengel Archibald

Geschichte Koboldengel Archibald

Zimtsterne backen, Holzpferde basteln, Kuschelmäuschen nähen, Schneewolken aufschütteln … nie sind die Engel so beschäftigt wie im Dezember.

Heute erzähle ich euch die Geschichte von Koboldengel Archibald. Der kleine Archi hat keine so schöne Aufgabe wie seine Freunde. Er kommt auf die Erde, um die Familien zu ärgern, ganz besonders die Mamas. Denn viele Menschen sind komisch: Erst wenn sich alle genug geärgert haben, erkennen sie, was wirklich wichtig ist.

Es ist der vierundzwanzigste Dezember bei Familie Schmidt. Die Zwillinge Pia und Paula schlafen noch. Max, der Familienhund, nagt an einem Kauknochen herum, Papa Sven backt die letzten Plätzchen und Mama Nicole sitzt am Schreibtisch, denn sie muss noch ein bisschen arbeiten. Niemand merkt, wie der kleine Engel zum Fenster hineinhuscht. Erwachsene können sowieso keine Engel hören. Sie können sie manchmal sehen, aber nur, wenn sie sich sehr anstrengen. Nur Kinder sehen und hören die Engel – und Tiere, aber die interessieren sich nicht so sehr für Archi und seine Freunde.

Der kleine Koboldengel schleicht sich ins Büro und lässt alles, was Mama später noch der Post mitgeben will, in den Stapel mit den Fachzeitschriften wandern, den kaum jemand beachtet. Wutentbrannt stürmt Nicole zu Papa Sven in die Küche und schreit: „Die Rechnungen, die Steuerunterlagen und die Weihnachtskarten sind weg, ich dreh gleich durch!“

Papa weiß von nichts, außer dass Mama immer ihre eigenen Sachen verlegt und sich dann ärgert, weil sie denkt, dass wieder jemand an ihrem hochheiligen Schreibtisch war, von dem sich eigentlich alle fernhalten, seit Pia aus den ersten Seiten von Mamas neuem Vertrag tanzende Frösche geschnitten und Paula die letzten Seiten mit einer bunten Blumenwiese verschönert hat.

„Komm mal wieder runter. Die Sachen findest du bestimmt bald wieder“, sagt Sven beruhigend.

Archibald hat den schlafenden Zwillingen ins Ohr geflüstert: „Wacht auf, es ist Weihnachten!“ Sofort sind die beiden munter und rennen in die Küche.

„Mama, wann gibts Geschenke?“, fragt Paula.

„Mir ist so langweilig. Ich will, dass jetzt sofort das Christkind kommt“, fügt Pia hinzu.

Aber Mama hört gar nicht richtig hin. Sie ist schon wieder in Hektik, wie jedes Mal, wenn an einem Feiertag Besuch kommt. „Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht“, sagt sie. „Am besten, ich geh erst mal schnell duschen, sonst schaff ich das nachher nicht mehr. Kannst du wenigstens mal die ganzen Schuhe an der Tür wegräumen?“

„Gleich, gleich. Ist doch noch Zeit“, antwortet Papa. „Ich geh mich jetzt erst mal umziehen, dann muss ich noch die Türklingel reparieren und die Lichterketten im Garten aufhängen. Später ist Zeit für die Schuhe.“

Schon sind die beiden verschwunden.

Archibald nutzt die Gelegenheit, um das Blech mit den Vanillekipferln über den Rand des Küchentischs zu schieben, sodass es scheppernd auf den Boden fällt. Sofort ist der Familienhund Max zur Stelle. Schnell wie Rudolf das Rentier versucht er, die lauwarmen Kipferln in seinem Bauch verschwinden zu lassen. Max ist der Einzige, der sich bemüht, den Boden immer krümelfrei zu halten. Doch in dem Moment kommen Mama und Papa zurück in die Küche.

Koboldengel Archibald

„Ich werd wahnsinnig. Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt? Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht das Essen vom Tisch klauen sollst?“, schimpft Mama den armen Kerl. Mit traurigen Augen und eingezogenem Schwanz verkriecht sich der kleine Hund hinter dem Sofa.

Papa befördert die restlichen Plätzchen vom Boden in den Komposteimer.

Noch eine Stunde, bis Oma und Opa kommen. Zum Glück hat Mama den Spinatbraten gestern schon vorbereitet. Sie muss ihn nur noch in den Ofen schieben. Langsam wird es wirklich eng. Was soll sie zuerst machen? Papa ist verschwunden. Wie immer, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Nachdem Nicole den Kindern die Frühstücksbrote geschmiert hat, überlegt sie, was noch zu tun ist: Sie muss neue Plätzchen backen, den Tisch decken, die Zwillinge baden, mit dem inzwischen vor Bauchschmerzen fiependen Hund vor die Tür. Zum Schminken hat sie auch noch keine Zeit gehabt. Blöderweise hat sie gestern beim Einkaufen auch noch das Baguette für die Guacamole vergessen. Guacamole. Oh nein, die ist ja auch noch nicht gemacht!

