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Gareth Knapman: Wenn der Tod zu früh kommt

Normalerweise schreibe ich selten über Privates, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme, weil ich das Gefühl habe, dass es richtig und wichtig ist.

Umgang mit dem Tod eines Seelenpartners: Versuchen, das Positive zu sehen

Morgen wird mein bester Freund aus Studienzeiten beerdigt. Mein Freund Gareth Knapman wurde nur 35 Jahre alt. Als ich zum letzten Mal mit ihm auf der Bühne stand, hätte ich nie gedacht, dass es unser letztes Treffen sein würde. Selten habe ich einen Abend erlebt, der sich so richtig anfühlte wie jener Samstag im März 2014.

Ganz klar: Die Welt hatte sich weitergedreht, seit wir uns aus den Augen verloren hatten. Ich hatte geheiratet und war Mutter geworden. Nie werde ich seine Reaktion darauf vergessen – er begrüßte mich mit: „Oh my God, you’re a mother!“ Nie zuvor und nie danach hat mir jemand erzählt, dass er anhand der Haltung einer Frau erkennen konnte, ob sie eine Mutter war oder nicht. So wie ich behaupte, dass ich sowohl Engländer als auch Musiker mit ziemlich hoher Treffsicherheit in jeder Situation erkennen kann, so ging es ihm offenbar mit Müttern. Ja, ich war Mutter – und ich war glücklich, genau wie er. Er hatte eine Frau kennengelernt, die wirklich zu ihm passte, die in sich zu ruhen schien und bei der ich das Gefühl hatte, dass er sich wohl mit ihr fühlte, dass er endlich angekommen war.

Irgendwann freute ich mich, auf Facebook ein Foto ihrer Verlobung zu sehen – und rechnete eigentlich fast schon mit einer Hochzeitseinladung.

Kein Happy End

Doch es kam anders: Gareth fiel Ende April ins Koma, ausgelöst durch seine Diabetes-Erkrankung. Er wusste zwar vermutlich, dass es für ihn gesundheitlich nicht besonders gut aussah, aber dass es so schlimm war … Ich glaube, das hat er unterschätzt.

Er starb am 4. Mai 2016, nur zwei Monate nach seinem 35. Geburtstag, ohne noch einmal aufzuwachen.

An so gut wie jedem anderen Tag hätte ich die weite Reise zu seiner Beerdigung auf mich nehmen können, nur morgen, da geht es nicht.

Ich habe ihm versprochen, dass ich einen anderen Weg finden werde, um von ihm Abschied zu nehmen …

Gareth (2. v. r.) und ich vor vielen Jahren in unserer Stammkneipe

Noch immer verbunden

Bis ich die schockierende Nachricht über seinen Gesundheitszustand bekommen hatte, hatte ich völlig verdrängt, wie eng unsere Verbindung damals gewesen ist. Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit, über ihn, über uns, über unsere gemeinsame Zeit. Erst jetzt ist mir eins klar geworden: Die enge Verbindung, die wir zueinander hatten, sie war nie weg. Obwohl ich erschreckend wenig von ihm mitbekommen habe, denn die regelmäßigen Telefonate, die er mir versprochen hatte, blieben aus (so war er eben – es hätte mich auch gewundert …), habe ich doch das Gefühl, ihn noch immer gut zu kennen.

Was, wenn er gewusst hätte, dass er gehen muss?

Ich stimme einer Frau zu, die er vor kurzem kennengelernt hat. Die sagte über ihn: „Ich glaube, hätte er gewusst, er muss in zwei Wochen gehen, hätte er eine Party gemacht, ein Abschiedsfest.“

Manchmal frage ich mich, ob es nicht noch ein paar Sachen gab, die er vor sich hergeschoben hat, einiges, was er noch klären wollte, es aber jetzt nicht mehr klären kann. Es hätte zu ihm gepasst.

Ich kannte Gareth als einen Menschen, der die Dinge so nahm, wie sie waren. Der sie nie groß hinterfragte, sondern sie einfach akzeptierte. Er lebte vor sich hin und war glücklich und zufrieden. Selbst damals, vor über 10 Jahren, als er sich sein Geld als Leipziger Straßenmusiker verdiente, war er glücklich. Sicher hat es Tage gegeben, an denen ihn alles überfordert hat. Auch ein charismatischer Mensch, der so viel Ruhe und Frieden ausstrahlte wie er, bleibt davon nicht verschont.

Nein, er wollte mit Sicherheit nicht sterben. Aber es hätte seinem Charakter, so wie ich ihn kannte, entsprochen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren.

Sich an die schönen Momente erinnern

Bei unserem letzten Treffen erzählte er mir beiläufig mit einer Leichtigkeit – als würde er nie daran zweifeln, dass alles immer so kam, wie es kommen musste –, dass ein gemeinsamer Bekannter aus unserer Stammkneipe verstorben war. Natürlich würde es Gareth jetzt guttun, wenn er wüsste, wie viele Menschen von seinem Tod betroffen waren, wie viele Menschen um ihn trauerten, aber ich frage mich, ob er sich nicht wünschen würde, dass all diese Menschen seinen Tod als gegeben hinnehmen könnten. Dass sie mit einem Lächeln im Gesicht an die schönen Momente zurückdenken, die sie mit ihm gemeinsam erleben durften.

Ich für meinen Teil habe jedenfalls beschlossen, das so zu handhaben. Ich vermisse ihn sehr. Er hat mich über Jahre begleitet. Ich kannte ihn seit seiner ersten Woche in dieser Stadt, die mir ohne ihn so seltsam leer vorkommt. „You made me feel at home“, hat er einmal zu mir gesagt.

Ich glaube, könnte er noch etwas sagen, dann würde er diejenigen, die ihn kannten und mochten, einladen, so entspannt mit der Realität, den Fakten, dem Schicksal umzugehen, wie er es immer getan hat.

Ich bin mir sicher, er würde uns alle auffordern, nach vorn zu blicken, und er würde versuchen, diejenigen, die um ihn trauern, zu trösten, indem er sagen würde:

„Even when it seemed to be too early, it was my time!“

Thank you, Gareth Knapman, thank you for our time together. Thank you for being my friend, thank you for all these precious moments, for thinking straight when I wasn’t able to, thank you for the joy and happiness we shared, thanks for being there. Even though everything’s different now, I know you’ll always be there when you are needed.

Keep on California Dreaming wherever you are.

 

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke Sandra für die Worte, mir stehen Tränen in den Augen. Aber wie du schon schreibst: Man muss Dinge einfach so akzeptieren, die nicht zu ändern sind. Da kann auch ich mir immer wieder ein Beispiel an Gareth nehmen.

    Ja und in unseren Gedanken lebt er weiter. Ich erinnere mich zu gut an California Dreaming im FP, war schon eine tolle Zeit damals.

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  2. Danke für den Text, liebe Sandra. Mein Mann ist fast 30 Jahre älter geworden als Gareth, aber die beiden hätten sich bestimmt gut verstanden. Denn so, wie du Gareth beschreibst, waren sie derselbe Typ Mensch, nicht nur weil sie dieselbe Wahlheimatstadt Leipzig hatten. Wichtigster Wahlspruch meines Mannes war das Gebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Ich versuche das auch zu beherzigen, aber es gelingt mir oft nur unzureichend. Unsere Zeit in Leipzig, von 2004 bis 2014, war auch für uns eine wunderbare Zeit, für die ich dankbar bin. But things change.

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