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Autoreninterview mit Jessica Koch

Ich hatte die Ehre, eins der ersten Interviews mit meiner Kollegin Jessica Koch zu führen, die ich als Lektorin betreue. Ich kann euch verraten, dass ich noch nie (!) ein Buch so schnell lektoriert habe wie ihres, denn diese wahre Geschichte hat mich einfach umgehauen.

Jessica, nächsten Dienstag kommt dein erstes Buch auf den Markt. Wie fühlst du dich? Kannst du dein Buch noch sehen?

Ob ich es noch sehen kann? Du bist lustig. Du kannst mich morgens um halb fünf wecken und mir eine Seitenzahl nennen, und ich sage dir in einer halben Minute die ersten und die letzten drei Sätze. Rückwärts!
Nein, im Ernst. Ich liebe mein Buch. Mir kommen an bestimmten Stellen noch immer die Tränen …

Ist das deine erste Erfahrung mit der Verlagswelt?

Nicht ganz. Ich habe mein Buch vor 13 Jahren schon mal geschrieben. In ähnlicher Form. Es diente lediglich dazu, mir alles von der Seele zu schreiben. Aber aus Spaß habe ich es trotzdem an zwei Publikumsverlage geschickt und sofort eine Zusage bekommen.
Die wollten echt meine Geschichte veröffentlichen! Der Gedanke daran, dass jeder das dann lesen kann, hat mich so erschreckt, dass ich den Vertrag mitsamt meinem Manuskript verbrannt habe. Ich habe mich bei dem Verlag nie wieder gemeldet und auch nie mehr etwas geschrieben.
Bis mein Mann Wind davon bekommen hat und mich so sehr gedrängt hat, dass ich alles noch einmal aufgeschrieben habe.
Autorenfoto Jessica Koch

Du hast dich entschieden, dein Buch in einem kleineren Verlag herauszubringen. Warum?

Ich hatte mehrere Angebote von Literaturagenturen und muss zugeben, ich habe rein nach Bauchgefühl entschieden. Der Verleger war mir sympathisch und er war von meiner Geschichte überzeugt. Deswegen habe ich mich für diesen Verlag entschieden.

Hast du dein Buch lektorieren lassen, bevor du es an deine Literaturagentur geschickt hast?

Öhm. Das darf ich jetzt niemandem sagen … Es war weder lektoriert noch korrigiert noch testgelesen. Die Agentur hat auf mein Manuskript gewartet, noch bevor es fertig war. Ich habe den letzten Satz getippt und es postwendend weitergeleitet.
Ohne noch mal drüberzulesen. Ohne Autorenbiographie und mit völlig falscher, katastrophaler Formatierung.

Man munkelt ja, dass man in kleinen Verlagen für alles selbst bezahlen muss. Welche Kosten sind bisher auf dich zugekommen?

Ich habe schon darauf geachtet, bei einem seriösen Verlag unterzukommen. Das war für mich Bedingung. Self-Publishing oder Druckkostenzuschuss-Verträge wären für mich nie in Frage gekommen. Da hätte ich das Manuskript lieber ein weiteres Mal verbrannt.
Also, um es kurz zu machen: Ich hatte selbstverständlich keine Kosten. Doch, Porto – als ich meinen Vertrag zurückgeschickt habe!

Für diejenigen, die gerade zum ersten Mal von deinem Buch hören. Worum geht es in „Dem Horizont so nah?“

Es ist eine Erzählung aus meiner Vergangenheit. Ich bin damals zwei Menschen begegnet, die mich in vielerlei Hinsicht sehr beeindruckt und geprägt haben. Ich weiß nicht, ob man es einfach eine Liebesgeschichte nennen kann. Denn es ist sehr viel mehr. Eine Liebesgeschichte mit Tiefgang. Anders als das, was man bisher kennt. Unvorhersehbar. Wahr.

Wie kam der Titel zustande und hattest du Einfluss auf den Titel?