Na, wenigstens muss ich nicht mehr putzen, denkt Mama, denn das hat sie zum Glück vorgestern schon erledigt. Einmal fix über die schlimmsten Stellen drübersaugen dürfte reichen. Jetzt erst mal Badewasser einlassen für die Kids, dann sind die eine Weile beschäftigt.

Doch Archibald war auch im Badezimmer fleißig: Das ganze Waschbecken hat er sorgfältig mit Schokolade eingeschmiert. Die Soße für den Braten hat er von ziemlich weit oben ins Klo geschüttet, sodass überall lustige braune Punkte auf und neben der Klobrille zu sehen sind.

Als Mama kopfschüttelnd das Badezimmer verlässt, sieht sie die nächste Katastrophe: Die Kinder sind wohl im weihnachtlichen Malfieber gewesen. Mit bunter Wachsmalkreide haben sie immer denselben Engel gemalt. Er erinnert Mama irgendwie an Pumuckl und das, obwohl er keine roten Haare hat. Auf Zählen hat Mama keine Lust, aber geschätzt sind auf dem Couchtisch, der Ofenbank, dem Wohnzimmerboden und der Fensterscheibe ungefähr achtzig Koboldengel in den verschiedensten Farben zu sehen.

Bevor Nicole herausfinden kann, wer von den beiden Mädchen sie mit diesem Kunstwerk erfreuen wollte, ruft Paula aus dem Badezimmer: „Mama, wieso machst du Wasser auf den Boden?“ Mama stürmt in Richtung Badewanne. Der halbe Badboden ist unter einer nassen Schaumdecke verschwunden. Mit Tränen in den Augen dreht Nicole den Hahn zu. Erst da bemerkt sie, dass es plötzlich entsetzlich nach verbranntem Essen stinkt.

Archibald sitzt versteckt hinter den Kräutergläschen im Gewürzregal, reibt sich die Hände und lacht. Vor Begeisterung kann er seine Füße nicht stillhalten. Klirrend fällt das Gläschen mit dem Kräutersalz zu Boden, zerspringt in sechsundsiebzig Stücke. Die Fliesen werden wunderbar grün. So grün wie der geschmückte Tannenbaum, an dem Max gerade sehr ausgiebig schnüffelt und sich dann in eine sehr verdächtige, dreibeinige Position begibt.

Das ist zu viel, entscheidet Archibald, fliegt gerade noch rechtzeitig vor Max‘ Schnauze und schüttelt warnend den Kopf. Max findet es zwar nicht toll, dass der Baum nach dem nervigen Nachbarskater Friedolin müffelt. Hat sich der Schurke gestern Nacht doch wieder in sein Revier geschlichen, als Herrchen den Baum draußen auf der Terrasse abgestellt hat. Aber Engelsbefehl ist Engelsbefehl. Max stellt sein rechtes Hinterbein gehorsam wieder auf den Boden.

Archibald beobachtet, wie Nicole unter Tränen einen Kneteberg aus der Sofaritze herauskratzt, die Sofakissen von unzähligen braunen Pfotenabdrücken befreit und dann mit einem Holzkorb in den Schnee hinausstapft. Diese Mama tut ihm genauso leid wie alle anderen, die er zur Ruhe zwingen muss. Aber er weiß auch, dass er erst zum Einsatz kommt, wenn seine Kollegen versagen. Schaffen es die Herzensengel nicht, Liebe in ein Haus zu bringen, muss wohl oder übel Archi ran.

Als Nicole den mit Fichtenholz gefüllten Korb neben dem Ofen im Wohnzimmer abstellt, passiert es: Archibalds Pfeil trifft sie mitten in den Rücken. Erschrocken schreit sie auf. Es tut weh, sehr weh.

„Was ist los?“, fragt Pia besorgt.

„Ich glaub, ich hab einen Hexenschuss“, keucht Mama. Nur Archibald weiß, dass es gar keine Hexenschüsse gibt, sondern nur Engelsschüsse von Koboldengeln. Und die sind dazu da, diejenigen Menschen zu einer Pause zu zwingen, die meinen, sie hätten keine Zeit, sich mal auszuruhen.

Und so kommt auch Mama Nicole zu ihrer Pause. Pia und Paula hüpfen allein in die Badewanne. Weil sie sich zum ersten Mal selbst die Haare waschen, nehmen sie etwas zu viel Shampoo, schaffen es aber nicht, das wieder richtig auszuwaschen. Deshalb sehen sie nach dem Baden nicht unbedingt gewaschener aus als vorher, aber immerhin riechen sie gut. Die Kleider, die sie sich selbst herausgesucht haben, sind nicht besonders weihnachtlich, aber die Mädchen ziehen sich ihre Elsakostüme ganz ohne Hilfe von den Erwachsenen an, da kann keiner meckern.

