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Interview: Die Öko-Hippie-Rabenmutter zu Gast

Kathrin Borghoff schreibt als Öko-Hippie-Rabenmutter über genau die Themen, die mich auch bewegen – und noch einige mehr. Sie schreibt unbeschönigte Geschichten aus dem wahren Leben. Bei ihr findet man keine Artikel aus der Sicht einer ununterbrochen gutgelaunten Übermutter, sondern Beiträge, die so sind wie der Alltag mit Kindern – und wie es eine meiner Lieblingsbands mit Jump Rope vor einigen Jahren besungen hat: Tage mit Höhen und Tiefen. Die Realität eben. Wir beide haben sehr viele Berührungspunkte und gerade deswegen hatte ich so große Lust, ihr ein paar Fragen zu stellen. Und hier kommen sie:

Kathrin, dein Erziehungsstil, bindungsorientierte Elternschaft ohne Erziehung, wie muss ich mir den vorstellen? Wenn jemand „ohne Erziehung“ hört, denkt er vielleicht: Die Kids dürfen alles und sind total verzogen. Was sagst du dazu?

Ich sage: Kann passieren, muss aber nicht 😉 Es mag sein, dass ich den Begriff ausgedacht habe, ich weiß nicht, ob es irgendwo auf der Welt einen Experten gibt, der das Erziehungsansatz oder Methode nennen würde. Für mich bedeutet es: Die bindungsorientierte Elternschaft, also eine, in der das Hauptaugenmerk auf den Bedürfnissen des Kindes liegt, wird dadurch ergänzt, dass man eben auch nach dem ersten Lebensjahr, in dem es ja gemeinhin heißt, dass man Kinder nicht erziehen und nicht verwöhnen könne, weiterhin nicht erzieht. Bei dieser Art von Erziehung ist die Bindung zum Kind wichtiger  als das Anpassen an äußere Umstände und man begegnet dem Kind auf Augenhöhe.

Es bedeutet auch, dass ich auf Belohnung, Bestrafung, Manipulation, Bewertung, (vermeintlich) logische Konsequenzen, Grenzsetzung und selbstverständlich auf psychische und physische Gewalt komplett verzichte. Das heißt NICHT, dass meine Kinder von morgens bis abends alles dürfen, egal, ob mich oder andere Menschen das nun verletzt oder überfordert oder was auch immer. Eher erlebe ich – und bei meinem großen Sohn Bubba Ray, der Ende des Jahres 3 Jahre alt wird, kann man da tatsächlich schon von einem Ergebnis dessen ausgehen – genau das Gegenteil. Ich erlebe einen kleinen Jungen, der nie boykottiert oder Grenzen sucht/testet. Er tobt und wütet und hat ganz genau die gleichen Gefühlsausbrüche wie andere Kinder, aber wir rangeln hier nie um Macht oderKathrin Borghoff Kompetenzen. Klassische „Trotzanfälle“ hat er nicht. Er ist nie frech und ungezogen.

Er trifft sehr kompetente Entscheidungen und ist sehr frei in seiner Art. Es gibt hier natürlich auch Rituale und einige gemeinsam geschaffene Regeln, aber an die können wir uns alle halten, ohne Zwang und Druck dahinter. Und das klappt eben – zumindest aus meiner Sicht – so gut, weil es klassische Erziehung hier nicht gibt, sondern wir alle auf Augenhöhe und gleichwürdig zusammen leben. Mein kleiner Sohn, D-Von, ist gerade 13 Monate alt geworden. Im Moment finde ich es besonders spannend, die Unterschiede zwischen den beiden zu sehen und bewusst wahrzunehmen. Mein Erstgeborener hat bald 3 Jahre Selbstbestimmung erlebt. Mein Kleiner muss erst noch darauf vertrauen, dass er eben diese hier erfahren wird. Das macht dieses Projekt noch mal spannender!

Schon allein dein Name – ÖkoHippieRabenmutter – polarisiert. Inzwischen hast du dich lange im Netz etabliert und die Menschen finden vielleicht gerade wegen deines Namens zu dir, aber … wie war das am Anfang, als du online gegangen bist? Hattest du Bedenken, es mit diesem Namen zu tun? Wie waren die Reaktionen der ersten Leser darauf?