Mein Arbeitstitel war ein anderer: Nordwind. Nach einem Gedicht, das ich ganz am Ende zitiere. Nach einem langen Gespräch mit meinem Verlag sind wir aber auf die Idee gekommen, das Buch nach einem sehr emotionalen Kapitel zu benennen. Der Titel kommt auch in einem Eichendorff-Gedicht vor, das eine sehr große Rolle spielt. Im Nachhinein ist uns allen klar, dass es keinen anderen Titel für dieses Buch geben kann. Alles andere wäre schlichtweg falsch.

Und beim Cover? Wer hatte die Idee dazu?

Da haben wir lange überlegt. Alle gemeinsam: Der Verleger, ich und auch meine Lektorin. Schließlich kamen drei Ideen zustande und auch da wurde schnell klar, in welche Richtung es gehen soll. An den Details haben wir ziemlich lange gefeilt, bis jeder zufrieden war. Das Ergebnis ist perfekt geworden. Titel

Auch eine Verlagsautorin kommt um das Marketing nicht herum. Was hast du in der Hinsicht für Pläne?

Eine große Zeitung, die über das Buch berichtet, wäre toll!

Du bist auch Mutter eines Kleinkinds? Wie sieht es bei dir aus mit der Work-Life-Balance?

Balance? Was ist das denn?
Es ist ehrlich gesagt sehr stressig, da ich ausschließlich nachts arbeiten kann, wenn alles schläft. Von dem her leide ich seit einem Jahr an chronischem Schlafmangel.

Jetzt hast du alle Schritte hin zur Entstehung eines Buchs mal miterlebt. Was war für dich am aufregendsten?

Das Lektorat. Davor hatte ich am meisten Angst. Dass meine Geschichte verändert wird. Das sollte nicht passieren, da sie auf jeden Fall wahr bleiben musste. Wenn du als Lektorin darauf bestanden hättest, dass ich das Ende umschreibe, hätte ich nicht mit dir weiterarbeiten können. Aber das war ja nie ein Thema, da waren wir uns von Anfang an einig. Wie bei allem anderen eigentlich auch …
Und dann kamen die Testleser. Das war auch eine Sache für sich. Es war sehr anstrengend, da alle von der Geschichte sehr mitgerissen wurden und mich dann teilweise bis spät in die Nacht mit Fragen überhäuft haben.

Dein Buch beruht auf einer wahren Geschichte, wie man so schön sagt. Wie viel von dir selbst steckt in deiner Protagonistin und wie viel von deiner Geschichte ist wahr?

Ich BIN die Protagonistin. Es steckt alles von mir drin. Liebe, Schmerz und ganz viel Herzblut.

Die Geschichte ist genau so geschehen. Selbst die Dialoge sind weitgehend eins zu eins wiedergegeben. Als ich im Kopf zurück in der Vergangenheit war, konnte ich mich an alles ganz genau erinnern. Ich wusste sogar noch, was die jeweiligen Personen an bestimmten Tagen anhatten. Sehr zu deinem Leidwesen, weil du das alles wieder streichen durftest  😉
Oh, eine Sache habe ich erfunden: Den Sturz von Dannys Pony. Den gab es zwar zu einem anderen Zeitpunkt, aber wir haben uns nicht verletzt dabei. Das ist passiert, als wir von seinem Mountainbike gefallen sind. Aber das Pony hat einfach besser gepasst, weil es unbedingt mit in die Geschichte musste.

(Das Mountainbike hat sich natürlich nicht vor einem Traktor erschrocken. Es kam ein Stock in die Speichen …)

Wie hast du dich gefühlt, als dir der Verleger mitteilte, dass er seine pingeligste Lektorin auf dein Buch angesetzt hatte?

Ähm, ja … Ich war stinksauer! Am liebsten hätte ich in dem Moment alles hingeschmissen. Und ich war noch nie ein Mensch, der taktisch klug alles überspielt. Ich sage, was ich denke. Hast du ja gemerkt! Ich dachte, mein Verleger findet das Manuskript soooo schlecht, dass ich jemanden brauche, der alles umschreibt. Ist zum Glück nicht passiert.

Und wie war das Lektorat für dich? Was hast du dabei gelernt? Hättest du damit gerechnet, dass sich der Text derartig verändert? Ist es überhaupt noch dein Text?