Papa war erstaunlicherweise nur verschwunden, um fix beim Bäcker das Baguette zu besorgen. Kaum ist er wieder da, entzündet er das Feuer im Ofen und lässt die Reste des Kräutersalzes in den Mülleimer wandern, während Pia das Waschbecken und Paula das Klo putzt. Max geht allein vor die Tür und kommt sogar freiwillig wieder zurück, ohne durch eins seiner vielen Geheimverstecke für den Rest des Tages im Wald zu verschwinden.

Statt neue Plätzchen zu backen, kramt Pia eine Packung Schokokekse aus dem Vorratsschrank und stellt sie auf den Tisch, den sie zusammen mit Paula gedeckt hat.

Als Oma und Opa kommen, zeigen beide Schwestern ihnen die vielen Engelsgemälde. „Die sind von selber gemalt worden!“, erklären sie.

„Hübsch“, sagt Oma. „Kann ich dir noch was helfen, Nicole?“ Eine Minute später bereitet Oma die Guacamole zu.

Nachdem Mama sich eine Weile ausgeruht hat, humpelt sie mit ihrem krummen Rücken in die Küche und setzt Nudelwasser auf. „Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße!“

„Juchhu!“, ruft Pia. Und Paula fügt strahlend hinzu: „Das ist das leckerste Weihnachtsessen, das wir je hatten!“

„Ehrlich gesagt sollten wir jedes Jahr Spaghetti mit Tomatensoße machen“, schlägt Sven vor. „Das reicht doch völlig aus und alle sind glücklich. Und das nächste Mal starten wir den Tag von Anfang an mit weniger Stress, dann kannst du dir auch den Hexenschuss sparen, Schatz.“

„Ja, aber echt. Wenn ichs nicht besser wüsste, würde ich behaupten, da war ein Weihnachtskobold am Werk“, vermutet Paula.

„Ein Weihnachtskobold? Sowas gibts doch gar nicht“, protestiert Pia. „Wenn, dann war das ein Engel. Ein besonders frecher Engel.“

„Egal. Ich finds jedenfalls klasse, dass Mama diesmal nicht bis zur letzten Minute in der Küche herumgewerkelt und Staub gesaugt hat“, sagt Pia.

Paula nickt.

„Ist ja auch nicht nötig“, sagt Opa und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Unsere alten Augen sehen den Unterschied doch eh nicht, für uns braucht ihr euch die Mühe nicht zu machen.“

Mama lacht. „Ja. Wahrscheinlich schaut eh keiner so genau hin wie ich.“

„Nicole, du siehst heute zum ersten Mal richtig entspannt aus, trotz Rückenschmerzen“, stellt Oma fest.

„Na dazu hab ich ja auch allen Grund. Ich hab nämlich die tollste Familie der Welt“, antwortet Mama und drückt Sven und den Mädchen dankbar einen Kuss auf die Wange.

Und die Moral von der Geschicht: Es muss nicht alles perfekt sein, auch die Mama nicht. 😉

Diese Geschichte habe ich für unser bereits erwähntes Gemeinschaftsprojekt, den Mama-Entspannungs-Adventskalender geschrieben. Ein ganz herzliches Dankeschön an meine wunderbare Illustratorin Sandra Seiffart, die trotz Weihnachtsstress fix einen kleinen Archi für euch gezeichnet hat.

Und da ich öfter gefragt wurde: Ja, ein Rezept für Spinatbraten kenne ich tatsächlich. Ich hab es bereits Anfang 2013 gepostet. Schaut mal hier.

Eine wunderbare, friedliche und entspannte Weihnachtszeit wünsche ich euch!

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5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man könnte glauben, dass neben Kindern auch Autorinnen Kobolde sehen und hören können … Schöne Geschichte und zur Vorbereitungs-Entschleunigung lobe ich mir die gute Familientradition von schlesischen Weißwürsten und Nudelsalat als Festessen.

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  2. Ich glaub manchmal, dass Autorinnen auch Wesen erschaffen können. Oder Szenen erfinden können, die dann genau so passieren. Bei uns MUSS einfach ein Archi am Werk sein. Anders kann ich mir die jüngsten Vorfälle im Haus nicht erklären. Gerade hat er mir sogar meine Antwort gelöscht. Ich hoffe, er lässt sie diesmal durchgehen. Ich hab ihm jedenfalls gesagt, er soll woanders stänkern gehen. Bei uns sind die Herzensengel unterwegs – und die möchte ich auch behalten. 😉

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