Nee, Bedenken hatte ich keine, der Name ist absichtlich polarisierend gewählt. Stell dir mal vor, du würdest den Blognamen nicht kennen, mich aber bitten, meine Themen in einem kurzen Teaser zu beschreiben. Ich würde dir antworten: „Kurzgeschichten aus dem veganen, bedürfnisorientierten Alltag ohne Erziehung mit zwei Kindern unter drei. Langzeitstillen, Langzeittragen, Langzeit-Familienbett. Bioveganer Garten, Selbstversorger. Wir leben nachhaltig, umweltschonend und tierleidfrei.“ Was würdest du denken? Gut, du vielleicht nicht, aber ich bin schon immer so und habe es oft erlebt: Da kommt ganz schnell der Stempel: Bioveganer Garten, die baut ihr Gemüse selbst an und düngt mit Weihrauch oder was? Der Öko … Die stillt ihre Kinder über das erste Jahr hinaus? Krass, wie so ‘n Hippie. Wie bitte? Wer erzieht denn seine Kinder nicht? Rabenmutter …

Kathrins Kinder

Wenn man mich offline kennen lernt, bin ich übrigens ein ganz normaler Mensch. Trage Jeanshosen und am liebsten schwarze Shirts, ich habe ganz normale Haare, umarme nicht ständig Bäume und fluche verdammt viel. Auch wenn ich all das, Öko, Hippie und Rabenmutter, irgendwie bin, bin ich eigentlich doch – ganz normal. Bedenken hatte ich also keine, es war mehr so das bewusste Spielen mit diesen Vorurteilen, mit denen ich immer wieder konfrontiert werde.

Du machst so einiges, was nicht so ganz mainstreamig ist. Wie wird das von den Müttern in deiner Umgebung aufgenommen? Oder wissen die vieles gar nicht?

Schön, dass du das so empfindest, denn tatsächlich ernte ich damit zwei völlig gegensätzliche Reaktionen. Ich selbst finde mich auch nicht mainstreamig, kriege aber gerade für das Unerzogen-Ding immer wieder den Vorwurf, am Trend mitzumachen. Vegane Ernährung: dito. Selbst die Tatsache, dass ich – übrigens schon mein gesamtes Leben – von April bis Oktober barfuß laufe, wurde mir schon als „auffallen wollen“ unterstellt. Aber darüber schüttele ich nur den Kopf und mache mein Ding.

In nahezu jeder Krabbelgruppe fallen wir irgendwann auf. Manchmal in der Vorstellungsrunde, manchmal wenn die Kinder gewickelt werden und die Stoffwindeln zutage kommen, manchmal erst beim Abschiedsfrühstück, wenn ich mir alles selber mitbringe … Viele erreiche ich mittlerweile ganz gut und denke, dass vor allem der Blog viele Frauen dazu inspiriert, wieder mehr nach dem Bauchgefühl zu gehen und ihre Kinder näher zu sich zu holen. Im Offline-Leben mache ich diese Erfahrung viel seltener.

Stichwort vegane Kinderernährung: Mit welcher Begründung ernährst du deine Kinder vegan?

Also, um das in Kurzform zu beantworten, ist es zu umfangreich, deswegen lasse ich als Erstes den Link zu meinem Text „Das essen wir nicht – ethisch moralische Werte in der Kinderernährung und wie wir sie vertreten“ da. Letzten Endes möchte ich, dass meine Kinder einen gesunden ökologischen Fußabdruck haben, dass sie sich gesund und bewusst ernähren, dass sie unsere Umwelt und alle Lebewesen darin schätzen und dass sie lernen, dass man sich ernähren – sogar sehr gut ernähren und versorgen – kann, ohne anderen Leid zuzufügen. Gerade der ethische Aspekt ist dabei sehr groß. Sich von Fleisch zu ernähren, bedeutet eben immer, wirklich immer, auch Nachteile für andere. Für Tiere und Mensch und Umwelt. Es wird noch einige Jahre dauern, bis sie das wirklich begreifen. Bis dahin leben wir es ihnen eben gut vor, damit sie eines Tages eine kompetente eigene Entscheidung treffen können.

Und was passiert, wenn du auf einen Geburtstag eingeladen bist, damit gerechnet hast, etwas Veganes zu bekommen, aber es gibt so gar nix für euch?