Das Lektorat hat total viel Spaß gemacht! Ich habe so oft herzlich gelacht, als ich die vielen Kommentare und Anmerkungen gelesen habe. Und gestaunt, was da so alles ans Licht kam.
Angst hatte ich vor allem vor den Kürzungen, muss aber sagen, dass es das Buch ungemein verbessert hat. Die Sätze kamen viel besser zur Geltung, nachdem das Blabla drumherum weggefallen war und wir uns auf das Wesentliche konzentriert haben. Wie ein Schatz, den man nach und nach freischaufelt.
Und ja, es ist definitiv noch mein Text. Sonst wäre ich nicht einverstanden gewesen.

Jetzt mal zum Text selbst: Obwohl deine Geschichte autobiografisch ist, hast du dich entschieden, sie in Romanform zu veröffentlichen. Warum?

Ich weiß nicht. So war sie in meinem Kopf. Also musste sie so aufgeschrieben werden. Es kam nie in Frage, es anders zu schreiben … Und das Ergebnis zeigt, dass es richtig war. Autobiographien sind oft langweilig. Das kann man von meinem Roman nicht behaupten.

Deine Art, mit direkter Rede umzugehen, hat manche Testleser irritiert. Was kannst du dazu sagen?

Wir wollten das möglichst authentisch haben, auch die Gespräche. Daher haben wir nur in der Erzählung selbst bei indirekter Rede den Konjunktiv 1 verwendet. Bei indirekter Rede in den Dialogen haben wir darauf verzichtet und die Personen so sprechen lassen, wie sie es auch in meiner Erinnerung tun. Bei längeren Passagen in indirekter Rede haben wir den Indikativ gewählt, weil uns alles andere viel zu aufgesetzt klang.

Ungewöhnlich ist auch dein Erzählstil. Mal schreibst du aus deiner Sicht in der ersten Person – dann schreibst du plötzlich aus der Sicht anderer – in dritter Person. All das in der Vergangenheit. Und dann gibt es auch noch Passagen, in denen du die Gegenwart gewählt hast. Ist das nicht alles ein bisschen wirr?

Es ist überhaupt nicht wirr. Ich wollte jeden mal zu Wort kommen lassen. Es war mir wichtig, dass Jörg, Dannys Betreuer, erzählen darf. Um einfach auch eine Sicht auf Danny zu bekommen, die mir an dieser Stelle noch verborgen war.
Ich wollte auch Danny selbst zu Wort kommen lassen und dann natürlich auch Tina, seine beste Freundin.

Es stimmt, dass auch unwichtige Charaktere ein Kapitel aus ihrer Sicht bekommen haben. Bestimmt hätte ich darauf verzichten können, aber dann wäre dem Leser diese ganz andere Perspektive verloren gegangen. So wie die Dame auf der Beratungsstelle dachten damals viele. Sie ist stellvertretend für den neutralen Beobachter. Deswegen hat auch sie in dem Buch ihre Daseinsberechtigung. Um den Blick von außen auf das Geschehen zu ermöglichen.

In der Gegenwart sind nur die Traumphasen. Die erkennt man leicht an der kursiven Schrift und am Inhalt. Es ist also überhaupt nicht verwirrend. Außerdem sind meine Leser klug und aufmerksam, denen kann man durchaus zutrauen, diese Perspektivenwechsel zu verstehen.

Wirst du weiterschreiben?

Ich bin schon dabei. Im Sommer wird mein zweiter Roman erscheinen. Er handelt von Dannys Kindheit. Im Moment bin ich dabei, die Anmerkungen meines Verlages umzusetzen und einige Kapitel zum besseren Verständnis der Leser auszubauen.

Ganz herzlichen Dank dafür, dass du meine Fragen beantwortet hast, Jessica. Ich wünsch dir viel Erfolg mit deinem ersten Buch!

Hier gehts zu Jessicas Webseite. Dort gibts auch eine Leseprobe für euch. Rezensionen zum Buch gibt es, sobald das Buch draußen ist, ganz sicher hier. Bestellen kann man das Buch dort auch bereits.

 

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr schönes Interview. Ich durfte „Dem Horizont so nah“ vorab lesen und war hin und weg von der Geschichte. Ich freue mich schon auf das zweite Buch.
    LG Kerstin

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