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Kann man ohne Leidenschaft texten?

Manchmal gibts wirklich komische Zufälle. Ihr kennt ja inzwischen die Blogwichtelaktion des Netzwerks Texttreff. Und vielleicht erinnert ihr euch an den tollen Beitrag über die Maori, den mir Annette Lindstädt von rumreiserei.de letztes Jahr geschenkt hat. Nun sind wir ja im Texttreff über 900 Frauen – und etliche von ihnen bloggen. Und wen zog die Wichtelfee dieses Jahr für mich? Ihr ahnt es schon: Annette Lindstädt. Ihr Beitrag kam etwas später, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich ihn irgendwann bekommen würde – und siehe da: Hier ist er! Ich hatte Annette ein paar Fragen zu ihrem Job als Auftragsschreiberin gestellt:

Ich frage mich immer, wie man über etwas schreiben kann, was einem nicht liegt. Ich schreibe ja sehr gerne, aber ich kann nur über Dinge schreiben, die mich beschäftigen, bewegen, für die ich eine Leidenschaft habe. Aber was machst du, wenn du einen Text über irgendetwas total Langweiliges oder Ätzendes schreiben sollst?

Über sowas schreibe ich nicht … Spaß beiseite: Ich schreibe schon über (vermeintlich) trockene Themen – neulich zum Beispiel eine Success Story über ein Abrechnungssystem. Oder über Reiserichtlinien. Oder über Onlinebuchung. Ich finde das aber gar nicht langweilig – denn meist sind das erklärungsbedürftige Produkte und Dienstleistungen, die ihren Charme entfalten, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. Oder eben, wenn man erkennt, was damit gemacht wird und wie nützlich sie sind. colorful-1187114_640

Was ich relativ wenig interessant finde, sind Konsumgüter – mit ein paar Ausnahmen: Hundefutter und -bedarf zum Beispiel fände ich ziemlich reizvoll! Da sehe ich eine Parallele zu dir: Bei Themen, die mich auch privat packen, geht es mir natürlich leichter von der Hand.

Aber im täglichen Job als Konzeptionerin und Texterin befasse mich tatsächlich am liebsten mit erklärungsbedürftigen Produkten und Dienstleistungen und schreibe daher tendenziell eher im B2B-Bereich. Das ist ja irgendwie Geschmackssache. Ich finde oft so Prozessgeschichten spannend – wenn z. B. jemand eine Software einführt und dadurch alles besser, zeitsparender, bequemer funktioniert.

Aber was machst du, wenn du für Kunden texten musst, von deren Produkt du eigentlich gar nicht überzeugt bist?

Produkte, die mich nicht überzeugen? Hm. Meistens schreibe ich so tolle Texte darüber, dass ich sie dann selbst kaufen will. Im Ernst: Ich denke, was in deiner Frage mitschwingt, ist das Thema Distanz vs. Leidenschaft. Natürlich machen die Jobs am meisten Spaß, bei denen ich denke „Wow, tolles Produkt!“ oder „tolle Persönlichkeit, tolle Dienstleistung!“. Aber auch wenn mich das zu Beschreibende nicht selbst berührt, weil ich z. B. gar nicht Zielgruppe bin, versuche ich mich dennoch in diese reinzuversetzen und zu überlegen, was ihr daran gefallen, was sie überzeugen würde. Das finde ich dann sozusagen auf der Metaebene interessant, und auf dieser entwickle ich dann die Leidenschaft für das, was ich dann konzipieren oder beschreiben darf.

Diese Metaebene funktioniert auch, wenn ich etwas vermitteln soll, was in der Tat relativ eintönig ist. Vor Jahren habe ich mal einen Onlinekurs konzipiert, der Angestellte eines Unternehmens dazu anleiten sollte, Dokumente ordnungsgemäß und nach klar definierten Prozessen zu archivieren. Das ist natürlich nun nicht gerade aufregend – vor allem nicht für die Leute, die das machen müssen. Aber es muss eben getan werden, damit in bestimmten Fällen entscheidende Dokumente schnell wiedergefunden werden können. Da fand ich dann die Herausforderung interessant, diese offen gestanden total drögen Lerninhalte so aufzubereiten, dass die Lernenden es zumindest okay fanden, das durchzuarbeiten.

Aber natürlich gibt es auch Aufträge, die mich nicht packen – auch nicht auf der Metaebene –, die ich dann aber einfach trotzdem erledige, und zwar möglichst gut.

Und was machst du, wenn du Kundenanfragen hast von Unternehmen, mit denen du nichts zu tun haben willst? Oder gibts das nicht, dass Leute oder Produkte kommen, mit denen du gar nicht kannst?

Das ist ein schwieriges Thema. Natürlich wünschen wir uns alle Kunden, die genau auf der gleichen Wellenlänge schippern wie wir selbst. Bisher klappt das bei mir sehr gut – ich habe ausnahmslos angenehme, nette Kunden. Dafür bin ich sehr dankbar. Ob das Zufall ist? Wahrscheinlich nicht nur. Ich denke schon, dass ich durch das, was ich nach außen zeige – also meine Website, meine Präsenz in Social Media usw. – relativ viel von meiner Persönlichkeit und meiner Arbeitsweise zeige. Das zieht dann auch eher Menschen – und damit Unternehmen – an, die zu mir passen.

Ganz selten ist es vorgekommen, dass ich eine Anfrage aufgrund eines Störgefühls nach einer Bedenkzeit abgelehnt habe – da verlasse ich mich dann auf mein Bauchgefühl, das nach 13 Jahren Selbstständigkeit ganz gut funktioniert. Abgesehen von ganz handfesten Gründen, wo wir z. B. preislich nicht zusammengekommen sind oder ich einfach keine Kapazitäten hatte. Und manchmal komme ich tatsächlich mit dem Produkt nicht klar (oder kann es schlicht fachlich nicht bewältigen), dann sage ich auch das ganz offen.

140524_Annette_webUm zur Eingangsfrage zurückzukommen, ob man ohne Leidenschaft texten kann: Ich glaube nicht. Aber es muss – in meinem Fall – keine Leidenschaft für das Thema an sich sein. Ich würde zum Beispiel nicht behaupten, dass ich eine Leidenschaft für Reisesicherheit oder Bewerbungsgespräche oder Malz (alles Themen, über die ich schreibe) habe. Aber ich habe eine Leidenschaft für das, was diese Produkte oder Dienstleistungen bewirken oder für die Unternehmerpersönlichkeit, die dahintersteckt. Ich schätze die Herausforderung, Inhalte passend aufzubereiten und liebe auch die Themenmischung, weil es so nie langweilig wird.

Annette, vielen lieben Dank für das tolle Interview!

Annette Lindstädt konzipiert, textet und redigiert. Sie berät vor allem kleine und mittlere Unternehmen zu Content Marketing und Corporate Publishing. www.worthauerei.de

 

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Das hat sie gut erklärt. Ich habe auch schon Themen über Poker, Finanztexte oder Dirndl geschrieben… alles Themen, die mich nicht die Bohne interessieren. Und trotzdem sind die Texte für die Kunden‘ voller Leidenschaft‘ gewesen. Und wenn man sich etwas intensiver mit einem ‚Bäh‘-Thema beschäftigt, ist es meist für den Moment auch wirklich interessant. Sind die Texte dann allerdings abgegeben, finde ich das Thema meist wieder doof. – Aufschlussreiches Interview, das bestimmt auch anderen Textern helfen kann!

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