Dann esse ich nichts 😉 Wenn es etwas Vegetarisches gibt, werden mein Mann und die Kinder wohl zugreifen. Ist mir aber noch nie passiert, Brot, Salat und Wasser gibt es doch immer.

Du bist ehrenamtliche Stillberaterin. Wie kam es dazu?

Eigentlich wollte ich schon Stillberaterin werden, als ich Bubba Ray noch stillte, da fehlte mir aber die Zeit. Dann nahm unsere Stillgeschichte leider ein sehr trauriges Ende. In der 16. Schwangerschaftswoche mit D-Von stellte sich die Milch um und Bubba – der war zu dem Zeitpunkt 16 Monate alt – trank schlechter. So schlecht, dass die Produktion versiegte. Es kamen nur noch Tropfen. Bubba, der aber auf die Brust nicht verzichten wollte, nuckelte sich stundenlang durch die Nächte. Es war wirklich grausam, denn ich litt zusätzlich an Hyperemesis Gravidarum und konnte mich nicht erholen. Ich hatte keine Ahnung, keine gute Hilfe und Beratung und so stillte ich letztlich ab. Bis heute zählt diese Entscheidung zu den fatalsten, die ich je getroffen habe. Für Bubba war das eine Katastrophe, für mich letztendlich auch und als D-Von kam und die Eifersucht einsetzte, war nichts so kontraproduktiv, wie dass ich nicht stillen konnte (da wollte Bubba schon nicht mehr). Als D-Von nun Anfang dieses Jahres aus dem Gröbsten raus war, füllte ich die Anmeldung aus und begann die Ausbildung, in der ich gerade noch bin. Ich hoffe, dass ich vielen Frauen, die aus welchen Gründen auch immer Schwierigkeiten haben zu stillen oder sich unsicher sind oder eben doch abstillen wollen, helfen kann. D-Von übrigens werde ich nicht abstillen. Er wird den Zeitpunkt des Endes selbst festlegen dürfen.

Gibt es ein Problem, das stillende Mütter besonders oft beschäftigt?

Ja, ich denke, vor allem das gesellschaftliche Bild. „Man“ stillt nur 6 Monate, „man“ stillt nicht in der Öffentlichkeit, „man“ stillt nicht große Kinder, „man“ stillt nicht sprechende Kinder … Und so weiter. Sich davon frei zu machen, ist einer der wichtigsten Schritte, aber auch einer der schwersten.

Du arbeitest auch im Home Office. Was ist deine größte Herausforderung?

Die Zeit. Meine Kinder gehen nicht in die Kita, sind nur zwei Vormittage die Woche bei einer mittlerweile befreundeten Tagesmutter, aber die paar Stündchen gehen schnell rum. Ich sitze viele Abende die Woche bis in die Puppen am Rechner. Ich mag das, es macht mir nichts aus, aber ich sehe, wie viel dann doch liegen bleibt. Spannend wird es ab Mai, wenn meine Elternzeit endet und der Druck sich erhöht … Na ja, wir werden sehen 😉

Wie können meine Leser dir helfen?

Oh, aktuell habe ich da eine ganz wichtige Sache, bei der ich in der Tat viel Hilfe gebrauchen könnte! Ich habe mich mit meinem Text „Tröste dich, es geht vorbei“ beim scoyo ELTERN! Blog Award beworben und bin nun unter den 10 Finalisten. Ab jetzt stimmen die Leser darüber ab, wer einen Preis gewinnt. Also, vielleicht kannst du deine Leser ja animieren, dort einmal für mich zu klicken – das wäre toll! Liebe Leser, bitte gebt mir doch euer Herz und macht mich damit sehr glücklich 🙂 Hier geht’s lang: https://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/eltern-blog-award-2016-voting

Scoyo Eltern Blog Award

Liebe Kathrin, herzlichen Dank für das spannende Interview.

 

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sandra, liebe Kathrin,

    vielen Dank für das schöne Interview.

    Diesen Vorwurf trendy sein zu wollen, kenne ich auch. Trend, Szene- es ist so einfach abgestempelt zu werden.

    Ich finde es spannend, wie auch bei Dir Katrin, so eins zum anderen findet und für dich zum veganen Leben ganz natürlich auch der Bereich Selbstversorgung dazugehört.

    Viele Grüße
    Stefanie

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